Kurioses aus der Ortshistorie:München ahoi!

Trambahnbau in München, 1930

Das Foto von 1930 zeigt den Bau der Straßenbahn-Gleise in der damaligen Pelkovenstraße - seit 1970 Bunzlauer Straße.

(Foto: Geschichts-Sammlung Laturell)

Die neueste Ausgabe der Moosacher Geschichtsblätter wartet mit einem bunten Strauß wissenswerter und informativer Beiträge aus allen Zeiten auf - etwa über die Pläne, die Residenz- zur Hafenstadt zu machen

Von Anita Naujokat, Moosach

"Aufforderung. Wenn Franz Tafelmeir, Wirth von Moosach, mir binnen 8 Tagen meinen Hut nicht vergütet, den er mir 1868 unschuldig von seinem Hausknecht in Pfand hat nehmen lassen, so bin ich beauftragt, weitere Klage zu stellen. Johann Bestle, Metzger in Feldmoching." Die Sache mit dem Hut dürfte für Franz Tafelmayr (1825-1886), Betreiber der Gaststätte "Alter Wirt", wohl das geringste Problem gewesen sein. Taucht man in der neuesten Ausgabe der Moosacher Geschichtsblätter in die vom Geschichtsverein und dem Heimatforscher Volker D. Laturell akribisch zusammengetragenen Auszüge und Artikel des Königlich Bayerischen Polizeianzeigers, dem Münchener Boten oder den Neuesten Nachrichten jener Zeit ein, dürfte Tafelmayr einer der schillerndsten, aber auch gefürchtetsten Moosacher gewesen sein. Mal stand er vor Gericht wegen "Ehrenkränkung", mal verfolgten ihn die Behörden, weil er einem Gendarmen die Nase abgebissen hat, mal wurde er bestraft, weil er sein Fuhrwerk unbeaufsichtigt herumstehen ließ.

Er wiederum führte Klage gegen Gerüchte, er habe den Ertrinkungstod seines Knechts "Leichmann" durch "körperliche Mißhandlung" herbeigeführt, oder überantwortete eine bei ihm überwinternde Herde Widder wegen ausstehender Ansprüche gegen den Viehhalter der Versteigerung. Der Wirt selbst starb übrigens nach einem Schlag mit einem Kartoffelstößel auf den Kopf, den ihm ein Schuhmachersohn beibrachte. Der Bursche soll "in Nothwehr" gehandelt haben.

Apropos Eintauchen: Wäre ein 120 Jahre lang ernsthaft verfolgter Plan realisiert worden, wäre München heute durch Moosach eine Hafenstadt, von der sich Ludwig I. wirtschaftlichen Aufschwung versprach und wofür später ganz Oberbayern umgegraben werden sollte. Mancher Fan erhob den Hafen zu einer "Lebensfrage für Bayerns Metropole", zog gar den Bierhandel als Argument heran, wie es Horst Rückert vom Geschichtsverein anschaulich beschreibt: Da "der Ausländer lieber ein billigeres Bier" trinke, verschmähe er das "weltberühmte K. B. Hofbräuhausbier" und greife lieber zum fränkischen, das größtenteils auf dem Wasserweg komme.

Der Hafen sei Großmachtsfantasie Wilhelms II gewesen. Unter den Nazis sollte es ein Hafen für tausend Jahre werden. Erst 1952 fiel er laut Rückert endgültig wegen der hohen Kosten und Zweifel an der Wirtschaftlichkeit ins Wasser. Denn Kosten hatten in all der Zeit der Planungen bis dato keine Rolle gespielt. Statt auf riesige Ladekräne unweit der Dachauer Straße und Touristenschwärme auf dem Weg zum Schwarzen Meer, wie Rückert die Szenerie eingangs beschreibt, setzten die Moosacher lieber auf die Straßenbahn. Über deren 90-jährige Geschichte in Moosach erfährt der Interessierte faktenreich von Volker D. Laturell, angereichert mit vielen historischen Fotografien, etwa auch warum sich zu gewissen Zeiten nur Milliardäre eine Fahrt mit der Tram leisten konnten.

Wie bei den vorherigen Ausgaben hat sich der Geschichtsverein für sein Heft 4 auf kein Hauptthema beschränkt, sondern bunte und informative Beiträge zu Moosach aus allen Zeiten zusammengestellt. So finden sich neben einem Zeitabriss zu den Anfängen des Gesamtvereins Moosach vor 40 Jahren, ein bis nach Afrika wirkender Mönchsorden oder eine Analyse, wie der Stadtteil den ersten Corona-"Lockdown" vor einem Jahr gemeistert hat. Und man erfährt allerlei Wissenswertes: Etwa dass die Leipziger Straße bei den Münchner Umbenennungsvätern weniger mit der Stadt in Sachsen zu tun hatte als vielmehr mit der Völkerschlacht bei Leipzig 1813. Deutscher Patriotismus 1913, der sich in Namen wie der Abensberg-, Großbeeren-, Eggmühlstraße bis heute widerspiegelt. Oder blickt auf "Zeitgeschichte - ohne Worte".

Moosacher Geschichtsblätter, Heft 4 (2021), 64 DIN-A4-Seiten gebunden, 83 Abbildungen, Auflage 500 Stück, herausgegeben vom Moosacher Geschichtsverein. Erhältlich zum Preis von fünf Euro bei Hugendubel im Olympia-Einkaufszentrum, Blattgold im Einkaufszentrum Meile Moosach, in der Tortenmacherei, Pelkovenstraße 50, Pelkoven-Apotheke, Bunzlauer Straße 15, oder direkt beim Geschichtsverein, Baubergerstraße 6 a.

© SZ vom 23.07.2021
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