„Es macht mir nichts aus, ihre Nahrung zu sein. Weniger als es mir ausmachen würde, nie von einer Mücke gestochen zu werden, von den Tieren am Kurilensee abgekoppelt zu sein.“ Anna, die Ich-Erzählerin in „Kurilensee“, dem Romandebüt der Münchner Autorin Sophia Klink, verspürt diese Sehnsucht nach Symbiose mit der nichtmenschlichen Natur. Und sie formuliert sie in einer Sprache, die ihr als Naturwissenschaftlerin gegeben ist: „Sie werden ihre Eier aus meinem Bluteiweiß bauen, ihren Nachwuchs mit den Albuminen und Amino-33-Säuren nähren, die meine Zellen hergestellt haben.“
Das ist Nature Writing in radikal analytischer Körperlichkeit. Und doch öffnet sich für Anna beim Blick durchs Mikroskop oder in die Tiefe des Sees auch ein Kosmos der Poesie. Da gibt es Ruderfußkrebse, „die wie borstige Tropfen aussehen“, Dinoflagellaten, deren Zellen im Wasser wie in Honig feststecken, Lachse, „die nicht schlafen können, ohne zu schwimmen“.
Kann man jetzt romantisierend finden, diese Metaphern, oder gar pastoral. Vorwürfe, die natursensibles Schreiben verlässlich begleitet haben, seit Henry David Thoreau seine Bretterhütte am Walden Pond in Massachusetts verließ und 1854 mit „Walden oder das Leben im Walde“ den ruralen Achtsamkeits- und Outdoor-Klassiker überhaupt herausbrachte, Zivilisationskritik inklusive.
Das Schreiben über die Natur, Nature Writing, hat in den vergangenen Jahren eine Renaissance erfahren, ob im Sachbuch, Roman oder in der Lyrik. Autoren und vor allem Autorinnen erkunden Landschaften, Flora, Fauna und setzen sich selbst in Beziehung dazu. Zwangsläufig geht es da auch um all die Verheerungen, welche die Gattung Mensch über den Planeten gebracht hat. Sogenannte Climate Fiction wie Frank Schätzings dystopischer Bestseller „Der Schwarm“ ist da vielleicht die dunkle Seite des Nature Writing. Doch die Grenzen verschwimmen, das Genre ist unglaublich divers.

Und eine der interessantesten, ungewöhnlichsten Stimmen ist die Biologin Sophia Klink, Jahrgang 1993. Seit Jahren schreibt sie literarische Texte über Natur und Wissenschaft, hat Preise gewonnen, etwa den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis beim Literarischen März, war Finalistin beim Open Mike, erhielt das Literaturstipendium ihrer Heimatstadt München oder des British Council. 2025 nun ist ein besonderes Jahr für die Autorin: Mit „Kurilensee“ hat sie einen viel beachteten Roman-Erstling in der Frankfurter Verlagsanstalt vorgelegt, im Frühjahr erschien bei Hochroth München zudem ihr Lyrikdebüt „Ich lösche die Kirschen aus meinen Genen“.
Wie ihre Protagonistin hat Sophia Klink einige Zeit in einer Forschungsstation zugebracht, allerdings nicht am Kurilensee auf der Halbinsel Kamtschatka, sondern im nordwestlichen Russland. Doch wie Anna im Buch hatte die Münchner Biologin, die mittlerweile ihre Dissertation an der LMU über die Symbiose zwischen Bakterien und Pflanzen verfasst hat, auch dort den drohenden Kollaps eines Ökosystems unmittelbar vor Augen.
Henry David Thoreaus Eremitenklause lag nur drei Kilometer von seiner Heimatstadt Concord entfernt, also in entspannter Nähe zu seinem Freund, dem Philosophen und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson. Anders die Station, von der aus die Limnologin Anna und ihre Mitstreiter den Kurilensee überwachen. Sie ist nur mit dem Hubschrauber zu erreichen, nach Moskau sind es 6773 Kilometer. Und doch greift die Zivilisation nach dem See und bringt die Forscher in ein Dilemma, aus dem ihnen auch das unablässige Analysieren von Wasserproben und Tabellen nicht heraushelfen kann.
Wird das Ökosystem am See endgültig zusammenbrechen?
In den See gelangen – aufgrund der immensen Fangquoten-Gier der Fischindustrie – immer weniger Lachse, immer geringer somit auch die Zahl ihrer Kadaver, die nach dem Laichen auf den Seegrund hinabsinken; Nahrung für die Algen, die wiederum das Futter für die nächste Lachsgeneration bilden. Das Ökosystem ist aus der Balance geraten. Kann die Zugabe von 20 Tonnen Phosphatdünger das Gleichgewicht wiederherstellen? Oder werden die Kreisläufe endgültig zusammenbrechen? Und dann auch die Bären am See verhungern?
Anna wird bis zum Ende des Sommers am Kurilensee beinahe alles infrage stellen, die Sinnhaftigkeit des Forschungsauftrags, die Motive der Kollegen, ihre eigenen, ihre Beziehung zum Wildhüter Vova, ihren Kinderwunsch.
Wissenschaftliche und poetische Sprache finden in Sophia Klinks Roman – wie auch in ihrem Lyrikband – zu einem ganz außergewöhnlichen, organischen Wechselspiel zusammen. Angepasst an die jeweilige Situation. So wie die jungen Lachse vom Süßwassersee mit offenen Mündern Richtung Meer schwimmen und sich ihr osmotisches System wie von selbst auf das Salzwasser einzustellen vermag.
Sophia Klink liest beim Herbst-Mix im Literaturhaus München am 11. November, 19 Uhr, weitere Gäste sind Martin Oesch und Maya Rosa

