Studie über Diskriminierung„Ich traue mich nicht zu sagen, dass ich Kurdin bin“

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Auf die Straße gehen und für die eigenen Anliegen demonstrieren wie hier am Münchner Gärtnerplatz – für viele Kurdinnen und Kurden ist das keine Selbstverständlichkeit.
Auf die Straße gehen und für die eigenen Anliegen demonstrieren wie hier am Münchner Gärtnerplatz – für viele Kurdinnen und Kurden ist das keine Selbstverständlichkeit. Florian Peljak
  • In einer Studie gaben 87 Prozent der befragten Münchner Kurden an, in den vergangenen zwölf Monaten diskriminierendes Verhalten erlebt zu haben.
  • Die geschätzt bis zu 28 000 Münchner Kurden sehen sich doppelt diskriminiert: von der deutschen Mehrheitsgesellschaft und durch andere Migrantengruppen, besonders Türken.
  • Die Forscher empfehlen Fortbildungen für Behördenmitarbeiter und die Etablierung eines „Kurdischen Hauses“ als sicheren Schutzraum für die Community.
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In der Stadt leben geschätzt bis zu 28 000 Kurden. In einer aktuellen Studie gibt ein Großteil der Befragten an, respektlose Behandlung erlebt zu haben.

Von Katharina Haase

Im Autonomiegebiet Rojava, im Norden Syriens, sterben Menschen. Dschihadisten, die nach der Flucht des Präsidenten Baschar al-Assad die Macht übernommen haben, greifen die dort lebende kurdische Bevölkerung an, und mit ihr die eigenständigen demokratischen Strukturen, die Kurden nach Jahrzehnten der Unterdrückung durch den syrischen Staat entwickelt hatten. Vielerorts in Deutschland gehen Menschen auf die Straße, um sich mit den Kurden in Rojava zu solidarisieren. Auch in München kam es zu Protesten mit teils mehreren Tausend Menschen.

Für die Münchner Kurdinnen und Kurden ist es keine Selbstverständlichkeit, öffentlich zu demonstrieren. Obwohl politisches Engagement für viele Kurden aufgrund ihrer Familiengeschichte wichtig ist, ist die Angst sehr groß, dafür diskriminiert zu werden. Und auch im Alltag sind die Münchner Kurden häufig Diskriminierung ausgesetzt. Oft beginnt diese schon im Kindesalter, zeigt sich in Schulen, Universitäten und am Arbeitsplatz, in Vereinen, Behörden oder auf der Straße.

Und während sich der Großteil der Kurdinnen und Kurden in der Stadt zu Hause oder angekommen fühlt, leiden viele dennoch unter den vielfältigen Formen von Abwertung und Bedrohung, die sie aufgrund ihrer Abstammung erfahren oder befürchten. Die Erfahrungen von Flucht vor Krieg, Gewalt und Diskriminierung in den Herkunftsländern spielen in nahezu allen Familien weiterhin eine große Rolle.

So zumindest lautet das Ergebnis einer Studie zur Lebenssituation der Münchner Kurden, die kürzlich im Rathaus vorgestellt wurde. Çinur Ghaderi, Professorin für Psychologie am Fachbereich Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule in Bochum, hatte diese gemeinsam mit ihrem Forschungsteam im Auftrag der Fachstelle für Demokratie im vergangenen Jahr vorgenommen. Ghaderi hatte sich bereits in früheren Arbeiten mit antikurdischem Rassismus in Deutschland befasst. Grundlage der Studie waren eine quantitative Umfrage und 32 qualitative Einzel- und Gruppeninterviews.

In München leben geschätzt bis zu 28 000 Kurden. Ghaderi und ihr Team haben die Zahl unter Einbeziehung aller bekannter Fakten zu Kurden in Deutschland errechnet, da es keinen kurdischen Pass gibt, die Menschen also nicht anhand ihrer Staatsangehörigkeit erfasst werden können. Etwa 56 Prozent der in der Münchner Studie befragten Kurden haben die deutsche Staatsbürgerschaft, 35 Prozent eine andere, am häufigsten die türkische. Acht Prozent der Befragten sind staatenlos. Diese Menschen leben mit großen rechtlichen Unsicherheiten für ihr Leben, aber auch das ihrer Familien.

Vor allem jüngere Kurden sind laut der Studie häufig in München geboren oder seit vielen Jahren hier verwurzelt. Dies spielt auch in der Selbstbezeichnung der Kurdinnen und Kurden eine Rolle. So bezeichneten sich beispielsweise mehr als 34 Prozent der Befragten neben kurdisch auch als deutsch.

Ich sage das immer: Ich bin ein Münchner Kindl. […] Und wir haben einen kurdischen Hintergrund.
Studie: „Münchner Kurd*innen“ – (Un-)sichtbare Realitäten zwischen pluralen Zugehörigkeiten und mehrdimensionaler Diskriminierung (GR5_Abs. 29)

Den Fokus legt die Studie auf die vielfältigen Formen von Benachteiligung oder Abwertung, der die Münchner Kurdinnen und Kurden ausgesetzt sind. Etwa 87 Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von diskriminierendem Verhalten geworden zu sein, am häufigsten in Form von Herabwürdigung und respektlosem Verhalten. Aber auch strukturelle Benachteiligung sowie körperliche und sexualisierte Angriffe wurden thematisiert.

Eine Besonderheit in der Erfahrung von Abwertung der Münchner Kurden ist der Studie zufolge, dass diese auf mehreren Ebenen stattfindet: Zum einen erleben sie ihren Aussagen nach rassistische Diskriminierung durch die in Deutschland lebende Mehrheitsgesellschaft, von der sie, zumeist aufgrund phänotypischer Merkmale oder des Namens, als „nicht-deutsch“ wahrgenommen werden. Dies betrifft der Studie zufolge alle Kurden gleichermaßen, selbst wenn diese die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Hier überschneiden sich die Erfahrungen mit denen anderer Migrantengruppen.

Zudem erleben Kurden häufige Diskriminierung aufgrund ihres Kurdisch-Seins. Diese geht zumeist von Personengruppen aus, die in einem der Herkunftsländer der Kurden zur Mehrheitsgesellschaft gehören. Am häufigsten von Türken, die in München die größte Migrantengruppe bilden. Hier werden vor allem ultranationalistische oder islamistische Akteure als Bedrohung wahrgenommen. Diese Angriffe würden von Behörden oft nicht als rassistische Übergriffe wahrgenommen, sondern eher als Konflikt unter Migranten, kritisieren die Befragten.

Und der Rassismus, den ich erlebt habe, war komplett aus der Türkei. Eben weil ich gesagt habe, ich bin Kurde, da musste ich gar nicht politisch aktiv sein. […]
Studie: „Münchner Kurd*innen“ – (Un-)sichtbare Realitäten zwischen pluralen Zugehörigkeiten und mehrdimensionaler Diskriminierung (E20-1_Abs. 8)

In den Interviews mit Mitgliedern der kurdischen Gemeinschaft in München zeigte sich deutlich, dass die Diskriminierungserfahrungen jegliche Lebensfelder der Kurden betreffen. So erklärte eine Befragte in Bezug auf ihren Arbeitsplatz: „Ich traue mich nicht zu sagen, dass ich Kurdin bin […]. Sag einfach, du kommst aus Syrien, dann sparst du dir jetzt die ganzen Diskussionen.“ Selbst die Kleinsten seien von dem Konflikt nicht ausgenommen. Das Kind in einen Kampfsportverein bringen, der „durchsetzt von türkischen Rechtsradikalen“ sei? – so formuliert es eine weitere befragte Person: „Um Gottes willen. Macht keiner.“

Für Außenstehende, die aufgrund ihres Berufs – etwa als Lehrpersonal oder bei der Polizei – in derartige Konflikte involviert werden, seien diese aufgrund fehlender Vorkenntnisse oft nicht nachvollziehbar. Allgemein sei das kurdische Leben in München eher unsichtbar, trotz des hohen Anteils in der Bevölkerung, bemängeln die Befragten.

Die Münchner Kurden treibt die Angst vor Abschiebung um, besonders durch das Erstarken rechtsextremer Kräfte in Deutschland. Die Befürchtung, dass das Leben, das sie sich hier hart erkämpft und aufgebaut haben, ihnen wieder genommen werden könnte, ist groß, ebenso wie die Angst in das Land zurückzumüssen, aus dem die Familie einst fliehen musste. „Für Kurden gibt es keine sicheren Herkunftsstaaten“, erklärt Çinur Ghaderi in einem Gespräch zur Entstehung der Studie. Die Diskriminierung der Kurden innerhalb der Länder stelle weiterhin eine Gefahr dar.

Anhand ihrer Studienergebnisse geben Ghaderi und ihr Team Handlungsempfehlungen an die Stadt. Dazu gehören vor allem Fortbildungen für Lehrkräfte, Sozialarbeiter, Polizeibeamte und Mitarbeiter des Gesundheitswesens und der Verwaltung. Auf Behördenebene könnten etwa unabhängige Beschwerdestellen sowie Antidiskriminierungstrainings für Mitarbeitende organisiert werden. Die Forscherinnen weisen zudem darauf hin, „dass ein konsequentes Vorgehen gegen rechtsextreme, ultranationalistische und islamistische Netzwerke notwendig ist, um antikurdische Ressentiments einzudämmen“.

Groß sei zudem der „Bedarf nach sicheren Schutzräumen und politischen Gestaltungsräumen“. Die Etablierung eines sogenannten Kurdischen Hauses in München könne „einen wichtigen Beitrag zu Empowerment, Selbstorganisation und gesellschaftlicher Teilhabe leisten“.

Miriam Heigl, Leiterin der Fachstelle für Demokratie, zeigt sich aufgrund der Studienergebnisse zuversichtlich, die Lebensumstände und die Sichtbarkeit der kurdischen Community in München verbessern zu können. „Jetzt ist es an uns allen, die Erkenntnisse der Studie in unsere tägliche Arbeit und unser Zusammenleben einfließen zu lassen.“ Ähnlich äußerte sich am Freitag Stadträtin Nimet Gökmenoĝlu (Die Grünen): „Wir als Stadtrat sollten uns in Hinblick auf die Studie nun miteinander verbinden und uns auf den Weg machen, die bestehenden Probleme der kurdischen Gemeinschaft in München zu lösen.“

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