Kunstwerk Auferstehung in der Theatinerkirche

Der neue Matthäus soll sich in die Formensprache des 17. Jahrhunderts einfügen.

(Foto: Catherina Hess)

Ein Luftangriff im Zweiten Weltkrieg vernichtete eine jahrhundertealte Matthäus-Figur. Lange Zeit füllte ein Pappkamerad die Lücke. Doch jetzt ist ein neuer Evangelist eingezogen

Von Jakob Wetzel

Sieben Jahre lang besetzte ein Pappkamerad seinen Platz, seit diesem Mittwoch aber steht wieder eine richtige Figur des Matthäus im Altarraum der Theatinerkirche. Die Gruppe der vier Evangelisten im Herzen der Kirche ist damit nach mehr als 70 Jahren wieder komplett. Die Lücke, die Bomben im Zweiten Weltkrieg gerissen hatten, ist geschlossen. Und der Altarbereich, der seit Langem nur provisorisch gestaltet ist, wirkt wieder wie aus einem Guss - zumindest auf den ersten Blick.

"Das ist ein Meilenstein auf dem Weg hin zu einer endgültigen Gestaltung", sagt Kirchenrektor und Dominikanerpater Paul Hellmeier. Gerade ist der Lastwagen abgefahren, der die mehr als eine Tonne schwere Figur angeliefert hat. Jetzt, sagt der Pater, sei es vollbracht: Er spricht von der "Wiederauferstehung des Ensembles". Die im 17. Jahrhundert geschaffene Figurengruppe habe man durch barocke Kunst aus der Gegenwart ebenbürtig ergänzt. Vielen Gästen werde gar nicht auffallen, dass die Figur eigentlich modern ist.

Tatsächlich ist der neue Matthäus keine Kopie des alten; dafür habe es über das Original zu wenige Unterlagen gegeben, sagt Erwin Emmerling, Professor für Restaurierung an der Technischen Universität München, der die Arbeiten initiiert und koordiniert hat. Der alte Matthäus war wie die anderen Evangelisten das Werk des bayerischen Hofbildhauers Balthasar Ableithner. Dieser schuf die vier je drei Meter hohen Figuren in den Jahren 1670 bis 1672, als die Theatinerkirche selbst noch im Bau war. In den folgenden Jahrhunderten standen sie vor einer Chorschranke, bis 1944 nach einem Luftangriff große Teile der Kirche ausbrannten. Die Figur des Lukas zersprang in viele Teile, der alte Matthäus wurde vollständig zerstört.

Den neuen Matthäus hat nun der römische Bildhauer Giuseppe Ducrot entworfen, im Auftrag der Kirchenstiftung Sankt Kajetan, wie die Theatinerkirche eigentlich heißt. Der Südtiroler Bildhauer Gregor Prugger hat das Standbild in Lindenholz umgesetzt. Gekostet habe das alles einen Betrag im unteren sechsstelligen Euro-Bereich, teilt die Bauer'sche Barockstiftung mit, die vom ersten Entwurf bis zur Fertigstellung für die Figur bezahlt hat.

Die Vorgaben seien kompliziert gewesen, heißt es aus dem Landesamt für Denkmalpflege, das Stiftung und Bildhauer beraten hat. Die Figur durfte neu wirken, sollte sich aber in die Formensprache des 17. Jahrhunderts einfügen. Das, sagt Emmerling, sei "hervorragend gelungen".

In der Theatinerkirche ist nun ein auch technisch ambitioniertes Projekt vorerst abgeschlossen. Begonnen hatte es im Jahr 2000: Damals waren Pläne konkret geworden, den Altarraum zu rekonstruieren. Bis 2015 gelang es, die Fragmente des Lukas zu einer vollständigen Figur zu ergänzen. Mit dem neuen Matthäus fehlt jetzt nur noch die Chorschranke. Derzeit steht im Altarraum ein Provisorium mit Portalen aus Styropor, durch die sonntags zum Hochamt der Chor ein- und wieder auszieht.

Man müsse sehen, wie es weitergeht, er dränge nicht, sagt Pater Paul, der Kirchenrektor. Aber der Wunsch, dass auch das letzte Provisorium in der Kirche angegangen wird, ist nicht nur ihm anzumerken. Die beiden Figuren seien von privaten Stiftungen finanziert worden, sagt Rüdiger von Michaelis, der Vorsitzende des Kuratoriums der Bauer'schen Barockstiftung. Man sei damit in Vorleistung getreten. Er hoffe sehr, dass die Kirche nun nachziehe.

An diesem Donnerstag berichtet Anna-Maria Stubenrauch vom staatlichen Bauamt über die Sanierung der Theatinerkirche und die Suche nach dem angemessenen Farbton. Treffpunkt ist vor dem Altar; Beginn ist um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.