bedeckt München

Kunstschaufenster:Helden falten

der Künstler INKYU PARK, das Werk LAOKOON-GRUPPE 
im @base , Milchstr. 4 Haidhausen

Kunstgeschichte im Schaufenster: die Laokoon-Gruppe.

(Foto: Robert Haas)

Inkyu Parks Laokoon-Gruppe im @base

Von Evelyn Vogel

Vor der in Stein gemeißelten Laokoon-Gruppe in den Vatikanischen Museen stand Inkyu Park noch nie. Doch seit Monaten steht er nun fast täglich zwischen Schnittmustern, die eine Falt- und Origami-Software aus Japan erstellt hat, zwischen Papierbögen aus Tetra Paks, Holzstäben, Kleber und Polygonteilen. Und er gestaltet genau dies: die Laokoon-Gruppe. Der Vater, der sich samt seinen beiden Söhnen im Todeskampf mit Schlangen befindet, zählt zu den bekanntesten Motiven in der westlichen Bildenden Kunst. Für viele Künstler war das lebensgroße Marmorensemble Inspiration. Doch aus Pappe in Lebensgröße? Für Inkyu Park sehr wohl.

Im @base, einem Schaufensterraum in der Milchstraße in Haidhausen, können seit 2020 Studierende der Klasse Kogler von der Münchner Kunstakademie ausstellen und arbeiten. Die Eres Stiftung hat den Raum dafür angemietet. Der 1983 in Südkorea geborene, in Fürth lebende Inkyu Park arbeitet wegen des Lockdowns dort schon viel länger als erwartet. Begonnen mit der Plastik hat er im April in der Akademie; im Dezember zog er ins @base um. Mittlerweile hat Park weit mehr als 20 000 Einzelteile geschnitten und gefaltet, hat sie zu Polygonen verklebt und auf eine feine Holzstruktur aufgebracht. Der Schnittbogen, sieben auf zehn Meter groß an der Wand, faltet das Original in 2D auf.

Eigentlich ist Parks Laokoon-Gruppe nun so ziemlich komplett. Aber er findet immer wieder ein Detail, das er noch nachbessern will. Der 37-Jährige ist im besten Sinne ein Besessener was Papier anlangt. Vor Jahren schon stachen seine aus feinsten farbigen Papierschichten abstrakt aufgebauten Münchner Kirchenbauten in Miniaturformat in den Akademieausstellungen heraus. Mit Rodins "Denker" in Lebensgröße nahm er sich die menschliche Figur vor. Und nun also die dreiteilige Laokoon-Gruppe, die auf dem Arbeitstisch stehend das @base in voller Breite ausfüllt.

An den meisten Stellen glänzt die Skulptur silbrig von den Innenseiten des Verpackungsmaterials. An bestimmten Stellen hat Inkyu Park aber die Außenseiten verwendet, so dass sich Markennamen und Produktbeschreibungen wie Bänder über die Gestalten und die Schlangen ziehen. Das verwendete Recyclingmaterial ist der eindeutige Hinweis auf Parks Kritik am Konsum der Wegwerfgesellschaft. Nebenbei stellt er aber auch die Heroisierung und die in Marmor gemeißelten kollektiven Wertmaßstäbe westlicher Kunstgeschichte in Frage.

Inkyu Park: Laokoon-Gruppe, @base, Milchstr. 4, bis zum Ende des Lockdowns

© SZ vom 17.02.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema