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Kunstmarkt:Mut zur Veränderung

Lust auf Neues: Andreas Baumgartl vor seiner neuen Galerie in der Prannerstraße.

(Foto: Stephan Rumpf)

Andreas Baumgartl eröffnet trotz Corona-Krise eine zweite Galerie

Von Ayca Balci

Andreas Baumgartl sitzt an seinem Galerie-Schreibtisch. Der standesgemäße Karo-Anzug ist heute mal einem ohne Muster gewichen. Zwischen all den Kunstwerken um ihn herum lässt er gedanklich seine vergangenen 20 Jahre als Galerist Revue passieren. Es hat sich einiges getan in dieser Zeit, und wenn es ein Wort gäbe, das seine Laufbahn beschreibt, dann wäre das sicherlich "Veränderung". Angefangen habe alles damit, dass der ehemalige Autoverleiher sein Hobby, also Kunst, zum Beruf machte. Und das dann auch gleich als größte Privatgalerie Münchens im historischen Orlando-Haus am Platzl. Zehn Jahre lang seien dort irrsinnig große Projekte gelaufen, sagt er und muss nur wenige Namen aufzählen: Karl Hofer, Helmut Newton, Gunter Sachs: "Das war schon ein Galeristen-Traum".

Dann zog es ihn mit der Familie an den Chiemsee und als die Ehe zerbrach, wieder allein zurück nach München. Der Kauf der Kellergalerie in der Brienner Straße ganz ohne Schaufenster und Tageslicht - ein großer Fehler, wie der Galerist heute weiß. Schon bald sei der Entschluss gefallen: Sein Leben sollte sich komplett verändern. Eine neue Galerie, ganz neue Kunst, ein Neuanfang auf einem weißen Blatt Papier. Die Räumlichkeiten, in die die neue Kunst ziehen sollte, waren auch bald gefunden - in der Prannerstraße, die er schon als kleiner Junge mit seinem Großvater gerne entlangflaniert sei.

In einen Laden zu ziehen, der mit nur 75 Quadratmetern vollkommen ungeeignet für eine Galerie ist, klingt nach dem vorherigen großen Fehler nach Risikofreude, bereut habe er die Entscheidung aber bis heute nicht. "Ich kam in die Straße, in die ich wollte" - nur das zähle. Ein weiterer Punkt der radikalen Veränderung: Wenn man sich heute in seiner Galerie umsehe, dann sehe man nur noch das, was er sich selbst gerne anschaue. An seinem Schreibtisch sitzend, lässt er den Blick durch den Raum schweifen: Es ist bunt, frisch, frech, Frauen- und Auto-Motive tauchen immer wieder auf. Er mache eben nur noch das, was ihm Spaß und Lust bringe.

Dieser Spaßfaktor, die eigene Überzeugung sei gerade auch in der schwierigen Corona-Zeit wichtig. Und ein bisschen Mut gehöre auch dazu, denn wenn es eine gute Zeit für Veränderungen gäbe, dann jetzt. Deshalb hatte Baumgartl auch den Mut, seine Unterschrift unter einen Mietvertrag für eine neue Galerie zu setzen - doppelt und dreifach überlegt habe er es sich aber trotzdem. "Das Herz sagte ja, der Verstand in diesen noch schwierigen Zeiten vielleicht doch eher nein", aber das Ergebnis des ewigen Abwägens sehe man ja jetzt.

Der Hauptgrund sei natürlich das Platzproblem gewesen, obwohl sich aus dem 75 Quadratmeter kleinen Laden mit weiteren 75 Meter verschiebbaren Wänden, auf denen Baumgartl die Kunstwerke für seine Kunden hin und her jonglieren kann, das Beste herausholen ließ. Aber auch diese Wände seien schließlich endlich. Dann habe er einfach Lust darauf gehabt, und vielleicht habe er den Schritt auch deshalb gewagt, weil er die permanent negativen Nachrichten nicht mehr hören könne. "Natürlich habe auch ich die Corona-Auswirkungen zu spüren bekommen", sagt er mit ernstem Blick. Die Galerietüren waren lange verschlossen, der Publikumsverkehr sei gegen null gewandert, und auch heute kämen nur die wenigsten rein. Aber diese wenigen seien im Vergleich zu früher viel freundlicher und, was den Kauf angeht, viel entschlussfreudiger - auch wenn es teuer sei. Er beobachte eine Art Lockdown-geschuldeten Nachholbedarf der Menschen, sich mit Kunst etwas Gutes zu tun. Etwas Positives neben all dem Negativen also. Und trotzdem wandert die Hand Baumgartls nachdenklich an die Stirn: "Die Frage ist natürlich, wie lange das anhält."

Für seine Galerievergrößerung schien der kürzlich frei gewordene Laden im Palais Seinsheim nur wenige Meter weiter ideal zu sein. Eine Chance, die sich Baumgartl nicht entgehen lassen wollte, auch dann nicht, wenn sie mitten in die wirtschaftlich schwierige Pandemie-Zeit traf. So stelle er sich eine klassische Galerie vor: lange Schaufensterfront, viel Tageslicht, hohe Decken und viel Platz für seine Großformate. Zukünftig bespielt Baumgartl beide Galerien. Wie er das managen werde, müsse er noch sehen, er könne sich ja nicht in zwei teilen.

Während er kurz darüber nachdenkt, läuft er raus auf die Prannerstraße und zeigt mit ausgestrecktem Arm vom einem Straßenende zum anderen und bleibt mit dem Finger dort stehen, wo man sein Galerieschild sehen kann: das Londoner Underground-Zeichen mit seinem Namen darin - ein Überbleibsel aus der Kellergalerie in der Brienner Straße. Baumgartl zählt die Galerien in der Straße auf, einschließlich der Kunstpassage im Bayerischen Hof. Die Prannerstraße werde langsam wieder zu einer Kunst- und Kulturstraße, so wie sie es einmal gewesen sei. "Das freut mich", sagt er und macht einige Schritte weiter in den Innenhof des Palais. Hier soll es, wenn es wieder möglich ist, Vernissagen mit Gelagen geben - die gehören einfach zu Baumgartl dazu, sagt er. Nach den dreiwöchigen Arbeiten in der neuen Galerie kann man die großen, farbenfrohen Kunstwerke jetzt nicht mehr nur durch das Schaufenster betrachten, sondern auch von nahem. Auch seine zweite Galerietür hat Baumgartl nun geöffnet. Ein offizielles Eröffnungswochenende verteilt auf drei Tage, damit es nicht so voll wird, soll in wenigen Wochen folgen.

Die kleine Galerie, die er einst "My new Love" nannte, werde jetzt aber nicht zur alten Liebe. Beide teilen sich fortan den Titel und das Herz des Galeristen.

© SZ vom 01.07.2020

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