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Kunstklausur:Das Bleiben im Walde

Alm Residency

Vermischung von Natur und Kunst, auch im Werk "Kaiser Pilz" des litauischen Künstlers Andrej Polukord von 2016.

(Foto: Marius Krivičius)

Bei der "Almresidency" lassen sich fünf Künstler von Natur und Bergwelt inspirieren. Auf einer Wanderung zeigen sie nun die Ergebnisse ihrer Arbeit, eine Ausstellung soll folgen

Von Franziska Herrmann

Es sind fünf kleine Sträucher am Boden, eine Fichte und eine Tanne im jugendlichen Alter stehen da dicht an dicht. "Eine von ihnen wird sich durchsetzen", erzählt Landwirt Leonhardt Bendel. Welcher Baum es sein wird, fragt eine Künstlerin auf der sogenannten Almresidency. "Das machen sie grade noch unter sich aus", antwortet Bendel, und macht weiter mit dem kleinen ABC der Baumlehre. Es ist ihm wichtig, dass die Gruppe mehr aus dem Wald mitnimmt als ein schönes Gefühl.

Das stellt sich hier sofort ein. Zweige schwingen, der Wind rauscht, und eine Wasserstelle plätschert. Die Medienkünstlerin Janina Tootz und die Fotografin Magdalena Jooss lernten sich 2016 in der Künstlerresidenz kennen und organisieren mittlerweile die "Almresidency". 70 Bewerbungen gab es in diesem Jahr. Fünf Künstler wurden eingeladen zehn Tage auf zwei abgelegenen Berghütten in der Natur zu verbringen. Ganz sich selbst und dem Wald überlassen. Es wird mit Feuer gekocht, und das Wasser für die Badewanne muss man selbst im Zuber erhitzen. Es klingt wie eine Zuspitzung unserer Situation in Zeiten von Isolation und Abstand.

Zur Halbzeit lernen sich die Künstler bei einem Abendessen erstmals richtig kennen. Als Vorspeise gibt es das peruanische Gericht Ceviche auf bayerische Art, mit rohem Fisch aus dem Tegernsee. Es folgen Bayerische Wraps. "Das sind regionale Zutaten und 95 Prozent Natur pur", erzählt Koch Freddy. Das Brot wird selbst geknetet und über der heißen Glut gebacken. Selbst geschossenes Wildtierragout, Maronencreme, Birnen und Pastinaken stehen liebevoll angerichtet bereit. Mit genügend Abstand wird sich lebhaft über die vergangenen ruhigen Tage ausgetauscht.

Das Münchner Malerpärchen Gülbin Ünlü und Benedikt Gahl wohnt in der oberen Hütte. Die beiden möchten "keine Worte zu sich lassen" während der Zeit hier. Sie sprechen nicht miteinander, hören keine Musik, lesen nicht und kommunizieren nur über Zeichnungen. Heute Abend machen sie eine Ausnahme und erzählen von den positiven Auswirkungen ihrer Sprachlosigkeit: Stilles Streiten dauert nur sehr kurz. Andrej Polukord ist aus Vilnius in Litauen eingeflogen. Er hat bereits einige Jahre in Wien studiert und zeigt seine neueste Arbeit, ein fast unwirkliches Foto. Es gehört zu seiner Serie "Woodstatues 2020". Man sieht ihn auf einem abgebrochenen Baum in beachtlicher Höhe stehen und in den Himmel ragen. Ist er da nun hochgeklettert oder ist das gut retuschiert? "Das sind drei Stunden Arbeit am Laptop" seufzt er.

Agnes Müller, die zusammen mit Jasmin Kaege da ist und meist performativ arbeitet, kommt aus Saarbrücken und zeigt kleine Blumensträuße die sie gepflückt hat. Hagebutte, Weidenkätzchen und Disteln baumeln kopfüber an einer feinen Schnur auf dem Balkon. "Mich interessiert die Geste des Pflückens und des Bindens" erklärt sie. In der gemütlichen Stube zeigt Leohardt Bendel derweil das Gästebuch. "Das war ein Künstler, der im letzten Jahr hier war", ruft er freudig und zeigt auf einen Eintrag mit koreanischen Schriftzeichen. Die Gruppe wärmt sich am Ofen, und es wird über Ideen gesprochen. Und wie es wohl wäre, gäbe es keinen Konjunktiv.

Am Sonntag laden die Künstler zur gemeinsamen Kunstwanderung ein und zeigen das vorläufige Ergebnis ihrer Arbeit. Wer Lust hat mitzulaufen, kommt um zwölf Uhr zum Treffpunkt bei Marienstein. Da es dort im Wald weder Straßennamen noch Kreuzungen gibt, gibt es unter www.almresidency.com Koordinaten für die GPS-Versierten. Die Kunstwerke gibt es voraussichtlich im Februar in einer Ausstellung in München zu sehen. Dann ohne echten Wald.

Kunstwanderung, Sonntag, 27. September 2020, 12 Uhr, Anmeldung und Treffpunkt unter info@almresideny.com

© SZ vom 25.09.2020

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