KunsthandwerkBesondere Handwerkskunst aus München

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Die Kreationen der Goldschmiedin Rike Bartels sind filigran, ausdrucksstark und sehr poetisch. Ihre Creolen in 750er-Rosegold sind geformt wie Katzenköpfe.
Die Kreationen der Goldschmiedin Rike Bartels sind filigran, ausdrucksstark und sehr poetisch. Ihre Creolen in 750er-Rosegold sind geformt wie Katzenköpfe. Rike Bartels

Was kann die KI nicht ersetzen? Das Handwerk. In München gibt es tapfere Streiter für traditionsreiches Kunsthandwerk. Sieben Porträts von Meistern ihrer Disziplinen.

Von Nadja Tadjali und Simona Heuberger

München, die Heimat der „Neuen Sammlung“ und des Bayerischen Nationalmuseums mit seinen Schatzkammern angewandter Kunst, ist eine Hochburg des Kunsthandwerks in Deutschland. Mit dafür verantwortlich sind zwei weitere Orte: die Galerie Handwerk und der Bayerische Kunstgewerbeverein. Beide zeigen in Ausstellungen Stücke aus verschiedenen Gewerken wie Glas, Holz, Keramik, Metall, Schmuck oder Textil. Dort können Besucher „live“ sehen und fühlen, wie viel Herz, Technik und Idee in jedem Objekt steckt. Zu den Höhepunkten im Jahreskalender beider Orte zählen deren Weihnachts-Ausstellungen: in der Galerie Handwerk bis zum 23. Dezember, im Bayerischen Kunstgewerbeverein bis zum 10. Januar 2026. Zudem schaffen beide Institutionen für Handwerker und Künstler eine Plattform, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Sieben Meister ihrer Disziplinen stellen wir hier vor.

Rike Bartels, Goldschmiedin

Rike Bartels Jahre in der Toskana haben sie geprägt: Ihre Arbeiten sind ausdrucksstark und haben eine sommerliche Leichtigkeit.
Rike Bartels Jahre in der Toskana haben sie geprägt: Ihre Arbeiten sind ausdrucksstark und haben eine sommerliche Leichtigkeit. Ayzit Bostan

Aus einem Rhodochrosit, Turmalinen und 18-karätigem Gold entsteht eine winzige Skulptur, die einen Ring krönt. Starker Golddraht wird zu Katzenköpfen, die Handgelenk, Ohren oder Finger schmücken. Ein Splitter Vulkangestein und zwei pinke Saphire – Rike Bartels fertigt daraus den Kopf eines kleinen Teufels. Die Kreationen der Münchnerin, die ihre Goldschmiedeausbildung in Pforzheim absolvierte, sind filigran und zugleich ungeheuer ausdrucksstark, dabei sehr poetisch, nicht selten haben sie einen humorvollen Twist.

Kostbare Marialien: Ihr Ring „Cielo“ besteht aus 900er-Gold, Rhodochrosit und Turmalin.
Kostbare Marialien: Ihr Ring „Cielo“ besteht aus 900er-Gold, Rhodochrosit und Turmalin. Jens Mauritz

Prägender als ihre Ausbildung, so Rike Bartels, waren ihre Jahre in der Toskana, wo sie mehr als ein Jahrzehnt mit dem Künstler Manfred Bischoff lebte. Die Leichtigkeit, das Träumerische wurden typisch für die heute 57-Jährige, und bildet einen charmanten Kontrast zu den kostbaren Materialien, die sie verwendet. Wer die Goldschmiedekünstlerin in ihrem Atelier in der Maxvorstadt besucht (nur nach Vereinbarung!), sieht: Sie lebt tatsächlich in den Wolken. Zumindest hoch über den Straßen. In München ist ein Teil ihrer Arbeiten in der Galerie Isabella Hund zu sehen.

Fritz Baumann, Schreiner

Der gelernte Schreiner Fritz Baumann verwendet am liebsten das frische Holz der Eiche.
Der gelernte Schreiner Fritz Baumann verwendet am liebsten das frische Holz der Eiche. Tanja Kernweiss

Fritz Baumann fertigt Hocker aus Holz. Der gelernte Schreiner zeigt das älteste Möbel der Menschheit roh und rau, minimalistisch und modern zugleich. Baumanns Lieblingsholz ist die Eiche. Er verwendet stets grünes, also frisches Holz, das an Ort und Stelle mit der Kettensäge bearbeitet wird. Die Sitzfläche skizziert er in den Stamm, dann sägt er die Form frei heraus. Dabei folgt er den natürlichen Verläufen der Maserung, die bewusst in die Gestaltung einbezogen werden.

Daraus entstehen raue, minimalistische Sitz-Skulpturen, die wirken wie expressive Naturstudien. Jede ist ein Unikat.
Daraus entstehen raue, minimalistische Sitz-Skulpturen, die wirken wie expressive Naturstudien. Jede ist ein Unikat. Fritz Baumann

Im Rohzustand werden die Stücke dann in die Werkstatt gebracht, wo sie nach einem langen Trocknungs-Prozess verarbeitet werden. Als Kontrast zu den griffigen Seiten hobelt Baumann die Sitzflächen spiegelglatt. Je nach Holz werden die Hocker gebürstet, gekalkt oder mit Rostwasser geschwärzt. Fritz Baumanns Sitz-Skulpturen sind expressive Naturstudien, jede ein Unikat, sie „sehen aus, als hätten sie schon vieles erlebt. Und das haben sie ja auch.“ Termine im Showroom nach Vereinbarung.

Jörg Euteneuer, Kunstschmied

Metall ist sein Material, er hat das Schmiede-Handwerk von der Pike auf gelernt: Jörg Euteneder.
Metall ist sein Material, er hat das Schmiede-Handwerk von der Pike auf gelernt: Jörg Euteneder. Eva Juenger

Das Ziel von Jörg Euteneuer ist es, industrieller Glattheit etwas Lebendiges gegenüberzustellen. Metall ist sein Material, er hat das Schmiede-Handwerk gelernt. Der Kunstschmied, der bereits als Leiter der Metallwerkstatt beim renommierten Atelier van Lieshout in Rotterdam große Kunstprojekte leitete, entdeckte seine Leidenschaft für den Werkstoff während seiner Gymnasiumszeit. Zusammen mit Freunden sammelte er auf Schrottplätzen geeignete Wrack-Teile, um Skulpturen und Möbel zu schweißen.

In seiner Kunst-Schmiede bei Starnberg entstehen auch Gebrauchsgegenstände wie diese handgeschmiedete Pfanne.
In seiner Kunst-Schmiede bei Starnberg entstehen auch Gebrauchsgegenstände wie diese handgeschmiedete Pfanne. Jörg Euteneuer

Heute führt er eine Kunst-Schmiede in Unterbrunn bei Starnberg. Dort entstehen architektonische Elemente wie Fenstergitter, Treppengeländer oder Tore, aber auch Gebrauchsgegenstände, wie eine handgeschmiedete Pfanne. Mit einer Eisenpfanne lässt es sich gut braten, schmurgeln, schmoren. Sie hat eine hohe Wärmekapazität, eignet sich für Induktion, Ceran, Gas und andere Feuerstellen und hat eine hohe Lebensdauer.

Simone Flohrer, Mohnschmuck-Künstlerin

Die Autodidaktin Simone Flohrer fertigt Weihnachtsschmuck aus goldgefassten Mohnkapseln.
Die Autodidaktin Simone Flohrer fertigt Weihnachtsschmuck aus goldgefassten Mohnkapseln. privat

Simone Flohrer aus Nürnberg macht einen ganz besonderen Weihnachtsschmuck. Sie gestaltet Anhänger aus Mohn-Kapseln, in Form von poetischen kleinen Pagoden. Das Kunsthandwerk, das sie von ihrer Großtante aus München-Germering gelernt hat und das sie in dritter Generation fortführt, ist einzigartig, es gibt keine Ausbildung dafür. Die Abläufe erfordern höchste Konzentration und Fingerspitzengefühl. Die unterschiedlich großen Kapseln, die Flohrer, mit Ausnahme der Feldmöhner, aus dem Ausland bezieht, werden erst getrocknet und entgiftet. Dann bohrt die Handarbeiterin mit Holz-Stichen präzise Löcher in die Kapseln, bis ein filigranes Dekor entsteht. Anschließend setzt sie die Kapseln pagenförmig auf Fäden und verziert sie mit Fundstücken aus der Natur. Und ganz zum Schluss werden die kleinen Gebilde mit feinen Gold-Akzenten bemalt. Mit den filigranen Anhängern lassen sich Weihnachtsbäume schmücken, aber auch Frühlings-Zweige. In München über den Bayerischen Kunstgewerbeverein zu beziehen.

Sylvia Wiechmann, Weberin

Das Weben bedarf einer langen Übung. Auf 50 Quadratmetern arbeitet Sylvia Wiechmann an sechs Webstühlen.
Das Weben bedarf einer langen Übung. Auf 50 Quadratmetern arbeitet Sylvia Wiechmann an sechs Webstühlen. Rolf Wiechmann

„Weben macht süchtig“, sagt Sylvia Wiechmann. Seit 1994 ist sie Meisterin im Weberhandwerk, ihre Werkstatt, die Damasthandweberei, befindet sich im Münchner Westend an der Gollierstraße. Auf 50 Quadratmetern arbeitet sie an sechs unterschiedlichen Webstühlen. Das Weben ist ein Prozess, bei dem zwei Garne (Kette und Schuss) rechtwinklig miteinander verflochten werden, um einen Stoff zu erzeugen. Das erfordert Geschicklichkeit, Koordination und viel Geduld. Schäfte, Pedale, Schiffe und Webkämme müssen miteinander im Einklang sein. Es ist ein Handwerk, das man nicht schnell erlernt, es bedarf einer langen Übung.

Ihr Spezialgebiet sind historische Stoffe, die sie nachwebt, aber auch edle, gemusterte Seidenschals.
Ihr Spezialgebiet sind historische Stoffe, die sie nachwebt, aber auch edle, gemusterte Seidenschals. Sylvia Wiechmann

Für einen gemusterten Seidenschal sitzt Wiechmann einen Tag an einem mehr als 100 Jahre alten Jaquard-Webstuhl mit Lochkarten-Steuerung. Eins ihrer Spezialgebiete ist das Nachweben von historischen Stoffen für Museen oder Kirchen. Wiechmann bietet auch Web-Kurse an, die schnell ausgebucht sind. „Weben ist im Moment wieder sehr modern“, sagt sie. Termine nach Vereinbarung.

Triska & Eisenblätter, Modistinnen

Ihre Borsalinos leuchten plüschrosa oder samtrot: Katrin Eisenblätter und Astrid Triska fertigen außergewöhnliche Kopfbedeckungen.
Ihre Borsalinos leuchten plüschrosa oder samtrot: Katrin Eisenblätter und Astrid Triska fertigen außergewöhnliche Kopfbedeckungen. Claudia Goepperl

Ein Borsalino ist ein Borsalino ist ein Borsalino? Nicht wenn er aus dem Atelier von Katrin Eisenblätter und Astrid Triska stammt. Dann leuchtet der Klassiker plüschrosa oder samtrot. Seit 30 Jahren – gerade feierten sie Jubiläum – fertigen die Hut-Künstlerinnen in ihrem Atelier und Showroom an der Hans-Sachs-Straße außergewöhnliche Hüte, Kappen, Schieber, Fascinators und seidene Turbane. Von Romy Schneider wissen wir, wie fantastisch sie besonders jungen Frauen stehen. Jedes Stück ist ein Unikat, oft angelehnt an historische Formen und versehen mit Federn, Blumen oder Bändern. Es gibt Alltagsbegleiter für Wind und Wetter, genauso wie Blickfänger für besondere Anlässe – etwa Hochzeiten. In der Regel dauert es circa drei Tage bis eine Kreation fertig ist. Von der Handwerkskammer bekamen Triska & Eisenblätter den Bayerischen Staatspreis verliehen. Viele ihrer Hüte sind Teil der Sammlung in Museen wie dem Münchner Stadtmuseum oder dem Bayerischen Nationalmuseum.

Scarlet Berner, Keramik-Künstlerin

„Meine dreidimensionalen Reflexionen über Schwerkraft, Fehler, Freuden und Melancholie“, so beschreibt Scarlet Berner ihre Keramikarbeiten.
„Meine dreidimensionalen Reflexionen über Schwerkraft, Fehler, Freuden und Melancholie“, so beschreibt Scarlet Berner ihre Keramikarbeiten. privat

Ein Musenkuss war es nicht, nur das Geschenk von Freunden, und doch wirkte es beinahe genauso folgenreich. Als Scarlet Berner, die an der Akademie der Bildenden Künste in München Malerei studierte, in Zusammenarbeit mit Architekten Farbkonzepte für Wohnanlagen, Schulen und Kindergärten entwickelte und lange experimentell mit der Kamera arbeitete, als sie also eine Töpferscheibe geschenkt bekam, entdeckte sie die Keramik für sich. Das war 2014. Heute ist Keramik ihre stärkste künstlerische Ausdrucksform: „Meine dreidimensionalen Reflexionen über Schwerkraft, Fehler, Freuden und Melancholie.“ Ein Teil ihrer neuesten Arbeiten war Anfang Dezember in der Ausstellung „Jahresgaben“ im Münchner Kunstverein und ist bei „Vonform“ zu sehen, einem Schauraum für Kunst und Design, den sie mit ihrem Mann, dem Designer Jan Roth an der Kurfürstenstraße 17, betreibt.

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