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Kunstfehler-Prozess:Baby tot - Mutter seit elf Jahren im Wachkoma

Eine Familientragödie, ein Prozess, der immer dramatischer wird - und die heikle Frage: Ab wann und bis zu welcher Summe muss ein Arzt haften?

Ein Prozess vor dem Oberlandesgericht München (OLG) um einen tragischen Kunstfehler entwickelt sich immer dramatischer. In dem Verfahren, in dem Schmerzensgeld- und Schadenersatzforderungen von weit über einer Million Euro im Raum stehen, ist ein hauptbeklagter Arzt derartig unterversichert, dass er im Falle einer Verurteilung seine Schuld kaum bezahlen könnte.

Baby tot - Mutter seit elf Jahren im Wachkoma
(Foto: Foto: dpa)

Nicht zuletzt daran scheiterte am Donnerstag der Versuch des 1. Zivilsenats, mit einem Vergleich über eine Million Euro das langwierige Verfahren zu beenden.

Es geht um eine damals 26-jährige hochschwangere Frau, die 1996 mit dem ebenso seltenen wie gefährlichen "Hellp"-Syndrom in eine städtische Klinik gekommen war. Kurz nach der Geburt starb das Kind, und die Mutter liegt im Wachkoma - seit elf Jahren.

Grober Behandlungsfehler?

Das Gericht muss nun klären, ob schon der niedergelassene Gynäkologe grobe Behandlungsfehler begangen hatte. Und auch, ob die diensthabende Klinikärztin es grob fahrlässig unterlassen hatte, umgehend ein Team für eine Notfalloperation zusammenzurufen.

Denn der Notarzt hatte die Klinik schon telefonisch über den "eklamptischen" Anfall sowie den "Hellp"-Verdacht informiert und damit auf einen Zustand akuter Lebensgefahr bei der Patientin hingewiesen. Außerdem steht ein Organisationsverschulden des Krankenhausträgers, der Stadt München, im Raum.

In erster Instanz beim Landgericht München I waren nur die Stadt und die Klinikärztin "dem Grunde nach" verurteilt worden, Schmerzensgeld und Schadenersatz zu zahlen. Es ging allerdings noch nicht um konkrete Summen. Gegen dieses Urteil ist dann Berufung beim OLG eingelegt worden.

"Krankenhausphobie"

Nach einigen Verhandlungstagen rückt für den OLG-Senat offenbar der Gynäkologe wieder stärker in den Brennpunkt des Geschehens: Entweder hatte er die brandgefährliche Situation unterschätzt oder seine Patientin nicht ausreichend auf ihre lebensbedrohliche Lage hingewiesen.

Der Mediziner selbst hatte erklärt, dass er die Frau eindringlich aufgefordert habe, in seine Belegklinik zu gehen, sie sich aber wegen ihrer "Krankenhausphobie" geweigert habe. Die Klage gegen diesen Arzt war in erster Instanz noch abgewiesen worden.

Nun stellte sich heraus, dass dieser Doktor bloß mit 500 000 Euro haftpflichtversichert ist. Schon deshalb lehnte sein Anwalt den Millionen-Vergleichsvorschlag des Gerichts ab. Der Anwalt der betroffenen Frau wiederum hält eine Million für deutlich zu wenig und winkte ab. Ebenso der Rechtsanwalt der Stadt, der sich sicher zeigt, dass dieser kein Organisationsverschulden nachgewiesen werden kann.

Das OLG gibt nun ein weiteres Gutachten in Auftrag, das vor allem zwei Fragen aufklären soll: Hätte die Klinikärztin schon vor dem Eintreffen der Schwangeren das Notfall-Team bereitstellen müssen? Und hatte zuvor bereits der Gynäkologe die gesamte Lage falsch eingeschätzt? Der Prozess wird möglicherweise noch länger als ein Jahr dauern.

© SZ vom 2.3.2007
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