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Kunstbedürfnisanstalt:Ein stilles Örtchen wird berühmt

München hat ein neues Museum: Unter der Ludwigsbrücke haben Künstler eine öffentliche Toilette mit Graffiti verschönert.

Zwischen zersprungenen weißen Fließen und Spinnweben leuchtet es Pink hervor. An der Wand ist ein leicht bekleidetes und ziemlich schwer bewaffnetes Mädchen zu Gange. In der Kabine nebenan wächst Gras, darüber hat eine Klofrau ein Gedicht hinterlassen. Interessiert betrachtet eine alte Dame die einst so trostlose Bedürfnisanstalt unter der Ludwigsbrücke, die Künstler mit ihren Spraydosen in ein buntes Museum verwandelt haben. Kunstbedürfnisanstalt haben sie ihr Projekt genannt.

Frauenpower auf der Toilette: Das Gungirl in der Kunstbedürfnisanstalt.

(Foto: Foto: fuckuall)

Noch bis einschließlich Samstag können die Münchner die Streetart bewundern. Rund 800 Menschen waren - im Rahmen der Eröffnung bei der Langen Nacht der Museen - bereits da. Auch am Montag bleiben die Passanten, zumeist Rentner, interessiert stehen, wenn aus der Toilette elektronische Musik tönt. "Schön und so bunt", sagt die alte Dame über die grellen Farben, die die düsteren Räume erleuchten. Doch der Kunstbedürfnisanstalt geht es um mehr als die Verschönerung des öffentlichen Raums.

Drei Luftballons, ein oranger Obama, eine türkise Merkel und ein quietschgelber Reich-Ranicki, erzählen von den Geschehnissen der vergangenen Woche - und von der Aufgeblasenheit der Medienberichterstattung. Im Raum dahinter fragt ein Atomic-Sunset in rot und gelb, was mit unserem radioaktiven Müll passiert. "Wir wollen zum Nachdenken anregen", sagt Marco Ziegler, der gemeinsam mit Mathias Köhler, besser bekannt als Loomit, das Museum erschaffen hat. Graffiti werde heute oft falsch verstanden: "Viele sehen nur das Geschmiere - auch weil Künstler nur ihr Kürzel hinterlassen wollen", so Ziegler. "Der Inhalt wird dabei oft vergessen. Dabei geht es in erster Linie um Kommunikation."

Bereits mit 14 Jahren hat der Münchner seine ersten Graffitis gemacht. In den vergangenen 20 Jahren hat sich in der Szene viel getan: Die Sprayer haben die Schmuddelecke verlassen, die Streetart ist vielerorts zum anerkannten Kunstwerk geworden. "Heute können wir legal Wände bemalen", sagt Ziegler, der inzwischen hauptberuflich das Label fuckuall betreibt. "Die Bilder sind schablonenhafter und grafischer geworden - manche sogar museumsreif." Nur in München tue man sich nach wie vor schwer mit der Kunst aus der Dose: Kaum eine Galerie zeigt Graffitis.

Ziegler will das nun ändern und aus der temporären Kunstbedürfnisanstalt eine feste Institution für Streetart machen, in der wechselnde Künstler ausstellen. Die Reaktionen geben ihm recht: Von Vandalismus oder Schmierereien ist kaum die Rede. Hier und da wird bei Passanten sogar Bedauern laut, dass die Toilette am Samstag wieder ihre Türen schließt. "Einige Besucher haben gesagt, in der biederen Museumslandschaft in München seien wir der einzige Lichtblick", erzählt Ziegler stolz. "Und die Location ist einfach einmalig. In Paris oder London gibt es solche Galerien längst."

Auch die Stadt scheint nichts gegen die Pläne zu haben. Die Bedürfnisanstalt am Müllerischen Volksbad hat ihr lange genug Ärger gemacht: Weil sich hier die Junkies trafen und die Beschwerden häuften, musste die Toilette für die Öffentlichkeit gesperrt werden. Lange Jahre wurde sie nur noch als Lagerplatz für Reinigungsgeräte genutzt und schließlich ganz zugemacht - die Herrschaft übernahmen fortan die Spinnen. Ein paar Graffiti-Sprayer scheinen da das geringere Übel zu sein, vor allem nachdem sie eine ganze Woche lang geputzt haben.

Außerdem kann man nun auf der öffentlichen Toilette wieder seine Bedürfnisse los werden - zumindest die künstlerischen. Und dass immer noch ein paar Tierchen zwischen der Streetart hausen - wen stört's? Schließlich ist die Kunstbedürfnisanstalt kein normales Museum.

Kunstbedürfnisanstalt, Fußgängerunterführung Ludwigsbrücke, Montag bis Samstag, 11 bis 17 Uhr, weitere Informationen unter www.fuckuall.de

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Ein stilles Örtchen wird berühmt