Kunstaktion Erinnerungslücken

Die Künstlerin Konstanze Sailer erinnert an vergessene Opfer des Nationalsozialismus

Von Jakob Wetzel

Margit Zinke hat nicht mehr hinterlassen als einen Brief. Die 31-jährige Frau und vierfache Mutter schrieb ihn aus dem Hamburger Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel an ihre älteste Töchter. Es war der 23. März 1945, ein besonderer Tag: Das Mädchen, das bei der Großmutter lebte, wurde an jenem Tag acht Jahre alt. Und Zinke machte sich Sorgen - weniger um sich selbst als um ihre Kinder. Die Großmutter solle doch ein paar Dinge aus der Wohnung holen, schrieb sie, vor allem den Zucker. Den habe sich eine Nachbarin ausgeborgt, aber den bräuchten doch die Kleinen dringender. Weniger als einen Monat später war Zinke tot. Die Nationalsozialisten erhängten sie im Konzentrationslager Neuengamme. Einen Gerichtsprozess gab es nicht.

Margit Zinke war Kommunistin gewesen und Mitglied der Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe, der größten organisierten Widerstandsgruppe in Hamburg. In ihrer dortigen Wohnung hatte sie Widerstandskämpfer versteckt, in der Hansestadt ist heute eine Straße nach ihr benannt. Doch Zinke stammte aus München, und in Bayerns Hauptstadt erinnert an die Frau bis heute nichts. Die Künstlerin Konstanze Sailer möchte das gerne ändern.

Seit April 2015 widmet sich die deutsch-österreichische Malerin einer ambitionierten Gedenkaktion: "Memory Gaps". Monat für Monat schließt sie eine Erinnerungslücke an ein vergessenes Opfer der Nazi-Diktatur, und zwar auf ihre Art. Ob in Wien, in Salzburg oder nun zum wiederholten Mal in München: Jedem vergessenen Toten widmet Sailer eine virtuelle Ausstellung ihrer Bilder im Internet. Jede solche Ausstellung ist einer fiktiven Galerie zugeordnet, die an einer Straße liegt, die es nicht gibt, die es in den Augen der Künstlerin aber geben sollte - in diesem Fall an der Münchner "Margit-Zinke-Straße 45". Die Hausnummer steht für das Todesjahr. Dabei ehrt Sailer Individuen aus allen Opfergruppen. Besonders häufig, sagt sie, handle es sich bei den Vergessenen um Frauen.

Mit Tusche auf Papier hat die Künstlerin Konstanze Sailer ihr Kunstwerk "Schrei 00:30 Uhr" geschaffen.

(Foto: Konstanze Sailer)

Sailers Bilder sind seit 2005 entstanden. Sie deuten zum Schrei aufgerissene Kiefer an, in Tusche auf Papier. Es ist ihr großes Thema: Sailer beschäftigt sich in ihren Arbeiten seit mehr als 30 Jahren mit dem Tod, mit Gesichtern und Schädeln, zuletzt besonders mit Unterkiefern als Zeichen für den Kopf.

Mit ihrer Aktion gehe es ihr darum, dass die Millionen Ermordeten nicht zu geschichtlichen Anekdoten herabgewürdigt werden, sagt die Künstlerin. Auf diese Erinnerungslücken hinzuweisen, das empfinde sie gerade in diesen Zeiten als dringende Notwendigkeit. Denn umgekehrt begegne man vielerorts Straßennamen, die an Menschen erinnern, die sich der Nazi-Diktatur angedient hätten. Das sei grundverkehrt: "Es ist ein falsches Narrativ, das wir da gerade in Zeiten des aufkeimenden Populismus zu erzeugen beginnen."

Und so bringt die Malerin nicht nur vergessene Tote zurück ins Bewusstsein, sie regt auch Straßenumbenennungen an. In München hat sie etwa die Pfitznerstraße in Milbertshofen im Visier: Hans Pfitzner war ein mehrfach ausgezeichneter Komponist, aber auch ein glühender Antisemit. Nach 1945 rechtfertigte er den Holocaust: Hitler sei nicht das "Warum" des Judenmordes vorzuwerfen, sondern nur das "Wie". Statt an diesen Mann solle lieber an Zinke erinnert werden, fordert Sailer. "Ich will weder Pfitzner noch irgendjemandem seine Künstlerschaft absprechen, er soll weiter gespielt werden in der Münchner Philharmonie und im Wiener Musikverein." Mit einem Straßennamen aber werde der ganze Mensch geehrt und zum Vorbild erhoben.

Jedem vergessenen Opfer widmet Konstanze Sailer eine Ausstellung ihrer Arbeiten aus Tusche auf Papier im Internet.

(Foto: Konstanze Sailer)

In München ist die Stadt mittlerweile sensibilisiert: Derzeit werden alle womöglich problematischen Straßenbezeichnungen von Historikern durchleuchtet. Aber diese Analyse ist noch nicht fertig, die Straßennamen bestehen einstweilen fort. Etwa in Neuhausen: Hier erinnert die Hilblestraße an Friedrich Hilble. Der Mann war bis 1937 Leiter des städtischen Wohlfahrtsreferates und treibende Kraft, wenn es darum ging, nicht nur politische Gegner, sondern auch sozial Schwache ins Konzentrationslager Dachau zu sperren. Dort nur politische Gefangene zu internieren, war ihm nicht "zweckmäßig" genug.

Als Alternative zur Hilblestraße schlägt Konstanze Sailer eine "Rothkirchstraße" vor: Die Erinnerungslücke an Henriette Rothkirch hat sie bereits im September 2015 geschlossen. Anders als über Zinke ist über Rothkirch nur wenig bekannt. Im Dezember 1900 wurde sie in München geboren, ihre Eltern waren Zeev und Roza Reichenberg. Irgendwann heiratete sie einen Ignaz Rothkirch. 1939 wurde sie in Wien verhaftet, weil sie Jüdin war und sich offenbar politisch gegen die Nationalsozialisten betätigte. Ihre Spur führt in die Konzentrationslager Lichtenburg und Ravensbrück. Am 31. März 1942 wurde Rothkirch in der Tötungsanstalt Bernburg an der Saale umgebracht. Die Ausstellung für sie verlegte Sailer in eine Galerie an der fiktiven Rothkirchstraße 42.

Die virtuellen Ausstellungen sind unter www.memorygaps.eu zu sehen.