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Kunst:Zeugen der Erde

Die Pollinger Säulenhalle "Stoa 169" wächst und wächst. Der israelische Bildhauer Dani Karavan schuf dafür ein klassisch-schönes Werk. Es war seine letzte Arbeit, bevor er starb. Sie zu bekommen, war nicht leicht

Von Sabine Reithmaier

Bernd Zimmer sitzt auf den Stufen der Bauhütte und blättert ungeduldig durch allerlei Papier. Eigentlich hat er an diesem sonnigen Morgen überhaupt keinen Nerv zum Lesen. Er wartet auf Dani Karavans Säule, die jeden Moment in der Stoa169 eintreffen sollte, die letzte der 121 Stelen, die noch vor dem Aufsetzen des Flachdachs aufgestellt werden muss. "Schon ein ganz besonderer Tag", sagt er, steht auf und beginnt, unruhig auf und ab zu gehen. "Schade, dass er sein Werk nicht mehr sieht", sagt er und sprintet davon, weil sich ein Lastwagen der Pollinger Säulenhalle nähert. Tatsächlich: Auf der Ladefläche liegt hell schimmernd und fest angegurtet Karavans letztes Werk.

Der israelische Bildhauer ist vor wenigen Wochen am 29. Mai gestorben. Während die Handwerker prüfen, ob an dem Fundament in der ersten Reihe der Halle alles passt, erzählt Zimmers Frau Nina von dem langen Atem, den es brauchte, um diese Säule nach Polling zu holen. Berichtet von monatelangen ergebnislosen Kontaktversuchen, Telefonaten, Briefen, Mails. Karavan hat viele seiner Werke für Deutschland geschaffen, von ihm stammt die "Straße der Menschenrechte" mit den in den Himmel ragenden 27 Pfeilern in Nürnberg oder das Bodenrelief "Misrach" in Regensburg zur Erinnerung an eine zerstörte Synagoge. Nach dem ersten Brief aus Polling habe er angenommen, er solle die ganze Halle gestalten, sagt Nina Zimmer. Das wollte er sich mit seinen 90 Jahren doch nicht mehr zumuten. Erst als es Bernd Zimmer gelang, mit ihm persönlich zu reden, klärte sich das Missverständnis auf. Karavan, angetan von der Idee des internationalen Gemeinschaftsprojekts, entschied sich, mitzumachen.

„Du sollst nicht töten“ hat Dani Karavan auf die Säule gemeißelt.

(Foto: Stoa169 Stiftung/Elke Fischer)

Plötzlich stockt die Arbeit am Fundament. Den Handwerkern fehlt ein spezieller Betonbohrer für das Podest. Also saust ein Mann los, das Werkzeug zu holen. Zimmer beantwortet derweil Besucherinnen Fragen. Die Halle füllt sich zusehends, obwohl es erst elf Uhr und ein normaler Wochentag ist. Die meisten kommen mit dem Radl.

Unbeeindruckt von dem ganzen Trubel sitzt Leo Namislow vor seiner Säule und zeichnet mit Acrylstiften an einem Wimmelbild. Im Vorbeigehen erinnert es mit seiner reichen Ornamentik an ein ovales Kirchenfenster, wären da nicht jede Menge mysteriöse Figuren, die sich zwischen Häusern und Türmen tummeln. Letztlich verarbeite er die Action-Figuren seiner Kindheit, sagt der gelernte Steinmetz, der als freier Maler und Bildhauer in Essen lebt. Er malt ohne Vorzeichnung, im Skizzenbuch finden sich nur Figurenentwürfe. "Ich versuche immer, mich ins Abstrakte zu bewegen, aber es kommt meist was Figürliches raus", witzelt er dann. Das gilt auch für seine Säule, ein Frauenfuß in hochhackigem Pumps. Zwölf Tage werde er brauchen, bis er sein Werk vollendet hat, schätzt er. "Aber es ist toll, so etwas Großes mal wieder machen zu dürfen."

Nicht weit von ihm entfernt ragt die geballte Faust der Russin Olga Chernyshevas in den Himmel, wandern die Cortenstahl-Frauen der Nigerianerin Mary Evans, reckt sich die Platane von Flatz durch eine Dachöffnung der Sonne entgegen. Das Sorgenkind des Stoa-Teams ist derzeit Joana Vasconcelos Säule, deren drei Teile noch auf der Bodenplatte liegen. Die portugiesische Künstlerin hat den Innendurchmesser zu klein berechnet, jetzt passen die Elemente nicht auf den aus statischen Gründen notwendigen Stahlbetonpfeiler.

Direkt neben dem Eckfundament für die Stele aus Portugal steht bereits die wuchtige Granitsäule Ulrich Rückriems. Wind und Wetter können diesen Zwölf-Tonnen-Blöcken nichts anhaben. Anders als der Säule von Timur Si-Qin, einem Künstler deutscher und mongolisch-chinesischer Abstammung. Der Kunststoff, den er für sein Werk wählte, schwächelt bereits nach wenigen Sonnentagen und muss mit Holzlatten abgestützt werden.

Ein anderes Sorgenkind, die farbenfrohe Säule von Ocean Sole, ist vor wenigen Tagen angekommen. Eingeschifft in Kenia, hatte sie das Pech, auf der "Ever Given" zu landen, jenem Containerschiff, das erst tagelang den Suezkanal blockierte und dann in Ägypten festgehalten wurde. Doch jetzt steht sie bunt und gute Laune versprühend in der Halle. 2300 ehemalige Flip Flops stecken in ihr, Müll, den der Ozean in Kenia ans Land spült. Ocean Sole, eigentlich ein Sozialunternehmen, recycelt das Strandgut. Fünf Künstler brauchten 60 Tage, um die oben mit Giraffenköpfen gekrönte Skulptur herzustellen. Ob die ehemaligen Schlappen jetzt Kunst sind oder eher nicht - Zimmer findet die Frage vernachlässigbar. Auf jeden Fall sei es ein Zeitphänomen, sagt er und blickt zufrieden durch die Halle. "Wir haben fast alles abgedeckt, was mit Kultur und Kunst zu tun hat, das war mir das Wichtigste."

Die Giraffen lugen in Richtung Kenia. Zimmer hat versucht, möglichst alle Säulen so auszurichten, dass der Blickwinkel ins Herkunftsland weist. Auch bei Tammam Azzam, einem syrischen Künstler, der 2011 seine Heimat verlassen musste: Der Pfeil auf seiner Stele, das auf den Kopf gestellte, arabische Schriftzeichen für Freiheit, schaut gegen Mekka.

Inzwischen schwebt die Karavan-Säule über ihrem Fundament. Es braucht viel Fingerspitzengefühl, um sie passgenau aufzusetzen. Immer wieder wird sie nach oben gelupft, bis endlich alles stimmt. Dann steht sie da, glatt, ebenmäßig, klassisch schön. Wäre da nicht eine unscheinbare Gravur: "Thou shalt not kill" steht in Altenglisch auf der einen, das hebräische Pendant auf der anderen Seite. Eine leise, aber nachdrückliche Mahnung.

© SZ vom 18.06.2021
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