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Kunst:Werke im Schaufenster

Sri Maryanto

Wer genau hinsieht, entdeckt auf den pastellfarbenen Acrylgemälden von Sri Maryanto auch mal Totenköpfe und Knochen.

(Foto: Sri Maryanto)

Die Jahresausstellung der Akademie der Bildenden Künste findet 2020 nicht in gewohnter Umgebung statt, sondern an vielen Orten in der Stadt - und im Internet

Von Cora Wucherer

Im Schaukasten der Giesinger Buchhandlung hängt Kunst. Rechts rauschen auf der Tegernseer Landstraße Autos vorbei, es hat mindestens zehn Grad mehr als in jedem Museum und neben der Scheibe prangen Graffiti. Dahinter hängt eine Leinwand, auf der schwarzes, zerknittertes Material und Schrift aufgetragen sind. In den Räumen der Akademie der Bildenden Künste sieht es anders aus, fühlt es sich anders an. Aber trotzdem hängt "Neurofix" von Martin Huber, ein Teil der Jahresausstellung, hier in Giesing und nicht dort.

Die Jahresausstellung 2020, die in wenigen Wochen auf die Beine gestellt wurde, ist anders als in den Jahren zuvor. "Pandemic Edition" nennen die Studierenden sie in diesem Jahr. Das klingt nicht nach Krise, sondern eher wie eine moderne Sonderanfertigen einer Handtasche. Und ein bisschen so ist die "Pandemic Edition" auch gemeint: innovativ, mit der Möglichkeit zur Berührung und überall dort zu finden, wohin man auch eine Handtasche mitnehmen könnte. Denn man kann die Jahresausstellung in Münchner Clubs, Restaurants, auf Parkplätzen, in Parkanlagen, Ausstellungsräumen erkunden, aber auch in New York, Zürich und in Finnland. Wenn die Menschen nicht zur Kunst kommen können, kommt die Kunst eben zu den Menschen.

In der Akademie selbst allerdings ist die Ausstellung nicht möglich. Zu einschränkend wären die Abstands-, zu kompliziert die Zugangsregeln. Aber für die Kunst ist Begegnung wichtig, im realen Raum, deshalb die städtischen Standorte. Wo sich die Kunstwerke befinden, erfährt man auf einer Karte auf der eigens programmierten Website.

Zu betrachten sind die Videos, Gemälde, Installationen, Plakate und Performances größtenteils bis Anfang August. Die Eröffnung am 25. Juli gab es nicht in der Akademie, sondern auf ihr: Die Klasse Johanna Reich projizierte Video-Arbeiten unter dem Projekttitel "Nacht" auf die Altbaufassade der Akademie. Das Ziel: die Kunst in der wortwörtlichen Nacht wie in der Dunkelheit der Pandemie sichtbar zu machen. In einer der Video-Arbeiten, dem neunminütigen "In the painting I go", wird der Malprozess eines Bildes festgehalten: Studentin Joana Loewis malt weiße Linien auf schwarzen Grund. Statt des Werksergebnisses steht der Prozess im Vordergrund und die Interaktion mit dem Zuschauer.

Sichtbarkeit steht auch im Fokus anderer Arbeiten: Welche Räume nimmt man ein und wie kann man sie nutzen? Dass das auch eine politische Frage ist, zeigen Querelen, die bei Aktionen in Diskotheken und bei einer Plakat-Aktion entstanden. Im einen Fall schritt die Politik, im anderen die Polizei ein, mit einer Strafanzeige als Folge. Solche Probleme gab es beim Giesinger Schaufenster nicht, und in einer Ausstellung in der Galerie der Künstler in der Maximiliansstraße sind es ganz andere Widerstände, gegen die Künstler ankämpfen. Hier hängen und stehen Werke der Gruppe MalSo 13, die in großen, bunten Malereien beweisen will, dass Malerei nicht tot ist. Der Tod ist trotzdem immer wieder Thema, so wie bei den pastellfarbenen Acrylgemälden von Sri Maryanto, auf denen sich Totenköpfe und Knochen entdecken lassen. Bei den Keramikarbeiten von Pio Zilz stehen Gewalt und Sexualität im Mittelpunkt, was in Kontrast tritt mit der beinahe kindlichen Optik. Die Aktualität der Malerei findet sich auch in "Der Fremde" von Hyundeok Hwang, von dem den Betrachter Gesichter mit Masken anstarren. Die Hörbarkeit der Kunst dagegen erforschen Julius Jurkiewitsch, Max Hanisch und Michael Akstaller am Samstag, 8. August, zwischen Cornelius- und Ludwigsbrücke mit der Schallerkundung "Echos". Wo die Kunst noch länger bleibt, ist im digitalen Raum. Auf der Website gibt es nicht nur eine Karte der realen Standorte, sondern auch digitale und digitalisierte Projekte. Dazu gehört "Walks 'n Talks", eine Rubrik, unter der die Performances und Aktionen online erlebt werden können.

Auf die Spitze treibt Merlin Stadler die digitale Kunst mit dem Projekt "The Cave". Die Höhle ist ein virtueller, interaktiver 3D-Ausstellungsraum, durch den der Zuschauer am PC flanieren und Werke der Klasse Reich entdecken kann. Über den Link herrmyrddin.itch.io/the-cave betritt man die Höhle, die sich immer weiter verändert. Mit verschiedenen Tasten läuft oder rennt man, schaut sich Gegenstände an und gerät so immer tiefer in die Höhle der Kunst. "Letztendlich wird hier der Platz geschaffen, welcher uns Künstlerinnen und Künstlern in der derzeitigen Lage in der Realität fehlt", sagt Merlin Stadler über sein Werk. Das beinhaltet singende Wolken und schwebende Kristallkugeln, aber auch ein Spiel mit Dimensionen, durch das der Zuschauer eigentlich kleine Gemälde plötzlich als riesige Wandmalereien erleben kann.

Vergangenes Jahr, bei der Jahresausstellung 2019 unter dem Titel "Strata. Museum for the Age of Punumbra" warfen die Studierenden einen Blick aus einer imaginierten Zukunft im Jahr 4589 zurück. Wer konnte schon ahnen, das die Zukunft 2020 so ausfallen würde? Wenn man sich nun in den Räumen der Kunst der "Pandemic Edition" umblickt, kommt man nicht umhin zu denken: Die Zukunft sieht nicht einfach aus - aber vielversprechend.

Jahresausstellung 2020 der Akademie der Bildenden Künste, Karte mit Standorten und weitere Infos unter: www.adbk.de/de

© SZ vom 03.08.2020

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