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Kunst:Wenn das eigene Schlafzimmer an der Hausfassade hängt

Wie es hinter den Mauern dieses Hauses aussieht, können Passanten derzeit von gegenüber aus sehen - dank des Kunstprojekts von Kerstin Ullsperger.

(Foto: Ullsperger/ oh)

Eine Kunststudentin verschönert ein Baugerüst in der Schellingstraße mit Fotografien der Wohnungen der Bewohner. Sie fragt sich, wie weit die Neugier der Passanten wohl noch geht.

Von Evelyn Vogel

Wer erinnert sich noch an das Bikini-Mädchen vom Münchner Marienplatz? Das überdimensionale Werbeplakat, das im Sommer eine Baustelle verhüllte, wurde von vielen Betrachtern als sexistisch empfunden und löste eine große Diskussion über Werbung im öffentlichen Raum aus. Doch die Staubschutzhüllen von großen Bauprojekten werden nicht nur mit Werbe-Blow-ups bedruckt. Oft sind es Projektionen der eigentlichen, meist historischen Fassade, was die Renovierungshüllen eindeutig aufhübscht.

Nun gibt es in der Schellingstraße ein Wohnhaus, das seit Monaten eingerüstet ist und das eine junge Kunststudentin im Zuge ihrer Masterarbeit an der Akademie auf eine ganz besondere Idee der Fassadenverkleidung brachte. Kerstin Ullsperger arbeitet schon längere Zeit mit dem Gegensatz von Innen und Außen, indem sie das Innere von Gebäuden fotografisch nach außen kehrt.

Bei dem eingerüsteten Haus hat sie die Räume mit Erlaubnis der Bewohner fotografiert. "Viele haben mitgemacht", erzählt sie, "mittlerweile bin ich dort nur noch die Kerstin mit dem Fassadenprojekt". Die Fotos hat Ullsperger auf ein Vinylgewebe gedruckt und das Gerüst an den entsprechenden Stellen damit verhängt. 14 Felder sind mittlerweile so gefüllt. Jeder Passant kann sehen, wie es hinter den Mauern ausschaut. "Die Bewohner geben ihren letzten privaten Rückzugsraum preis", das ist ihr bewusst.

Und doch ist man kaum überrascht, wenn man davon hört. Das mag daran liegen, dass wir in einer Zeit leben, in der die öffentliche Selbstdarstellung in sozialen Medien und über millionenfach geklickte Bildplattformen gang und gäbe ist. Und in der wir kaum eine Lebenssituation ohne Selfie verbringen. Wir werden immer mehr zu Voyeuren unserer selbst und der anderen. Dabei ist das Phänomen ein uraltes, wie auch die Kunstgeschichte zeigt. So wurde der Schlüssellochgucker über Jahrhunderte hinweg immer wieder dargestellt und karikiert.

Ullsperger will nun weder die Menschen hinter den Mauern vorführen, noch sie als notorische Selbstdarsteller entlarven. Auch ihr geht es um die Betrachterperspektive. Es sei interessant, wie groß das Interesse der Passanten jetzt schon sei, sagt sie. Ob sie weitermacht, hängt auch davon ab, ob sie Sponsoren für die technische Umsetzung findet. "Ich finde es spannend zu sehen, ob die Betrachter obendrein so neugierig sind, dass sie sogar Geld zahlen, um weitere Innenräume zu sehen. Dieser Prozess ist Teil der Beobachtung meiner Arbeit. Es muss nichts passieren, aber es wäre spannend wenn." Ullsperger kann sich sogar vorstellen, das Projekt auszuweiten auf andere Häuser: "Das wäre dann wie Google-Maps inhouse - nur analog."

Am 2. November stellt Kerstin Ullsperger ihre Arbeit in der Akademie vor. Am Abend, um 19 Uhr, gibt es vor dem Haus in Schellingstraße 134 eine Vernissage.

© SZ vom 29.10.2016/eca

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