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Kunst:Vergessene Schönheiten

Walter Becker
Trio 3 oder Im Bad, 1968
Öl auf Leinwand
Sammlung Hierling
© Rechtenachfolge Walter Becker

Walter Beckers Ölgemälde "Trio 3 oder Im Bad" aus dem Jahr 1968 erinnert ein wenig an Otto Muellers Mädchendarstellungen, ist aber deutlich intensiver in seiner Farbigkeit.

(Foto: Sammlung Joseph Hierling; Rechtenachfolge Walter Becker)

Joseph Hierling sammelt seit Jahrzehnten Werke der "Verschollenen Generation". Das Buchheim-Museum in Bernried zeigt nun eine Auswahl unter dem Titel "Wahrheitsmalerei"

Albert Birkles "Leipziger Straße" (1923) war das erste Gemälde, das er sich kaufte. Joseph Hierling verdiente damals gerade 400 Mark brutto im Monat. Richard Hiepe, Kunsthistoriker, Marxist und Betreiber der Neuen Münchner Galerie, wollte trotzdem 4000 Mark für das visionäre Pastell haben. "Er ließ es mich abstottern", erinnert sich Hierling. Seither sammelt er Kunst, nennt inzwischen knapp 1300 Gemälde und einige Skulpturen von mehr als 300 Künstlern des "Expressiven Realismus" sein eigen. Einen kleinen Teil davon, 90 Werke von 53 Künstlern, stellt er in der Ausstellung "Wahrheitsmalerei" im Buchheim Museum vor.

Hierling, 1942 in München geboren und in Tutzing lebend, hat sich früh auf die "Verschollene Generation" spezialisiert, auf Künstler, die, zwischen 1890 und 1914 in Deutschland und Österreich geboren, durch das Raster der Kunstgeschichte gefallen sind oder bis heute von alles überstrahlenden Künstler-Stars überschattet werden. Verschollen bedeute doch nur, dass die Maler den dauerhaften internationalen Durchbruch nicht geschafft hätten, sagt Hierling. Die Karrieren dieser Künstler begannen, als sich der Expressionismus dem Ende zuneigte. Ihre Erfolge feierten sie zwischen den Kriegen in der Weimarer Republik. Doch dann verschwanden sie, hoch geschätzt von Kritikern und Fachleuten, verfemt von den Nationalsozialisten, von der Bildfläche. Auch nach dem Krieg blieben sie im Abseits, denn die figurativen Darstellung galt als rückständig, im Fokus stand die Abstraktion. Hierling kann sich darüber sehr ereifern, hätten sich "seine" Künstler in Auseinandersetzung mit Impressionismus, Expressionismus und neuer Sachlichkeit die Kunst weiterentwickelt. "In ihrer Zeit standen diese Künstler für Fortschritt", sagt der Tutzinger und schwärmt von deren "malerischer Malerei".

Es dauerte, bis der gegenständliche Traditionsstrang der deutschen Kunst wieder auf Interesse stieß. Hierling tat das seine, um diese Entwicklung zu unterstützen, engagierte sich von 1981 bis 1994 in einer eigenen Galerie in der Georgenstraße für die an den Rand gedrängten Künstler. "Kommerziell war das kein Erfolg", sagt er und bleibt vor Emil Scheibes zauberhaftem "Mädchen mit Stofftier" aus den 1950er Jahren stehen. Scheibe (1914 - 2008), Gründer der Gruppe "Neuer Realismus" in München, habe illusorische Preisvorstellungen gehabt, erinnert sich Hierling, der einzige Galerist, den Scheibe jemals fand. "Galeristen, die vom Verkauf leben mussten, konnten ihn einfach nicht nehmen." Das musste Hierling als gelernter Fernsehkameramann nicht. Von 1990 bis 2002 leitete er die Film- und Fernsehproduktion beim Bayerischen Rundfunk. Und lange war er auch Vorsitzender der Gewerkschaft Kunst in Bayern.

Seiner Sammlung kam die Galeristentätigkeit sehr zugute. "Ich war mein bester Käufer." Immer wieder wurden ihm Nachlässe mit Bildern expressiver Realisten angeboten. Und in den Siebzigerjahren konnte er auch vieles noch relativ günstig erwerben, heute sind die Arbeiten ein Vielfaches wert. Der Terminus "Expressiver Realismus" stammt übrigens von Kunsthistoriker Rainer Zimmermann, der in den Achtzigerjahren für die Wiederentdeckung der Künstler sorgte und mit dem Hierling jahrelang zusammenarbeitete. Gemeinsam gründeten sie das gleichnamige Museum in Kißleg (Allgäu), das knapp zwölf Jahre (1993 bis 2005) ausschließlich Bilder der Verschollenen Generation zeigte, der Großteil aus Hierlings Sammlung.

Der Tutzinger Kunstsammler kann stundenlang vor seinen Bildern stehen und erzählen. Ob von Gretel Haas-Gerber, eine der wenigen Malerinnen, oder von Paul Kleinschmidt, Walter Becker und Franz Frank, der unbedingt Emil Noldes Intensität noch steigern wollte. Oder vom Erdinger Albert Schiestl-Arding (1883 - 1937) etwa, der nach seinem Kunststudium unbedingt zur See wollte, in Bremen als Kohlenschipper anheuerte und, weil dafür als zu schwach befunden, bereits in Hoek van Holland wieder von Bord flog. Nach Jahren als Dekorationsmaler landete er nach dem Krieg in Worpswede und begann frei zu malen. 1922 zerstörte ein Atelierbrand sein gesamtes Werk, dazu kam eine Scheidung. Nach einem totalen Zusammenbruch 1925 raffte er sich wieder auf und schuf in den zwölf Jahren, die ihm noch blieben, ein beeindruckendes Werk, darunter das entzückende "Kind im roten Kleid" (1926) und seine zweite Frau, "Die Amsel im blauen Kleid". Und ein "Blumenstück" von 1932 signierte er kurzerhand als Lovis Corinth.

Gegliedert ist die Ausstellung freilich nicht nach Künstlern, sondern Museumschef Daniel J. Schreiber ordnete die Gemälde nach Überbegriffen: Stadt, Land, Räume, Interieurs, Blumen, Nackte, Männer, Frauen und Kinder. Die Einteilung erleichtert es, die ungeheure Stilvielfalt wahrzunehmen, unterstreicht die Individualität und die Ideen der einzelnen Künstler, lässt auch manchmal die Vorbilder erkennen. Fritz Gartz etwa malt die sonst so tugendhaft dargestellte "Judith" (1913) nackt auf einem Bett. Der Blick, den sie auf ihren toten, ebenfalls nackten Bettgefährten wirft, spricht Bände, erzählt von einem Beziehungsdrama. Und irgendjemand hat das große Gemälde mal in vier Teile zerschnitten. "Die Leinwand eignete sich eben gut zum Abdunkeln von Fenstern", sagt Hierling. Unpathetisch und sachlich präsentieren sich die Skulpturen von Karl Röhrig: eine "Schwangere Frau" (1930) mit sorgenvollen Blick, der Mantel bedeckt den Bauch nur unzureichend. Daneben der "Mann mit Sack" von 1945. "Da hat er sich selbst als Kriegsheimkehrer festgehalten", sagt Hierling.

Seit Jahren sucht er nach einer festen Bleibe für seine Sammlung. Schon sehr lange angedacht und von der Gemeinde unterstützt ist ein eigenes Museum in einem der Sturmblockhäuser auf dem Gelände der Feldafinger Kaserne. Doch die Bundeswehr-Fernmeldeschule dort ist gegen alle Erwartungen noch immer nicht ausgezogen. 2009 wanderte mehr als die Hälfte der Sammlung in die Kunsthalle Schweinfurt. Doch im Vorjahr entschied man dort, die Dauerausstellung neu aufzustellen und fortan auf Hierlings Sammlung zu verzichten, was diesen immer noch ein wenig wurmt. Aber vielleicht ist ja die Präsentation im Buchheim-Museum der Anfang einer neuen Zusammenarbeit. Dessen Gründer Lothar-Günther Buchheim habe die Vorstellung "bestrickend" gefunden, Hierlings Bilder in der Nähe seiner Expressionistensammlung ausgestellt zu wissen, heißt es im Katalog. Dann steht ja eigentlich einer tieferen Beziehung nichts mehr im Weg.

Wahrheitsmalerei. Expressiver Realismus aus der Sammlung Hierling, bis 18. Oktober, Buchheim Museum Bernried

© SZ vom 23.06.2020

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