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Kunst:Vereint in Stahl und Farbe

Eine Ausstellung in Ingolstadt würdigt Werke der Künstlerfreunde Alf Lechner und Rupprecht Geiger

In eine liebliche Landschaft passt ein Museum mit seiner Kunst nicht. Da war sich Alf Lechner schon sicher, als er noch in einem ehemaligen Heizlager einer Munitionsfabrik aus dem Zweiten Weltkrieg lebte und arbeitete. Eigentlich wollte er dort am Isarufer in Geretsried auch bleiben. Doch dann bot der Ingolstädter Bürgermeister dem Stahlbildhauer 1997 eine alte Fabrikhalle als künftiges Museum an. Die Auto Union hatte darin früher Kleinlaster und Motorräder produziert, Lechner, der ausgebildete Schlosser, konnte nicht widerstehen und entschied sich für den Umzug. Jetzt feiert sein im Jahr 2000 eröffnetes Museum das 20-jährige Bestehen mit einer fulminanten Präsentation der Künstlerfreunde Rupprecht Geiger und Alf Lechner. Immer noch umgeben von einer urbanen Landschaft, die ruppiger nicht sein könnte.

Seit Jahren bröckelt schräg vor dem Museum das sogenannte "Körnermagazin" vor sich hin, das die Auto Union bis in die Neunzigerjahre erst als Ersatzteillager, dann für die Verwaltung nutzte. Es ist denkmalgeschützt im Gegensatz zum unmittelbaren Gegenüber des Museums, einem "architektonisch nicht ganz ausgereiften Wärmeheizkraftwerk", wie es Daniel Mclaughlin höflich formuliert. Alf Lechner, seinen Adoptivvater, störte es sehr, vermutlich mehr als den Besucher, dessen Sinne sofort eine sechs Meter lange, rot-monochrome Leinwand hinter der Glasfassade einfängt. Der leuchtende Beleg für Geigers Leitsatz: "Rot ist Leben, Energie, Potenz, Macht, Liebe, Wärme, Kraft. Rot macht high."

Drinnen eine Stahlkugel des Hausherrn, die wie zufällig gerollt in der Halle liegt. Ganz leicht und selbstverständlich wirkt sie, obwohl sie mehr als zehn Tonnen wiegt. Ihr merkt man nicht an, dass sie das Ergebnis komplizierter Arbeitsprozesse ist, genauso wenig wie dem "Stahlblatt Nr 32" aus dem Jahr 1986, einem diagonal durchgeschnittenen und gewölbten Rechteck. Früher war es vor dem Lenbachhaus platziert, inzwischen ist es ins Depot gewandert. Es eignet sich gut, um Lechners Arbeitsweise zu dokumentieren. Er fügte nie etwas zusammen, sondern teilte, trennte, zersägte, verbog oder zerbrach den Stahl, egal ob es sich um Platten, Scheiben, Ringe oder Würfel handelte. Dahinter glüht rot ein großer Geiger. Wer noch mehr Farbenergie tanken will, schlüpft unter die "Rote Trombe", ein schwebendes, magentarotes, hutgleiches Stoffgehäuse.

Ausstellung Rot X Stahl, Lechner Museum, Ingolstadt

Alf Lechners und Rupprecht Geigers Werke werden nun erstmals gemeinsam ausgestellt.

(Foto: Werner Huthmacher)

"Mit dem Maler verband Alf Lechner nicht nur eine Freundschaft, sondern eine Seelenverwandtschaft", sagt Mclaughlin, der gemeinsam mit Julia Geiger, Leiterin des Geiger-Archivs München, die Ausstellung kuratiert hat. Ihr Großvater habe das Museum kurz nach der Eröffnung besucht und sei von den Räumen sehr angetan gewesen, berichtet die Enkelin. Zu dem Zeitpunkt waren der Maler und der Bildhauer schon seit Jahrzehnten befreundet, hegten auch den Plan, einmal gemeinsam auszustellen. Dazu kam es nicht mehr, Geiger starb 2009, Lechner 2017.

Dass die Zwei den großen Auftritt schätzten, ist in der Ausstellung nicht zu übersehen. Kreis, Rechteck, Würfel haben sie beide beschäftigt. Eine andere Gemeinsamkeit ist die einfache Formensprache, die sich verstärkende Reduktion. Geiger konzentriert sich auf wenige Formen, um der Farbe zur Sichtbarkeit zu verhelfen. Von 1965 an verwendete er nur mehr Tagesleuchtfarben. Eigentlich für militärische Zwecke entwickelt, erhalten sie ihre Leuchtkraft durch ihre Fähigkeit, bei Tageslicht zu fluoreszieren.

Kreise und Quadrate Geigers wachsen auch als plastische Formen von der Wand weg. Der ausgestellte orangefarbene Kreis hing in Solln über dem Sofa im Wohnzimmer. Geiger habe sich gern davor fotografieren lassen, weil ihn dann ein Heiligenschein umgab, erzählt Julia Geiger. Bereits in den Fünfzigerjahren experimentierte er mit spitzwinklig geschnittenen Leinwänden, lang vor den "shaped canvas" amerikanischer Künstler. Damals wagte er noch nicht, seine "irregulären Formen" auszustellen, sagt die Enkelin. Er entdeckte sie erst nach dem Tode von Vater Willi Geiger im Jahr 1971 in dessen Atelier wieder und begann, sich erneut mit ihnen auseinanderzusetzen.

Alf Lechner und Rupprecht Geiger

Alf Lechner (links) und Rupprecht Geiger, 1985 im Atelier.

(Foto: Stefan Moses, © Archiv Geiger, München)

Wenig begeistert war Alf Lechner davon, dass Geiger von Mitte der Sechzigerjahre an für zwei Jahrzehnte Bilder mittels einer Luftdruckspritzpistole schuf, damit kein Pinselduktus die Wahrnehmung der reinen Farbe stört. Er riet dem Freund, mit dem Sprühen wieder aufzuhören, was dieser auch tat, um sich wenig später den "Rollenbildern" zuzuwenden. Diese Version McLaughlins wollte Julia Geiger so nicht ganz akzeptieren. Gesundheitliche Gründe hätten ebenfalls eine Rolle gespielt, sagt sie. Außerdem hatte er 20 Jahre lang gesprüht und alles Mögliche ausprobiert. "Er konnte es beiseitelegen, es besaß keinen Reiz mehr für ihn." Die Rollenbilder seien für die beengten Verhältnisse im Sollner Atelier praktikabler gewesen, Geiger konnte sie einfach über die Brüstung hängen.

Zwischen die monochromen oder farblich fein nuancierten Gemälde Geigers sind Tuschezeichnungen Lechners eingestreut. Nur als Modell ist "Gerundetes Blau" vertreten, jene Skulptur, die längst das Wahrzeichen des Gasteigs ist. Geiger hatte es Lechner geschenkt, eine Erinnerung an die Zusammenarbeit im Jahr 1987, als Lechner seine 23 Meter hohe Stele "Flächendurchdringung" vor dem Gasteig aufstellte. 2021 müssen beide wegen der Sanierung des Kulturzentrums umziehen. "Wäre schön, wenn sie während der Interimszeit zusammenblieben", sagt McLaughlin. Er verhandelt noch, während "Gerundetes Blau" laut Julia Geiger am Mittleren Ring aufgestellt werden soll.

Was übrigens die unansehnliche Umgebung des Lechner-Museums betrifft: Laut McLaughlin stehen die Chancen auf Veränderung gut, die Pläne existierten bereits. Er schwärmt bereits von einem Kreativquartier, auch weil der Neubau des Museums für Konkrete Kunst nicht weit entfernt ist. Hoffentlich wird es nicht zu lieblich, das würde dem Geist Lechners widersprechen, verstand der doch seine Skulpturen als "Bollwerke gegen den Ästhetizismus unserer verblödeten Zeit" (Lechner).

Rot X Stahl. Rupprecht Geiger und Alf Lechner, bis zum 14. Juni, Lechner-Museum, Ingolstadt

© SZ vom 22.02.2020

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