Kunst QR-Codes an der Wand

Eine Ausstellung in der Galerie Handwerk eröffnet einen überraschenden Blick auf das abgehangene Thema "Tapeten"

Von Franziska Gerlach

Mit einem Mal ist da gar nichts mehr schön. Der verliebte Marquis ist weg, und wo das Auge eben noch eine fröhliche Jagdgesellschaft wähnte, lösen sich nun Junkies und urinierende Männer aus dem Muster heraus. Man tritt zwei Schritte zurück von der Wand, dann wieder einen darauf zu. Doch es hilft nichts. Einmal als solche wahrgenommen, lassen sich die schmutzigen Seiten Glasgows nicht mehr ausblenden. Die Junkies sind da, trotz aller Anmut im Design, belämmert liegen sie inmitten zarter Grashalme, auf einer der vielen, ausdrucksstarken Tapeten, die jetzt eine Ausstellung in der Galerie Handwerk präsentiert.

Den Betrachter durch bewusste Anleihen an einen "Toile de Jouy", einen im Frankreich des 18. Jahrhunderts beliebten Stoffdruck, derart zu überrumpeln, das ist schon frech von dem schottischen Designerduo "Timorous Beasties". Eines aber zeigt der Entwurf von 2004 deutlich: Tapeten bieten heutzutage auch der Gesellschaftskritik eine Bühne, sie sind längst weit mehr als schnöde Wandbehänge. Der Mief der Siebziger- und Achtzigerjahre hat sich verflüchtigt. Die Tapete hat sich in den vergangenen Jahren als ernst zu nehmendes Designobjekt etabliert. Selbst Deutschland, wo man sich experimentelle Eskapaden in seinen vier Wänden im Zweifelsfall verkneift, hat Spannendes vorzuweisen.

Die neue Schau in den Ausstellungsräumen der Handwerkskammer für München und Oberbayern vereint 90 Tapeten, und es greift sicher nicht zu hoch, von "Werken" zu sprechen. Bei den meisten handelt es sich um zeitgenössische Entwürfe, die Ausstellung wagt aber auch den Blick in die Historie. Das älteste Exponat ist eine niederländische Ledertapete aus dem 18. Jahrhundert, aufwendig mit Ölfarben bemalt und mit Blattgold belegt. Wanddekorationen wie diese, aus Seide oder kunstvoll bestickt, waren freilich wohlhabenden Schichten vorbehalten. Wer für Luxus an der Wand nicht das Geld hatte, der konnte seit Ende des 19. Jahrhunderts mithilfe von Strukturwalzen zumindest hübsche Blumen oder Blattornamente aufbringen. Im oberfränkischen Hof fing 2015 ein gewisser Tobias Ott an, diese Werkzeuge zu sammeln, mehr als 4000 Musterwalzen umfasst sein Archiv. Einige hat er nun nach München ausgeliehen, denn bei der Ausstellung geht es auch um Werkzeuge und Fertigungstechniken. Ein anderer Teil der Schau befasst sich mit Firmen, die sich auf die Rekonstruktion historischer Tapeten spezialisiert haben. Und von den drei Papierrestauratoren, die sich seit 2012 unter dem Mädchenamen der Madame Pompadour - "Antoinette Poisson" - der Wiederauflage des Papier dominoté annehmen, hätte der Laie wohl nie erfahren.

Die Geburtsstunde der Tapete lässt sich nicht exakt datieren. Schließlich schmückten die Menschen ihre Wände schon immer, man denke nur an die opulenten Bildteppiche, die im späten Mittelalter in Flandern gewebt wurden. Eine allgemeingültige Definition hat Kuratorin Michaela Braesel dennoch parat: "Eine Tapete ist ein Wandschmuck, vorzugsweise aus Papier." Als frühe Tapetenkünstler versteht sie die Nürnberger Maler Albrecht Dürer und Hans Sebald Beham, weil die sich bereits Anfang des 16. Jahrhunderts Druckgrafiken an die Wand geheftet haben sollen. Seither hat sich natürlich unglaublich viel getan, das wird schnell klar bei einem Streifzug durch die Ausstellung: Junge Designer aus Amerika, Großbritannien und auch Deutschland beleben den Markt mit frischen Motiven und dem Mut zur Provokation; die Tapete dient ihnen als Medium, und gerade die optische Täuschung erweist sich als probates Mittel zur Kommunikation. Ein flüchtiger Blick genügt so gut wie nie, um das Wesen einer Arbeit zu erfassen. Der Entwurf des Designduos "Carnovsky" erfordert gar eine spezielle Brille. Erst deren farbige Gläser filtern aus der psychedelisch anmutendem Dschungel-Optik Krokodile und Schlangen heraus. Solche Flirts zwischen Moderne und Tradition begegnen einem immer wieder.

Der Münchner Markus Benesch, Innenarchitekt, Produktdesigner und Oberflächengestalter, widmet sich dem Balanceakt zwischen Alt und Neu auf einer ganzen Wand. Rote, blaue, gelbe und grüne Würfel setzen sich zu einer dreidimensionalen Landschaft zusammen, in deren Mitte sich ein schwarzes Loch auftut. Sich seiner Sogkraft zu entziehen, ist schwer, man kommt nicht umhin, das Kunstwerk anzufassen - und merkt: Benesch hat eine bestehende Tapete überdruckt, "eine Fusion" geschaffen, wie er das nennt. Unter dem bunten Digitaldruck buhlt ein Lorbeerkranzrelief um Aufmerksamkeit, das man eher bei Leuten vermuten würde, die ihr Wohnzimmer gerne auf adelig trimmen.

Und dann schlummern in den Glasvitrinen noch jene Exponate, die wirklich alt sind und so fragil erscheinen, dass man befürchtet, sie könnten bei Berührung zerfallen. Eine besonders schöne Leihgabe stammt von der Bayerischen Schlösser- verwaltung. Eine goldene Lilie vor dem Blau des Halbedelsteins Lapislazuli schmückt das Fragment aus Schloss Herrenchiemsee - beinahe schlicht für eine Tapete von Ludwig II.. Vielleicht wäre der Ansatz des Berliner Industriedesigners Dirk Biotto nach dem Geschmack des Märchenkönigs gewesen. Der hat nämlich Obst und Gemüse nach Farben in Vierergruppen geordnet und diese mit 144 QR-Codes versehen. Wer die mit dem Smartphone einliest, erhält ein Rezept. Für einen Granatapfel-Orangen-Feldsalat zum Beispiel. Ein Kochbuch an der Wand, wenn man so will.

"Tapeten", Galerie Handwerk, Max-Joseph-Straße 4, bis 3. Juni, Dienstag, Mittwoch, Freitag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 20 Uhr, Samstag 10 bis 13 Uhr, sonn- und feiertags geschlossen