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Kunst in der Krise:Wiesnbier geht, Kabarett nicht

Diskutanten fragen, warum man gerade die Kultur aufs Spiel setzt

Von Michael Zirnstein

Vielleicht ist vielen Bayern die Benachteiligung der Kultur in Corona-Zeiten nicht bewusst. Sonst müsste es einen Aufstand geben. Also gab Anna Kleeblatt vom Verband der Münchner Kulturveranstalter (VdMK) ein Beispiel für diese Ungerechtigkeit: Der Starkbier-Saal am Nockherberg fasst 1500 Besucher. Ein Veranstalter habe nun eine Genehmigung für Kabarettabende beantragt. Ihm seien 77 Plätze bewilligt worden. In einem Riesenraum, in dem auch derzeit 1000 Gäste bewirtet werden dürfen. "Jetzt erklären Sie mir, warum fünf Personen an einer Bierbank Schweinsbraten essen, anstoßen und miteinander reden, aber nicht stumm in eine Richtung blicken dürfen", fragte Kleeblatt im Akademiesaal des Bayerischen Landtags in die Runde.

Die Podiumsteilnehmer freilich hatten auch keine Antwort, wohl aber alle ähnliche Probleme. Die Lage der Kultur in Corona-Zeiten sei "dramatisch", stellte Gastgeber Wolfgang Heubisch, kulturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Landtag, fest. Der einstige bayerische Kunstminister ist derzeit viel als quasi-journalistischer Kulturvermittler unterwegs, auf seiner "Sommertour" zu Galerien und zu Gesprächskreisen wie diesem. Die politische Oppositionsarbeit sei dabei Nebensache, erklärte er. Er erwähnte aber auch bei der Forderung Kleeblatts, endlich die starre Obergrenze bei Veranstaltungen in Innenräumen von 200 Gästen aufzuheben: "Alle Oppositionsparteien bis auf eine" (nämlich die AfD) hätten entsprechende Anträge gestellt - "alle abgelehnt". Damit war der für die Misere Verantwortliche umzingelt, wenn auch nicht zur Selbstverteidigung im Raum. Etwa wenn es, da Markus Söder der Hightech-Industrie 900 Millionen versprochen habe, wieder einmal um die Frage ging, warum man ausgerechnet die Kultur "den Bach runtergehen" lasse, so Heubisch. Denn die Kreativbranche sei auch extrem umsatzstark (in normalen Jahren) und systemrelevant, sagte Carola Kupfer, Präsidentin des Verbandes der Kultur- und Kreativwirtschaft in Bayern. Mit den Hilfsprogrammen für Soloselbstständige, bei denen viele Kreative durchs Raster fielen, sei sie nie "happy" gewesen, nun laufen sie aus, und viele Kulturmacher in Bayern stünden vor dem Aus.

Dabei komme die große Sparwelle erst noch, "und erfahrungsgemäß trifft es die Kultur als Erste", ergänzte Barbara Mundel, die neue Intendantin der Kammerspiele. Sie ist - obwohl im Schauspielhaus auch auf 200 Sitze begrenzt und zu kürzeren Stücken verpflichtet - "entschlossen", den Spielbetrieb am 8. Oktober mit ungekürztem Programm aufzunehmen. Sie setzt dabei auf das "Live-Element". Inwieweit die Lockdown-Entdeckung "Internetstream" zu einer ergänzenden performativen Kunstform heranreifen könne, das soll derzeit ein "Digital Artist in Residence" ergründen. Überhaupt sieht Mundel das Theater als selbstreflexives Forschungsgebiet: Gerade Corona mache "so viel mit unserer Gesellschaft", das müsse man durchdenken. Man müsse der Vereinzelung und dem Rückzug ins Private entgegentreten.

"Genau deswegen müssen wir spielen", stimmte Hans-Jürgen Drescher, Präsident der Theaterakademie, zu. Seine Sorge gilt zwar vor allem den nächsten Schauspieler-Generationen. Aber ihn treibe auch um, dass, "alle Diskurse zum Gemeinwesen gerade auf Eis gelegt sind, weil man nur über Seuchen redet." Das von ihm vermietete Prinzregententheater sei derzeit ein "Hochsicherheitstrakt", für die Gäste sei das alles andere als attraktiv. "Sind wir dabei, die Kultur durch überzogenes Sicherheitsdenken anzugreifen", fragte Heubisch, und er stellte fest: "Es ist unsere Pflicht, das wieder aufzubauen." Wer ist damit gemeint? "Wir alle", sagte Drescher und bat die Kollegen, Druck bei den Ministerien zu machen. Mit dem "wir" meinte Heubisch aber auch die Kulturbürger und forderte sie auf, am 24. Oktober bei der Groß-Demo am Odeonsplatz für ihre Sache einzustehen.

© SZ vom 19.09.2020

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