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Kunst in der Krise:Geld und ein Platz im Organigramm

Sibler stellt staatliche Hilfen für die freie Kulturszene vor

Von Oliver Hochkeppel

"Wir sind die ersten, die zumachen mussten und die letzten, die wieder öffnen dürfen", brachte Axel Ballreich das Dilemma auf den Punkt, mit dem er als Vorsitzender des Deutschen Musikspielstättenverbandes Livekomm seit Ausbruch der Coronakrise konfrontiert ist. Die kleinen und mittleren Spielstätten im Musik-, Theater- und Kleinkunstbereich, die weder öffentlich getragen noch institutionell gefördert werden, sind mit am härtesten betroffen, aber bislang kaum gehört. Für sie hat das Bayerische Kunstministerium jetzt ebenso ein Hilfsprogramm aufgelegt wie für Laienmusikvereine. Beides stellte Minister Bernd Sibler am Mittwoch vor, flankiert von Ballreich, Bernd Schweinar, dem Geschäftsführer des Verbands für Popkultur in Bayern, und Thomas Goppel, Präsident des Bayerischen Musikrats und selbst einst Kultusminister. Und irgendwie saß im Geiste auch noch Staatsopernintendant Nikolaus Bachler mit am Tisch, widersprach Sibler doch gleich mehrmals dessen in einem SZ-Interview geäußertem Vorwurf, das Ministerium sei während der Corna-Krise lediglich als verlängerter Arm des Gesundheitsministers aufgetreten.

Im Rahmen des 210 Millionen Euro starken bayerischen "Kulturrettungsschirms" sollen nun also 30 Millionen Euro an die von Sibler auf 600 bis 700 geschätzten freien Clubs und Bühnen ausgereicht werden, die mindestens zwei Veranstaltungen im Monat machen. Die Höchstbeträge für die Hilfen, die das kommende Halbjahr abdecken, sind nach Mitarbeiterzahl gestaffelt: bis fünf 50 000, bis zehn 100 000 und darüber maximal 300 000 Euro. Entscheidend ist dabei aber, was Sibler den "Bayernbonus" nennt: Anders als bei der Überbrückungshilfe des Bundes können die gesamten tatsächlichen Personalkosten und ein fiktiver Unternehmerlohn bis 1180 Euro monatlich geltend gemacht werden. Ein guter, praxisnaher Weg, wie alle lobten, auch wenn er "wohl nicht alle Clubs retten wird", wie Ballreich feststellte.

Immerhin 10 Millionen Euro werden für Laienmusikvereine ausgelobt. 1000 Euro kann jeder Verein projektbezogen - neben künstlerischen können das zum Beispiel auch Hygienekonzepte sein - beantragen, dazu 500 Euro pro angeschlossenem Ensemble. Im Gegensatz zur Förderung aller Professionellen ist dies sogar rückwirkend vom dem 15. März an möglich. Was ebenso problematisch ist wie der Umstand, dass nur Vereine antragsberechtigt sind, die gemeinnützig und in einem der 21, auffällig oft von aktiven oder ehemaligen CSU-Politikern geleiteten Dachverbänden organisiert sind. Viele freie oder Kirchenchöre und zahlreiche Blasmusikgruppen vor allem der Neuen Volksmusik sind das nicht. So spricht die grüne Landtagsabgeordnete Sanne Kurz bereits vom Verdacht auf "CSU-Amigo-Geschenke", die nicht wirklich der gesamten Laienmusik helfen.

Das Spielstätten-Programm freilich loben sogar die Grünen. Man darf es als wichtigen Schritt im Lernprozess des Kunstministeriums werten, dass es eben nicht nur für die institutionelle Hochkultur, sondern auch für die sogenannte "freie Szene" zuständig ist. Nicht ohne Stolz verkündete Sibler nebenbei - und das war langfristig vielleicht mindestens so bedeutend wie die Hilfsprogramme -, dass diese demnächst erstmals im Organigramm des Ministeriums verankert und von eigenem Personal betreut werden wird. Vielleicht geht es dann auch auf den Baustellen voran, bei denen Sibler Fragen eher auswich: zu den von der Saalgrößen unabhängigen und damit widersinnigen Publikumsbeschränkungen etwa, oder wie man den freien professionellen Künstlern und Musikern besser helfen kann.

© SZ vom 02.07.2020

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