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Kunst:Im wahren Rausch

Was als Studentenausstellung geplant war, hat sich zur Hammeraktion entwickelt. Die "SUPER mARkT-Frische Lieferung" in den Fünf Höfen zeigt auch Arbeiten von Biennale- und Documenta-Teilnehmern

Von Evelyn Vogel

Hier ist der Kunde König! Diese Woche im Angebot: ein Toast Hawaii für leckere 3200 Euro, eine Melone für formschöne 16 000 Euro und zertifizierte Prinzenrollen für nur 4999 Euro. Wer dieser Tage im Rewe-Markt in den Fünf Höfen einkaufen geht, glaubt seinen Ohren und Augen nicht zu trauen. Da locken Warholsche "Brillo"-Würfel auf der Aktionsfläche, beim Käse lächelt die Kuh von "La vache qui rit" von einem Entwurf von Thomas Bayrle und hinter der Fleischtheke schaut "Der Nasenwärmer" von Michael Sailstorfer von einem Foto auf die Metzgerware. Um mal nur ein paar bekannte Namen zu nennen, die ganz wunderbar in diesen Streich passen, die die Kunst dem kapitalistischen System hier spielt.

An der Grenze zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Realität und künstlerischer Konsumkritik hat Nata Togliatti ihre unglaublich tolle und auch toll umgesetzte Kunstaktion im Supermarkt realisiert. Dafür stehen auch Milen Tills "Warentrenner", die Konsumsprüche bekannter Konzeptkünstler wie Ed Rucha, Barbara Kruger und Christopher Wool am laufenden Band produzieren. Dazu passt gedanklich das Duchampsche Diktum, wonach die Kunst auf der Straße liegt und in den Regalen der Kaufhäuser steht. Da hallt der Hinweis, dass Kunst ebenfalls ein systemrelevanter Sektor ist, dem Betrachter subversiv entgegen. Und wenn in Pandemiezeiten die Ausstellungsmöglichkeiten für Künstler begrenzt, wenn Museen und Galerien geschlossen sind, dann gehen die Künstler einfach dahin, wo die Kunden sind: in den Supermarkt.

Geplant war eine kleine, überwiegend von Studierenden der Münchner Kunstakademie bespielte Aktion. Dass die Idee eine solche Dynamik entwickeln würde und nun sogar Biennale- und Documenta-Teilnehmer ausstellen, damit hatte die Kuratorin und Künstlerin Nata Togliatti nicht gerechnet, als sie ihrem Professor Gregor Hildebrandt von ihrer Idee erzählte.

Nun sind also nicht nur Hildebrandt und sein ebenso bekannter Künstler- und Professoren-Kollege Peter Kogler mit dabei; die beiden aktivierten auch weitere namhafte Kunstschaffende. Die Erlöse aus dem Verkauf von Hildebrandts bauernschlauer Hommage an die Produzenten von Nahrungsmitteln und aus Koglers limitierter Kunst-Wein-Edition "Reserve 17" mit der berühmten Koglerschen Ameise auf dem Etikett, kommen übrigens zu hundert Prozent den Studierenden zugute.

Die Ausstellung beginnt schon am Kopfende der Rolltreppe, die in den Konsumtempel führt, mit Christian Jankowskis bekannter Videoarbeit "Die Jagd", die im Supermarkt spielt. Togliattis serielle Arbeiten "Apples d'oro" an den Wänden und Tornike Abuladzes, von Waschrobotern an die Seitenverglasung aufgebrachtes Werk "in between" geleiten hinunter. Über Blumen zwitschert es aus Vogelkäfigskulpturen von Jaemin Lee, zwischen Wasser- und Honigmelone liegt die perfekt anmutende "Marsmelone" von Alicja Kwade, bei der - wäre sie nicht bronzeschwer und in Plexiglas eingehaust - vermutlich jeder gleich zugreifen würde. Inmitten des Paprikas und unweit von Koglers Wein-Pyramide begegnet man Schirin Kretschmanns Video "Routine", das dem Fleiß und dem Zusammenhalt eines Ameisenstaates huldigt. Zuvor streift man Miriam Ferstls luftige Rauminstallation aus mit Heidelbeersaft eingefärbter Bett- und Tischwäsche zum Thema Erinnerungskultur.

Zwischen Champagnerflaschen im Kühlregal - schließlich handelt es sich um eine Premium-Filiale - hat Peter Langenhahn seine lebende "Hochkultur" platziert: Sauerteig aus dem ersten Lockdown. Eine Anspielung darauf, dass Brot statt Champagnerspiele die vergangenen zwölf Monate bestimmte. Apropos Premium-Rewe: Der Aufgeschlossenheit des Marktleiters Husein Dugonjic, der Togliatti schon bei einer früheren Kunstaktion unterstützt hat, und seinem Hygienekonzept war es zu verdanken, dass sich die Konzernzentrale auf das Wagnis dieses etwas anderen Frische-Lieferdienstes einließ.

Was es sonst noch so alles gibt in diesem "SUPERmARkT", erfahren die Kunden mit Hilfe eines im Werbeblattstil gemachten Flyers sowie über die Lautsprecher des Supermarktes. Die angepriesenen "Aktionsangebote" kommen zwar auch im Marketenderstil daher, sind aber eine Soundarbeit von Christian Jankowski, die in Zusammenarbeit mit der Kuratorin entstanden ist und von einer Supermarktmitarbeiterin der Filiale mehrmals am Tag live gesprochen wird. Sprechen, nämlich miteinander und doch unter Einhaltung des 1,5-Meter-Abstands, kann man mit Hilfe der Installation "Ciao" von Daniela & Lara Koch - eine Tüteninstallation inmitten von Tütensuppen. Und wo war gleich die Buchstabensuppe?

Christoph Knecht hat in der To-Go-Theke einen bronzenen Toast Hawaii installiert, der so echt wirkt, dass er schon in den ersten Stunden gleich mehrfach bestellt wurde - jetzt überlegt man, ob man sich auf ein neues Toast-Hawaii-Revival in München einstellen muss. Johanna Strobel hat zwischen Hühner- und Wachteleiern ihre überdimensionalen Keramik-Eier versteckt, Esther Zahel ihre in Farbe getauchten "Hoffnungs"-Rollen zusammen mit dem "Universum in einer Klorolle" zwischen echten platziert. Filigran anmutende Netzskulpturen hat Nataliya Borushchak bei der Fischtheke für die Kunden ausgeworfen. Wer sich hier nicht verfängt, bleibt spätestens vor Thomas Rentmeisters in Yves-Klein-Blau leuchtender, fast 1,5 Meter hoher und aus 600 Prinzenrollen bestehender Barriere hängen. Die süßeste Versuchung, seit es Prinzen gibt. Oder wie es in Jankowskis Durchsage heißt: "Heute ist der Kunde Prinz!" Wer diese Ausstellung erlebt hat, sieht sich vermutlich doch voll und ganz als König.

SUPER mARkT-Frische Lieferung, Rewe, Fünf Höfe, Theatinerstr. 14, bis 15. April, Mo-Sa, 7-20 Uhr

© SZ vom 10.04.2021
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