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Kunst im Sendlinger Wald:Bäume als Gedichte

Traumfänger aus Brombeerranken, Moosinseln oder Astpyramiden - Das SüdpArt-Projekt arbeitet mit und für die Natur. Der Kunst-Trail mit seinen 13 Stationen wird am Ende einfach vergehen

Sich mit allen Sinnen auf Elementares einzulassen, kann man von manchen Künstlern lernen. Zum Beispiel von jenen Malern, Bildhauern, Fotografen, Tanzperformern und Gartenbauarchitekten, die am aktuellen Natur- und zugleich Kunstprojekt "SüdpArt 3" teilnehmen. Sie haben, wie vor zwei und drei Jahren schon einmal, Installationen in den Sendlinger Wald/Südpark gezaubert, die geeignet sind, den Betrachter für ein intensives Walderlebnis zu öffnen. In einer Stadt, deren akustische Visitenkarte sich aus Bau- und Verkehrslärm zusammensetzt, wird selbst der Esoterik-Skeptiker die kreative Ruhe zu schätzen wissen, die ihn umfängt, wenn er den SüdpArt-Spuren folgt.

Schon die verwendeten Materialien lösen Wohlbehagen aus, denn sie stammen ausschließlich aus dem Fundus von Mutter Natur. Allein die unzähligen Grün- und Brauntöne faszinieren bei genauerem Hinschauen. Angela Dorscht, Gertrud Fassnacht, Verena Friedrich, Lore Galitz, Gabi Frosch, Nia Leitl, Anne Pincus, Frank Fischer und Andreas Bejenke pflegen mit den Gaben des Waldes einen virtuosen Umgang, der Spaziergänger staunen macht. Diesmal arrondiert die Gruppe um Lore Galitz ihr Projekt, das an diesem Sonntag, 21. Juli, eröffnet wird und bis 20. Oktober dauert, um drei Performances. Eine davon gipfelt in der Tanzimprovisation "We are one", einem großen Miteinander von Mensch und Natur auf einer Lichtung.

Installationen im Sendlinger Wald/Südpark.

(Foto: Catherina Hess)

Der Philosophie des Dichters und Malers Khalil Gibran folgend, der Bäume als Gedichte bezeichnet hat, "die die Erde in den Himmel schreibt", laden die SüdpArt-Künstler zu einer neuen, tieferen Wahrnehmung des großen Grüns vor der Haustür ein. 13 von ihnen geschaffene Stationen bieten Gelegenheit zu einem meditativen Stopp. Einer davon trägt den verlockenden Titel "Traumfänger". Geflochten aus Brombeerranken und Brennnesseln, soll die Handarbeit bei jenen, die unter ihr Stellung beziehen, zuverlässig alle negativen Gedanken vertreiben.

Eine gesunde Portion Vorstellungskraft sollte ebenso mitbringen, wer die "Moosinsel" von Angela Dorscht besucht, eine Art "Einstimmung" auf den Kreativ-Trail. Zur Pyramide gestapelte Stämme und Äste laden an anderer Stelle zum Nachdenken darüber ein, ob das eigene ökologische Verhalten den Anforderungen der Gegenwart genügt. Ein klares Statement: Kunst darf getrost dem Umweltschutz dienen, sollte aber mit sanftem pädagogischen Gestus daherkommen. Um allzu große Abweichungen von den Interpretationen der Schöpfer der Kunstwerke zu vermeiden, hilft dem Besucher auf seiner Route ein Flyer, der an verschiedenen Parkzugängen ausliegt. Enge Grenzen sollen der Fantasie gleichwohl nicht gesetzt werden.

Lore Galitz, die treibende Kraft von SüdpArt.

(Foto: Catherina Hess)

Gleich mehrere Objekte beschäftigen sich mit dem Thema Totholz. So auch "Bäume ohne Namen". Anhand geschichteter Hölzer öffnet etwa Frank Fischer die Augen dafür, wie Abgestorbenes neuen Lebensraum für Käfer und Mikroorganismen offeriert und so zugleich den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens symbolisiert. Natürlich lässt sich ein Baumstumpf auch als Fundament für erblühende Flechtkunst nutzen. Welcher botanisch inspirierte Kunstschaffende könnte da schon widerstehen? Nia Leitl jedenfalls nicht. Sie hat auf dem hölzernen Fundament eine schmucke "Sonnenspirale" zum Erblühen gebracht. Soll Licht und Wärme, Veränderung und Entwicklung gleichermaßen symbolisieren.

Sich "in den Flow der Natur zu begeben, der einen aus dem Alltag heraushebt", das bedeutet für die Macher von SüdpArt allemal auch, optische Tricks anzuwenden, welche die Innigkeit der Verbindung Mensch - Wald stärken könnte. So bannen geflochtene Ringe hier den Blick in den Blätterwald, dort weckt eine Umfriedung die Sehnsucht, genau in diesen gesperrten Bereich vorzudringen. Performance-Teilnehmer erhalten einen Rahmen aus Stoff, mit dem sie sich ihren bevorzugten Waldausschnitt oder ihr Lieblingskunstwerk gewissermaßen selbst einfangen. Schließlich sei, frei nach Joseph Beuys, jeder ein Künstler. Alles eine Frage der (Selbst-) Wahrnehmung.

Andreas Bejenke hat einen Steg aus Holzstämmen gelegt

(Foto: Catherina Hess)

Die Nachhaltigkeit des Kunstprojekts im Sendlinger Wald/Südpark ist laut Lore Galitz absolut gewährleistet. Dafür stünden nicht nur die Genehmigung durch städtische Behörden, sondern auch die Auswahl des Orts der Handlung sowie die naturnahen Materialien, die nach Ablauf der Aktion einfach im Wald "vergehen". Kein Münchner müsse sonstwohin fahren und die Umwelt belasten, um sich auf ein Kunsterlebnis im Freien einzulassen, so die Botschaft. Und Müll falle auch keiner an. Ganz klar ein Fall für stille Genießer, "die abseits des gewohnten Sehens einen neuen Bezug zur Natur herstellen wollen". Die sofortige Rückkehr in den Trubel der Stadt empfiehlt sich nach einer Exkursion in die forstliche Stille eher nicht. Besser erst einmal eine musikalische Brücke bauen. Mit den "Waldszenen" (Robert Schumann) vielleicht, oder den "Songs from the Wood" ( Jethro Tull).

Das nicht-kommerzielle SüdpArt-3-Kunstprojekt wird an diesem Sonntag, 21. Juli, am Südpark-Parkplatz, Inninger Straße 30, öffentlich präsentiert. Führungen finden am Montag, 29. Juli, 18 Uhr, am Montag, 26. August, 18 Uhr, am Samstag, 12. Oktober, 14 Uhr, sowie am Sonntag, 13. Oktober, 14 Uhr, statt. Performances ("Wald-Mitgefühl", "intuitive wERDschätzung") sind für Mittwoch, 31. Juli, 18 Uhr, für Freitag, 13. September, 17.30 Uhr, sowie am Sonntag, 11. August, 10.30 Uhr und am Freitag, 30. August, 17.30 Uhr, vorgesehen. Die Tanzimprovisation "We are one" rauscht am Sonntag, 8. September, von 14 Uhr an über den Waldboden. Weitere Informationen: www.suedpArt.de.