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Kunst im Schaufenster:Menschen, die auf Ziegen starren

Die Rauminstallation von Tatjana Vall und Justin Urbach im Digital Art Space

Von Evelyn Vogel

Nachts ist es am schönsten: Wenn der Raum bläulich schimmert und die Passanten wie Motten vom Licht angezogen werden. Wäre tagsüber nicht ein so vorfrühlingshaftes Wetter mit Sonnenschein satt, man würde beim Anblick der Rauminstallation "You Are Going To Take A Bath In Good Luck" von Tatjana Vall und Justin Urbach große Lust bekommen, sich für einige Minuten auf die Sonnenbank zu legen. Wegen des Lockdowns darf man sich aber nur von außen dieser Illusion hingeben. Man kann zudem die Videos anschauen, eine aufgespaltene 3D-Ziegenhaut erkunden, auf einen Mann starren, der im Hausmantel eine Ziege durchs ewige Eis führt, oder mit Hilfe eines QR-Codes das Zweikanal-Video abrufen, in dem Vall und Urbach den menschlichen Körper einer animierten Realität gegenüberstellen. Im gesamten Projekt spielen Materialität und Oberfläche in künstlichen Räumen, multidimensionale Wahrnehmungen, virtuelle Sehgewohnheiten und parallele Realitäten eine Rolle.

Es geht um Körperlichkeit und Selbstoptimierung und um die Frage nach dem Glücklichsein

Den beiden Studierenden an der Akademie der Bildenden Künste bei Julian Rosefeldt und Hermann Pitz geht es bei dem Projekt "You Are Going To Take A Bath In Good Luck" um Körperlichkeit und Formen der Selbstoptimierung - und irgendwie auch um die Frage nach dem Glücklichsein. Danach streben nicht wenige Menschen mit Hilfe überzogen geschönter Selbstdarstellung.

Zentrales Moment der Gesamtinstallation ist die Sonnenbank, deren Verheißung von optisch "gesunder Bräune" die Menschen einst in Scharen in Sonnenstudios trieb - nicht selten mit verheerenden gesundheitlichen Folgen. Doch auch wenn die exzessive Nutzung von Solarien der Vergangenheit angehört, hält sich in Teilen des Westens noch immer die Vorstellung, dass ein gebräunter Teint Gesundheit und Schönheit widerspiegelt. Während in östlichen Gesellschaften die einst auch in Mitteleuropa verbreitete Vorstellung vom "Porzellanteint" als Schönheitsideal vorherrscht - und mit ebenfalls fragwürdigen Bleich-Methoden zu erreichen versucht wird.

Wertvorstellungen und Konsumverhalten wie die Optimierung des Gesichts durch Schönheitsoperationen bringen Vall und Urbach in einem klinisch rein, höchst artifiziell wirkenden Video zum Ausdruck. Wie Narziss dreht sich die erschaffene Figur vor einer ebenfalls künstlichen Seen- und Seelen-Landschaft hin und her. Die Ebenmäßigkeit der Haut wird bis in die letzte - natürlich extrem feine - Pore visuell erforscht. Das erinnert auch an die hyperperfekt retuschierten Models in der Werbung. In einem anderen Video haben Vall und Urbach eine KI so programmiert, dass eine menschliche Figur die Bewegung eines Vierbeiners imitiert. Dieses teils nicht ganz perfekte Krabbeln auf allen Vieren erinnert an eine Evolutionsstufe vor Beginn des aufrechten Gangs einerseits. Andererseits wirkt es auf dem Rasterfeld wie eine Vorstudie zu bestimmten Bewegungsmustern bei Computerspielen.

Das gesamte Projekt ist hybrid und will auch einen Anstoß geben für Präsentationsformen in Post-Corona-Zeiten. Während die Installation durch das Schaufenster permanent einsehbar ist, wird das Projekt über die Instagram-Accounts von Tatjana Vall und Justin Urbach permanent durch Bilder, Videos und Animationen erweitert. Wer das Zweikanal-Video, mit dem die beiden Künstler aufeinander reagieren, sehen will, muss über die Website gehen. Darin trifft der Mann, der auf Ziegen starrt, in einer natürlichen Winterlandschaft auf die animierte Ziege, die in einer computergenerierten Wüste ein Trailercamp erkundet. Im Solarium landen beide - mit unterschiedlichen Resultaten. Und wir Betrachter werden zu Menschen, die auf Ziegen starren.

You Are Going To Take A Bath In Good Luck von Tatjana Vall & Justin Urbach, bis 5. März im Fenster des Digital Art Space, Amalienstr. 14, das Zweikanalvideo ist unter digitalartspace.de zu sehen, eine ständige Präsentationserweiterung auf Instagram unter @tat.vall und @justin_urbach

© SZ vom 27.02.2021
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