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Kunst im öffentlichen Raum:"München ist zu vorsichtig"

Münchner Graffiti-Künstler vor ihrem Atelier in der Donauwörther Straße 51: Robert Posselt (links) und Benjamin Herzberg.

Die beiden Künstler Robert Posselt (links) und Benjamin Herzberg vor ihrem Atelier.

(Foto: Florian Peljak)

Als Graffiti-Künstler habe man es in dieser Stadt nicht leicht, berichten zwei Sprayer

Von Katharina Federl

Benjamin Herzberg und Robert Posselt schleichen sich nachts nicht raus, um illegal S-Bahnen oder Autobahnunterführungen anzumalen. Auch liefern sie sich keine Katz-und-Maus-Spiele mit der Polizei. Zumindest nicht mehr. "Dafür sind wir mittlerweile zu alt", sagt der 33-jährige Herzberg. Beide hätten vor 22 Jahren mit illegalen Graffitis angefangen, "wie etwa 99 Prozent der Streetart-Künstler". Damals lebten sie noch in Berlin. Nach München kamen die beiden unabhängig voneinander und "eher zufällig".

Als Graffiti-Künstler habe man es in München zwar nicht leicht, dafür hätten die Kunstwerke auf der Straße aber einen größeren "Impact". "Berlin ist künstlerisch überlaufen, in München ist der Markt übersichtlicher", sagt Posselt. Der 37-Jährige ist Psychoherapeut und Mitgründer des Künstlerkollektivs "Blauer Vogel". Vor etwa sieben Jahren kam ihm gemeinsam mit einem Kollegen die "Schnapsidee": Auf jedem ihrer Bilder solle von nun an ein blauer Vogel vorkommen. "Mit Buchstabenkombinationen können die wenigsten etwas anfangen, deshalb wollten wir eine Symbolfigur schaffen", sagt Posselt. Außerdem lasse sich mit dem Vogel eine Geschichte erzählen, die stetig weitergeführt werde.

Der Blaue Vogel besteht mittlerweile aus den fünf Künstlern Kult, Köbes, Sanz, Pyser und Zwist. Keiner von ihnen kommt ursprünglich aus München. Herzberg und Posselt aka Psyer und Kult wollen vom "vereinfachten Schubladen-Denken" wegkommen und malen deshalb so vielfältig wie möglich: Sie verbinden "Style Writing" mit figürlichen Elementen, den illustrativen Comicstil mit Fotorealismus. Mit ihren Kunstwerken wollen sie zeigen: Kunst kann auch etwas wert sein, wenn sie nicht im Goldrahmen im Museum hängt.

Lange Zeit befand sich ihr Atelier an der Quiddestraße, seit einigen Monaten sind die Blauen Vögel im Kunsttreff an der Donauwörther Straße. Hier haben sie Platz für ihre Kreativität, ein Privileg, das nicht viele Streetart-Künstler in München genießen dürfen. "Man kommt leichter an legale Flächen, wenn man als Künstler einen Namen hat", sagt Posselt. Als junger, unbekannter Künstler habe man es in München dagegen oft schwer: An der "Wall of Fame" an der Tumblingerstraße, dort, wo jeder legal sprayen darf, seien die Kunstwerke nach spätestens zwei Tagen wieder übermalt. Und wer sich traut, an illegalen Orten zu üben, dem droht Strafe.

Das schrecke viele ab: Am Viehhof könne man zwar immer wieder talentierten Nachwuchs erkennen, jedoch sei dieser "nicht der Größe der Stadt angemessen". Schade findet Posselt, dass München niemand mehr "auf der Karte" hat, wenn es um Streetart geht. Das liege vor allem daran, dass Münchner Wirtschaftsbetriebe kaum Verständnis für die Kunst im öffentlichen Raum zeigten. Obwohl die Stadt diese seit einigen Jahren vermehrt fördere, gebe es immer noch sehr wenige freie Flächen für Streetart. "Das liegt an der Grundmentalität hier", meint Herzberg, "München ist zu vorsichtig."

© SZ vom 02.03.2020

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