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Kunst im Netz:Virtuell vertieft

Das Lenbachhaus reichert die Ausstellung von Sheela Gowda im Internet mit Bonusmaterial an, die Villa Stuck setzt "Die Demokratische Schnecke" nur digital um und lädt per Livestream zum Vernissage-Talk

Ach ist das bitter - für die indische Künstlerin Sheela Gowda wie für die Gäste des Lenbachhauses. Denn wie so vieles in diesen Corona-Zeiten kann man die lange geplante, große Ausstellung "It.. Matters" der international renommierten Biennale- und Documenta-Teilnehmerin Sheela Gowda aktuell nur online besuchen. Und das ist gerade bei Arbeiten, die so viel physische Präsenz erfordern, um die Installationen zu umwandern und die Materialität der Werke wahrzunehmen, ein nur bescheidener Ersatz.

Sheela Gowda

Sheela Gowdas Installation "Kagebangara" im Kunstbau des Lenbachhauses.

(Foto: Lenbachhaus/Simone Gänsheimer/Sheela Gowda)

Immerhin hat die Städtische Galerie viel getan, um den virtuellen Rundgang durch die Ausstellung von Sheela Gowda mit Bonusmaterial anzureichern. Neben der üblichen Bildergalerie finden sich auf der Website auch ein Begleitheft und Auszüge aus einem Künstlerbuch sowie reichlich Filmmaterial.

"Shedding Light" heißt das filmische Porträt, das die Künstlerin vor Ort in ihrer indischen Heimat wie auch beim Aufbau im Münchner Lenbachhaus begleitet. Darin erzählt sie viel darüber, welchen Einfluss die Vergangenheit der benutzten Materialien auf ihre künstlerische Praxis hat. Die ollen Ölfässer waren eben nicht nur Behältnisse für Öl, sondern dienten flach geklopft auch als Abdeckung von Häusern in den Slums indischer Millionenstädte.

Sheela Gowda

Sheela Gowda bei einem "Making of ..."

(Foto: Sheela Gowda)

Kuhdung als Material lässt Gowdas Kunstwerke tief eintauchen in die indische Gesellschaft, die schon immer, aber vermehrt in den zurückliegenden Jahrzehnten zu zerreißen droht. Wie sehr in Indien ländliche und städtische Strukturen aufeinanderprallen, ohne dass die eine die andere Gesellschaftsschicht je wirklich aufnehmen würde, sieht man dieser Tag wieder. Aktuell fliehen Hunderttausende verzweifelter und hungernder Wanderarbeiter aus den Städten, weil sie während der Ausgangssperre als Tagelöhner nicht einmal mehr die paar Rupien zum Überleben verdienen können.

Sheela Gowda

Ein Gemälde von Gowda aus den 1990er Jahren.

(Foto: Simone Gänsheimer/Sheela Gowda)

Ein Film mit der Laudatio von Ute Meta Bauer für Sheela Gowda anlässlich der Verleihung des Maria Lassnig Preises im vergangenen Jahr ist ebenso zu sehen wie eine Aufzeichnung des Künstlergesprächs des international bekannten Kurators Hans Ulrich Obrist mit Gowda. Und schließlich gibt es auch noch zwei kurze Einspieler zur Begrüßung: von Lenbachhaus-Direktor Matthias Mühling und der Kuratorin Eva Huttenlauch. Wer sich sonst während der oft langen analogen Vernissagereden die Beine in den Bauch steht, wird diese Online-Quickies zu schätzen wissen.

Eine Ausstellung, die dieser Tage gar nicht zu ihrer physischen Realisierung gelangte, ist "Die Demokratische Schnecke" von Heike Geißler und Anna Lena von Helldorff in der Villa Stuck. Statt die Erzählung, die auch den Untertitel "Ein großes Märchen" trägt, zwischen Gold und Stuck im Alten Atelier aufzubauen, haben die Künstlerinnen ihre Textfragmente in Windeseile digital übersetzt. Nur für eine Einladung zum Vernissagetalk vergangenen Donnerstag hatte die Zeit nicht mehr gereicht. So wählten sich nur eine Handvoll Eingeweihter per Livestream auf Zoom ein, um sich aus dem privaten Raum heraus über die Ausstellung, die keine Ausstellung ist, zu unterhalten.

Der virtuelle Zettelkasten formiert sich neu, je nachdem wie die Benutzer die Menüpunkte anklicken. Und wenn man schnell hintereinander die Abspielbuttons anklickt, hebt eine sprachliche Kakofonie an, die einem dadaistischen Chor gleichkommt. Eine wahrlich etwas andere Ausstellungserfahrung.

Sheela Gowda. It.. Matters, www.lenbachhaus.de, bis 26. Juli Die Demokratische Schnecke. Ein großes Märchen, von Heike Geißler und Anna Lena von Helldorff, Museum Villa Stuck, www.diedemokratischeschnecke.de, bis 22. April

© SZ vom 01.04.2020

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