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Kunst:Freunde von drüben

MiloÅ¡ Urbásek Regensburg

Spielereien mit dem Buchstaben S: Miloš Urbáseks in Siebdruck ausgeführte Serie, hier "S/56" (1971), ist ein Neuzugang.

(Foto: Studio Zink Fotografen/ Michaela Riese-Stiftung)

Eine Doppelausstellung über die Osteuropäischen Schätze des Kunstkritikers und Korrespondenten Hans-Peter Riese in Regensburg

Hans-Peter Riese reist gern nach Regensburg. Bietet ein Besuch der Stadt dem einstigen ARD- und FAZ-Journalisten doch die Gelegenheit, seine Kunstwerke wiederzusehen. Inzwischen trifft er dort auch seine 2000 Bücher umfassende Privatbibliothek wieder an, die er kürzlich stiftete. Seine Großzügigkeit würdigen nun das Kunstforum Ostdeutsche Galerie und die Universitätsbibliothek unter dem Titel "Reisen. Entdecken. Sammeln" mit einer Doppelausstellung an beiden Orten.

Riese, 1941 in Enger/Westfalen geboren, war zunächst als Kunstkritiker für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, später als Korrespondent für diverse Medien in Prag, Bonn, Moskau und Washington unterwegs gewesen und hatte an allen Orten seiner Tätigkeit den persönlichen Kontakt zu Künstlern gesucht. Der Schwerpunkt seiner Sammlung liegt auf der konstruktiv-konkreten Kunst Osteuropas, sie spiegelt Stilentwicklungen zwischen 1960 und 2000 wider. In drei Chargen hatte Riese dem Museum 2008, 2011 und 2013 Gemälde, Plastiken und Arbeiten auf Papier zukommen lassen. Nach der jüngsten Zustiftung 2019 umfasst der Bestand der Michaela-Riese-Stiftung im Museum 714 Einzelarbeiten. Die Stiftung erinnert an Rieses vor 20 Jahren verstorbene Frau, mit der er die Sammlung 30 Jahre lang aufgebaut hat.

Kuratorin Nina Schleif stellt daher auch das Journalistenpaar Riese vor. In Vitrinen liegen Texte und Reportagen der beiden. Begleitet werden sie an den Wänden von den eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Fotografin Barbara Klemm, die Hans-Peter Riese auf mehreren Reisen im Osten begleitete und große historische Momente ebenso wie Alltagsszenen festhielt. Dort im großen Saal hat auch eine unbetitelte Nagelarbeit Günther Ueckers ihren Auftritt. Sie erinnert an das Jahr 1985, in dem Riese als Leiter des ARD-Hörfunkstudios nach Moskau ging. Uecker, damals Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf, schickte dem Freund am Umzugstag per Taxi ein Abschiedsgeschenk, das Riese nur noch schnell in den Lastwagen schieben konnte. In Moskau konfiszierten die Zöllner das unangemeldete Paket sofort. "Ein Jahr blieb es im Depot der Zöllner, bevor wir es rausbekamen", sagt Riese.

Inzwischen ist das Werk etwas vergilbt. Uecker hatte zum Nageln einen dicken Stapel der Zeit verwendet, obenauf die Nummer 42/1985 mit einem Artikel über Gorbatschows Reformpolitik. Direkt darunter steht jener Text, der Fritz J. Raddatz, damals Feuilletonchef der Zeit, seinen Job kostete, weil er darin ein falsches Goethe-Zitat verwendet hatte. Als Raddatz eines Tages die Rieses besuchte und den Text im "Uecker" entdeckte, habe er grußlos die Wohnung verlassen, erinnert sich Riese. "Er hat nie wieder mit mir geredet."

71 der neu ins Museum gekommenen Werke stammen von Jan Kubiček (1927 - 2013), einem langjährigen Freund Rieses, der mehrere Monografien über den Künstler verfasst hat. Kubiček spielt mit Flächen und Linien, zerteilt und vervielfacht sie, variiert Balkenstärken in an sich leeren Quadraten. Ähnlich arbeitet auch Miloš Urbásek (1932 - 1988), der sich mit Zahlen und Buchstaben beschäftigt. Den Buchstaben S wandelt er in einer dreifarbigen Serie schier unendlich ab, erprobt immer neue Schwünge, arrangiert Flächen und Farben ständig anders.

Kubiček, Urbásek und auch Zdenĕk Sýkora (1926 - 2011) kannte Riese bereits, als er während des Studiums begann, erste Ausstellungen mit tschechischen Konstruktivisten in der Studiogalerie der Goethe-Universität Frankfurt zu organisieren. Sýkora bezog früh den Computer in seinen Arbeitsprozess mit ein, tat sich schon Mitte der Sechzigerjahre mit einem befreundeten Mathematiker zusammen, um Programmierungen zu erarbeiten und das Prinzip des Zufalls zu ergründen. "Das galt als fortschrittlich, weshalb die kommunistische Partei nichts gegen seine Bilder einwenden konnte", erinnert sich Riese. Eine seiner farbigen Strukturen kaufte der Journalist wenige Tage, bevor er 1973 wegen seiner Berichterstattung aus der Tschechoslowakei ausgewiesen wurde. Der Künstler versprach ihm, darauf aufzupassen. Als er 15 Jahre später wieder nach Louny fuhr, war das Bild weg, Sýkora hatte es verkauft. "Wir hatten eine schwierige Diskussion mit sehr viel Schnaps." Am nächsten Morgen suchten sie im Speicher nach anderen Bildern, fanden die "Farbige Struktur", die jetzt in Regensburg hängt.

Der vierte Künstler der Ausstellung ist Jiři Kolář (1914 - 2002), ein Grenzgänger zwischen Literatur und bildender Kunst. Sein "Tiefengedicht" ist ein wunderbares Beispiel für seine Schreibmaschinenbilder, später kamen dann die Knotengedichte - hängende Schnüre mit verschieden dicken Knoten. Berühmt freilich wurde er mit seinen Collagen, in denen er Elemente aus ihrem ursprünglichen Kontext löste und neu zusammensetzte.

Eine der Knotenarbeiten ist in der Unibibliothek zu sehen, umgeben von Künstlerkarten und -briefen, Widmungsexemplaren und anderen kleinformatigen Kunstwerken. Der Verlust der Bücher sei für ihn ein größerer existenzieller Schlag gewesen als die Weggabe der Bilder, sagt Riese. "Jetzt muss ich zum Recherchieren nach Regensburg fahren." Seine Bibliothek umfasst nicht nur Spezialliteratur zur bildenden Kunst der Moderne, sondern sie hat wie die Sammlung ihren Schwerpunkt auf osteuropäischer Kunst. Auch die Bücher, die als zusammenhängender Komplex im Lesesaal Philosophikum II zugänglich sind, erzählen von den Freundschaften, die Riese zu Zeiten des Eisernen Vorhangs mit russischen und tschechischen Künstlern pflegte.

Reisen. Entdecken. Sammeln. bis 3. Mai, im Kunstforum Ostdeutsche Galerie und im Schaufenster (Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek), Regensburg. Zur Ausstellung ist im Wienand Verlag ein Katalog erschienen.

© SZ vom 27.02.2020
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