bedeckt München 13°

Kunst:Die Götzen müssen verrückt sein

Obvious

Von einer künstlichen Intelligenz ließ das französische Kunstkollektiv Obvious das Porträt "L'Archevêque de Belamy" 2018 malen.

(Foto: Obvious)

Der Künstlerverbund im Haus der Kunst zeigt in einer Ausstellung, welche künstlerische Folgen künstliche Intelligenz haben kann

Von Evelyn Vogel

Das Gesicht mutet seltsam unscharf und ein wenig verzerrt an, Haltung und Kleidung erinnern an einen solventen Herrn aus einem früheren Jahrhundert, der Stil des Gemäldes an einen Altdeutschen oder Niederländischen Meister, der den Herrn in Öl auf Leinwand gebannt haben könnte. Wenn ein Kunstwerk im Stil Alter Meister bei einer Versteigerung auf dem internationalen Kunstmarkt mehr als 400 000 US-Dollar erzielt, dann ist das nicht viel mehr wert als eine Nachricht. Wenn dieses Kunstwerk allerdings nicht von einem Menschen, sondern von einer künstlichen Intelligenz erschaffen wurde, dann ist das eine Sensation.

So geschehen bei dem Gemälde "Portrait of Edmond De Belamy", das als erstes von einer KI erschaffenes Gemälde im Oktober 2018 vom Auktionshaus Christie's für 432 500 US-Dollar versteigert wurde. Das französische Kunstkollektiv Obvious hatte die künstliche Intelligenz für das Gemälde eingesetzt. Diese KI basierte auf einer Arbeit des 19-jährigen Collegeabsolventen Robbie Barrat, der die Freeware ins Netz gestellt hatte. Die Urheberschaft des verwendeten Algorithmus war das eine. Die Urheberschaft des Kunstwerks war eine ganz andere, stellte es doch die Einzigartigkeit des Künstlertums ins Frage.

Verschiedenen Ansätzen künstlerischer Urheberschaft und Techniken geht die Ausstellung "Götzendämmerung - Twilight of the Idols" im Haus der Kunst nach. Der Ausgangspunkt sind von Menschenhand erschaffene Gemälde und Skulpturen. Dann gibt es digital oder via VR- und AR-Technik verfremdete und weiterverarbeitete Fotos und Objekte. Und darüber hinaus zahlreiche Arbeiten, denen eine KI zugrunde liegt. Mal werden die Werke ausgeführt von Malrobotern, mal reagieren die mit KI trainierten Maschinen auf die Künstler, oder die KI reagiert direkt auf den Betrachter und seine Bewegungen, mal interagiert die künstliche Intelligenz mit sich selbst.

Während die meisten Arbeiten, die sich an der Schnittstelle zwischen analog und digital bewegen, im Hauptraum der Südgalerie versammelt sind, gibt es noch Aktionsräume, die teils den Live-Acts vorbehalten sind - auch wenn coronabedingt nicht alle Künstler anreisen können. Da treffen mit KI trainierte Malroboter aufeinander und werden über die Ausstellungsdauer hinweg im Stil der Künstler große Papierarbeiten schaffen. In einem anderen Raum sind wie auf einer DJ-Empore Arbeitsplätze aufgebaut, von denen aus die Künstler live mit eigener KI arbeiten werden. Die Ergebnisse werden auf den sechs Leinwänden rundum zu sehen sein. An anderer Stelle können Besucher erleben, wie sie durch das Verschieben von Gegenständen die KI dazu bringen, nach den vier Elementen Landschaften zu erschaffen.

Es ist ein ganzer Kosmos an künstlerisch-künstlichen Erfahrungen, die die Besucher hier machen können. Und wie hochrangig die Sache ist, belegen die Beteiligungen, unter anderem der Ars Electronica.

Auf die Beine gestellt hat die Schau, die leider nur eine Woche lang zu sehen ist, der Künstlerverbund im Haus der Kunst. Die kurze Ausstellungszeit ist dem Format des Zwischenspiels zwischen den Biennalen geschuldet. Einem Ausstellungsrhythmus, der einst unter dem damaligen Direktor Okwui Enwezor ausgehandelt worden war und nach dessen Willen zu mehr Fokussierung und Qualität führen sollte. Was hier nun in Sachen "Kunst und KI als ästhetischer Diskurs im Zeitalter von Trans- und Posthumanismus" auf die Beine gestellt wurde, ist eine so konzentrierte, internationale Schau, dass der mittlerweile verstorbene Enwezor vermutlich seine Freude daran gehabt hätte.

Götzendämmerung - Twilight of the Idols, Kunst und KI als ästhetischer Diskurs im Zeitalter von Trans- und Posthumanismus, Künstlerverbund im Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, Eröffnung: Do., 24. Sept., 18-22 Uhr, bis 1. Okt., Mo/Mi/So 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr, Fr/Sa 10-20 Uhr

© SZ vom 24.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite