bedeckt München 17°
vgwortpixel

Kunst der Pause:Singen gegen die Stille

Besseren Zeiten entgehen: Täglich ist Gasteig-Chef Max Wagner noch ein paar Stunden im leeren Kulturzentrum und übt sich in Optimismus.

(Foto: Catherina Hess)

Max Wagner ist Geschäftsführer des Gasteig und vertraut trotz aller Sorgen auf die Kraft der positiven Gedanken

Das Kulturleben steht still. Zumindest äußerlich. Innerlich, in den Stuben und Köpfen der Künstler geht es natürlich weiter. Die Serie "Kunst der Pause" befragt die Kreativen ohne Bühne, die Dirigenten ohne Orchester, die Schauspieler ohne Set, was sie nun tun. Max Wagner ist seit 2017 Geschäftsführer des Gasteig. Aktuell ist er noch mit der Generalsanierung beschäftigt und plant die zeitweilige Übersiedlung ins Sendlinger Ausweichquartier. Die letzte im Gasteig eröffnete Ausstellung war "Jaja neinein vielleicht", die nur kurz zu sehen war. In den leeren Räumen warten die Exponate nun auf Besucher.

SZ: Woran wollten Sie in diesen Tagen arbeiten, wenn durch Corona nicht alles lahmgelegt worden wäre?

Max Wagner: Alles, was eigentlich geplant war, ist in weite Ferne gerückt. Vorträge in Wien und hier in München, Baubesprechungen, Treffen mit Sponsoren, Konzerte, Ausstellungseröffnungen im Gasteig - alles ist nun abgesagt. Das Haus ist geschlossen. Volkshochschule, Stadtbibliothek und Musikhochschule sind zu, es gibt keine Veranstaltungen mehr. Die anderen beiden großen Aufgaben, die unter großem Zeitdruck laufen, gehen aber weiter. Bei der Generalsanierung des Gasteig sind wir gerade mit dem Architekturbüro Henn und allen Beteiligten mitten in den Vorplanungen, alles im Home-Office. Und auf dem Gelände in Sendling, wo der Gasteig während der Sanierungszeit unterkommen wird, werden gerade die Fundamente für die Philharmonie betoniert. Aber auch hier rechnen wir jeden Tag damit, dass Corona uns alle ausgeklügelten Zeitpläne über den Haufen wirft.

Was machen Sie jetzt stattdessen?

90 000 Quadratmeter lassen sich nicht so einfach von einem auf den anderen Tag stilllegen. Wo bisher 35 Jahre lang durchgehend Betrieb war, wo sich jeden Tag mehrere Tausend Menschen fast rund um die Uhr mit Kultur und Bildung versorgt haben, ist jetzt eine fast gespenstische Stille. Ich bin jeden Tag noch für ein paar Stunden im Haus, um das Nötigste zu erledigen. Soweit es geht, arbeiten jetzt alle Kolleginnen und Kollegen im Home-Office. Im Zuge unserer Baumaßnahmen haben wir uns ja viel mit modernen Arbeitswelten beschäftigt. Und jetzt setzen wir vieles davon in kürzester Zeit um. Das sind für alle ganz spannende Prozesse.

Was hilft Ihnen gegen triste Gedanken in diesen Tagen?

Die ersten Tage hat mir noch eine Notration Süßes über die Runden geholfen. Sechs Stück Kuchen von meiner Lieblingskonditorei Wölfl gleich hinter dem Gasteig. Das war mein persönlicher Hamsterkauf. Aber auf Dauer hilft das natürlich auch nicht. Wie wahrscheinlich vielen anderen Menschen auch fehlen mir Kunst und Kultur sehr. Wunderbar finde ich da die Livestreams, die die Oper jetzt anbietet. Dass anscheinend bis zu 50 000 Zuschauer so ein Konzert verfolgen, zeigt, dass die Menschen das jetzt auch brauchen. Im Grunde bin ich ein durch und durch positiver Mensch. Man kann jeder Situation auch etwas Gutes abgewinnen. Wenn ich an meinem Laptop zu Hause am Esstisch sitze, die Sonne durch das Fenster scheint, dann freue ich mich wieder über die vielen kleinen Dinge des Lebens, die man sonst gerne in der Hektik des Alltags übersieht. Und ich denke öfter an die, die nicht so privilegiert sind, eine solche Krise einfach mit positiven Gedanken durchstehen zu können. Ich denke an die Kollegen in unserer Branche, die als Künstler und Veranstalter jetzt um ihre Existenz fürchten. Und auch an die Obdachlosen, die sich bisher immer im Gasteig aufgewärmt haben.

Worauf freuen Sie sich jetzt schon, wenn das kulturelle Leben wieder aufgenommen wird?

Zunächst einmal darauf, dass die grandiose Ausstellung "Jaja neinein vielleicht" im Gasteig endlich fürs Publikum zu sehen ist. Die Ausstellung im Rahmen des 15. RischArt-Projekts wurde eröffnet - am übernächsten Tag war der Gasteig zu. Die Ausstellung bleibt nun weit über das geplante Ende im leeren Gasteig wie in einem Dornröschenschlaf. Mir schwebt so etwas wie eine zweite Vernissage vor, mit der wir sie dann wachküssen. Überhaupt denke ich öfter darüber nach, wie man nach dieser Situation angemessen feiern könnte. Nach vorne zu denken, gibt mir tatsächlich auch jetzt Kraft und Mut. Wenn es nicht so umweltschädlich wäre, würde ich ja sagen, alle Hamsterkäufer verhüllen den Gasteig Christo-mäßig mit Klopapier. Und enthüllen ihn dann wieder. Aber im Ernst. Es muss gefeiert werden, es muss auf jeden Fall Musik geben, es muss getanzt werden - und es muss für alle etwas dabei sein. Unser großes Tanzfest "Tanz den Gasteig" am 13. Juni wäre so eine Gelegenheit.

Haben Sie einen besonderen CD-, Buch-, Musik-, Streaming-, Handarbeits-Tipp für all uns Stubenhocker wider Willen?

Selbst Musik machen. Das hebt die Stimmung noch mehr als die meisten digitalen Angebote, die es zurzeit gibt. Und zumindest singen kann jeder in den eigenen vier Wänden. Ich selbst will an den freien Abenden kitschige südamerikanische Boleros einstudieren. Und ich habe mir fest vorgenommen, mal wieder meine Geige auszupacken und mich an Bach zu versuchen. Der tut immer gut. Aber singen beim Hausputz ist sicher auch hilfreich.

© SZ vom 31.03.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite