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Kunst der Pause:Reise in die Parallelwelt

Mulo Francel & Chris Gall Petrikirche

Mulo Francel geht den Weg vom Live-Konzert zum Live-Stream.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Musiker Mulo Francel erinnert an 75 Jahre Frieden in Europa

- Das Kulturleben steht still - äußerlich. In den Stuben und Köpfen geht es weiter. Die Serie "Kunst der Pause" befragt die Musiker ohne Bühne, die Dirigenten ohne Orchester, die Schauspieler ohne Set, die Kuratoren ohne Galerie, was sie nun tun. Der Holzbläser Mulo Francel ist als Kopf von Deutschlands erfolgreichster Weltmusik-Band Quadro Nuevo und diverser anderer Projekte sonst ständig unterwegs.

SZ: Bestimmt hat Corona Sie schon um etliche Reisen und Konzerte gebracht?

Mulo Francel: Ja, das letzte Konzert spielte ich mit meinem Ensemble Quadro Nuevo am 12. März bei Würzburg. Seither wurden alle Konzerte bis in den Juni hinein abgesagt.

Was machen Sie jetzt stattdessen?

Für den kommenden Samstag, 18. April, bereite ich ein Live-Stream-Konzert unter meiner musikalischen Leitung vor. Da geht's mal nicht um Corona. Kreative Musiker der überregionalen Jazz- und Weltmusik-Szene wie der Gitarrist Philipp Schiepek, der Pianist Bernd Lhotzky oder der Perkussionist Stefan Noelle, alle mit biografischen Wurzeln in Deutschland, Österreich, Tschechien, Polen oder den ehemaligen deutschen Ostgebieten, begegnen sich 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Wir feiern 75 Jahre Frieden in Mitteleuropa. Einen historisch beispiellosen Frieden, der alles andere als selbstverständlich ist. Einen Frieden, den es zu erhalten gilt. Wir treffen uns in Eigenkompositionen, die von den Lebenslinien und Wurzeln der Künstler inspiriert sind. So etwa eine groovige Neufassung von Smetanas "Moldau" oder der Song "Wiosna" (Frühling) der fantastischen polnischen Vibrafonistin Izabella Effenberg. Die Lieder wurden exklusiv für unser Projekt "Crossing Life Lines" erarbeitet und gerade eben für ein Musik-Album eingespielt, das im Spätsommer 2020 erscheinen wird. Dieses Live-Stream-Konzert ist eine echte Welturaufführung. Das Konzert veranstalte ich zusammen mit der Pasinger Fabrik und dem Haus des Deutschen Ostens. Gesendet wird über www.pasinger-fabrik.com.

Was hilft Ihnen gegen triste Gedanken in diesen Tagen?

In Ruhe im Wald Wildkräuter sammeln. Zur Zeit im Angebot: Junger Giersch; Knoblauchrauke, die übrigens kein Lauchgewächs, sondern mit dem Senf verwandt ist; junge Brennnessel und Taubnessel; zarte Schafgarbe - und natürlich der Hit dieser Tage: Bärlauch.

Haben Sie um Unterstützung gebeten?

Die Corona-Soforthilfe der Staatsregierung lässt noch auf sich warten. Wir leben zurzeit von den Einnahmen meiner Frau, die Drehbücher schreibt.

Worauf freuen Sie sich jetzt schon, wenn das kulturelle Leben wieder aufgenommen wird?

Auf das Publikum!

Haben Sie einen besonderen CD-, Buch-, Musik-, Streaming- oder sogar Handarbeits-Tipp für all uns Stubenhocker wider Willen?

Wir haben mal ein Buch mit vielen Anekdoten und philosophischen Gedanken zu unseren Reisen geschrieben: "Quadro Nuevo - Grand Voyage". Beim Lesen passen natürlich akustisch unsere Musik-Alben ideal dazu. Das ist dann schon mal ein kleiner Urlaub in eine Parallelwelt.

© SZ vom 16.04.2020

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