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Kunst der Pause:Postkarten vom Schreibtisch

Tanja Graf, 2019

Tanja Graf.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Sichtbar bleiben: Tanja Graf über Aktionen des Literaturhauses

Das Kulturleben steht still - zumindest äußerlich. In den Stuben und Köpfen geht es natürlich weiter. Die Serie "Kunst der Pause" befragt die Kreativen ohne Bühne, die Dirigenten ohne Orchester, die Kuratoren ohne Galerien. Die ehemalige Lektorin und Verlegerin Tanja Graf leitet seit 2016 das Literaturhaus München, das derzeit geschlossen ist.

SZ: Woran wollten Sie in diesen Tagen eigentlich arbeiten?

Tanja Graf: Klar, auch ich wollte "endlich einmal" Dinge tun, zu denen sonst nie Zeit ist: zum Beispiel in Ruhe weiter darüber nachdenken, wie wir das Literaturhaus fit für die Zukunft machen. Dazu gibt es bereits viele tolle Ideen, die wir zusammen mit dem Architekturbüro Kiessler entwickeln. Unsere Strategie: Wir wollen das Haus noch mehr zum Lieblingsort der Münchnerinnen und Münchner machen, hier soll man zukünftig nicht nur Lesungen, Ausstellungen und Seminare besuchen, sondern es soll Arbeitsplatz, Treffpunkt, Ort des Austauschs für alle Generationen werden. Die Corona-Krise ist sicher auch eine Chance, nun unsere digitalen Möglichkeiten noch besser auszuloten. Außerdem hatte ich vor: die Herbstvorschauen der Verlage durchzusehen und mit dem Programmteam neue Veranstaltungen zu planen. Und davor noch: die besten Frühjahrsbücher mal ganz lesen, alte Lieblingsbücher wieder lesen, täglich Yoga und Laufen und ...

Was machen Sie jetzt stattdessen?

Ich verbringe viel Zeit im kommunikativen Austausch mit dem Literaturhaus-Team - per E-Mail, Whatsapp und Zoom, denn fast alle befinden sich im Home-Office. Das ist schön, denn aus dem Team kommen viele tolle Vorschläge, wie wir als Literaturhaus im Netz präsent bleiben können. Einige Beispiele: Wir bereiten derzeit "Webinare" vor - offene Schreibwerkstätten, zu denen man sich per Video zuschalten kann. Und einen Video-Rundgang durch unsere neue Ausstellung "Thomas Mann: Democracy will win!", auf deren reale Eröffnung wir im Mai hoffen. Auf unserer Webseite findet man auch immer neue Aktionen, wie "Postkarten vom Schreibtisch" oder "Literatur(zu)haus".

Aber natürlich zerbreche ich mir auch den Kopf, wie wir unser wunderbares Haus über die Runden bringen, denn die Stiftung Literaturhaus profitiert nur teilweise von öffentlichen Geldern. Unser Programm wird zu einem beträchtlichen Anteil über Einnahmen finanziert: Pacht- und Mieteinnahmen, Eintrittsgelder, das fällt nun alles weg. Nun hoffen wir vermehrt auf unsere Freunde und Förderer, auf Neu-Mitglieder oder Spontan-Spender, damit unser 14-köpfiges Team vollständig bleiben kann. Zudem haben auch wir Kurzarbeitergeld beantragt.

Was hilft Ihnen gegen triste Gedanken in diesen Tagen?

Natürlich die Aussicht auf den nun explodierenden Frühling! Das tröstet auch darüber hinweg, dass aus den Osterreiseplänen nichts wird - ursprünglich wollte ich mit meiner Nichte nach London, zur Harry Potter World.

Worauf freuen Sie sich jetzt schon, wenn das kulturelle Leben wieder startet?

Am meisten freue ich mich darauf, unser Publikum wiederzusehen. Kultur ohne Feedback, ohne Gemeinschaftsgefühl macht nur halb so viel Spaß.

Haben Sie einen besonderen Buch- oder sonstigen Tipp für uns Stubenhocker?

Ich lese gerade ein Buch, das mich begeistert, im Zusammenhang mit unserer neuen Ausstellung: die Erinnerungen von Salka Viertel, "Das unbelehrbare Herz". Sie war die Seele von "Weimar in Pacific Palisades", unterstützte zahlreiche Künstler im kalifornischen Exil, nicht nur mit ihrem legendären Guglhupf. Viele von ihnen fühlten sich gleichsam wie in Quarantäne, abgeschnitten von ihrem Publikum. So geht es auch vielen der Autorinnen und Autoren, die wir jetzt im Literaturhaus zu Gast hätten. Daher der beste Tipp, den man in diesen Zeiten geben kann: Besorgen Sie sich reichlich Lektüre bei Ihrer Buchhandlung um die Ecke! Fast überall gibt es einen fabelhaft funktionierenden Bestellservice. Mir ist es sowieso ein Rätsel, warum Bücher nicht zu den Grundnahrungsmitteln gehören. Buchhandlungen sollten geöffnet sein wie Supermärkte und Apotheken.

© SZ vom 09.04.2020

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