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Kunst der Pause:Der Hanserschwarm

Jo Lendle

Ein wichtiges Ziel sei es, die Buchhandelslandschaft zu bewahren, sagt Hanser-Verleger Jo Lendle.

(Foto: Robert Haas)

Verleger Jo Lendle berichtet über das Büchermachen von zu Hause aus

Das Kulturleben steht still - zumindest äußerlich. Innerlich, in den Stuben und Köpfen der Künstler geht es natürlich weiter. Die Serie "Kunst der Pause" befragt die Kreativen ohne Bühne, die Dirigenten ohne Orchester, die Kuratoren ohne Galerien, was sie nun tun. Der Verleger und Schriftsteller Jo Lendle leitet seit 2014 den Hanser Verlag in München.

SZ: Wie sieht die Lage des Verlags im Moment konkret aus?

Jo Lendle: Aus dem Hanser Verlag ist ein Hanserschwarm geworden: Wir sind alle ausgeflogen und werkeln jetzt von Wohn- und Schlafzimmern aus. Das funktioniert verblüffend selbstverständlich. Von dort aus werden jetzt die aktuellen und die kommenden Bücher betreut, Lesungen verlegt und neue Formate entwickelt, wir unterstützen den Buchhandel und versuchen bei alldem, die gute Laune halbwegs zu bewahren.

Mit welchen Mitteln stemmen Sie sich gegen die Krise?

Die Schließung der Buchhandlungen trifft uns hart. Wir hatten das Glück eines enorm starken Frühjahrs - und die meisten unserer Bücher waren Mitte März bereits erschienen, sodass sie Leser finden konnten, die sie nun weiterempfehlen. Dennoch mussten natürlich alle Autoren ihre Lesereisen absagen - die fühlen sich jetzt unsichtbar. Wir versuchen also, auf anderen Kanälen Wahrnehmung und Sichtbarkeit zu erzeugen. Da gibt es viele Initiativen, Videolesungen et cetera. Ansonsten sind es die traurigen Mittel: Kurzarbeit für alle, von den Titeln des Herbstes werden wir einige verschieben müssen.

Ein wichtiges Ziel ist es, die Buchhandelslandschaft zu bewahren. Was dort geleistet wird mit Versand, Abholstationen und Fahrradauslieferung, ist beeindruckend. Unsere Botschaft ist: Die Bücher sind lieferbar! Bestellungen laufen per Telefon, E-Mail, Webseite und so weiter. Dass Amazon zeitgleich entschieden hat, Bücher nicht so wichtig zu nehmen, gibt der Sache einen besonderen Dreh: Viele Leser stellen fest, wie gut es mit dem Buchhändler nebenan läuft.

Welche Form von Unterstützung würde Ihnen zusätzlich helfen?

Im großen Maßstab dasselbe wie in allen anderen Branchen: niedrigschwellige Förder- und Kreditprogramme. Förderung der Künstler und des Buchhandels. Im kleinen Maßstab kann jeder Einzelne mit einem einfachen Trick dafür sorgen, dass das kulturelle Leben auch nach der Krise nicht verdorrt ist: reichlich gießen. Also Bücher kaufen, lesen, weiterempfehlen. Vorteil: Das tut gerade ohnehin gut. Und jeder kennt jemanden, der gerade allein ist und nicht besucht werden darf. Ein Paket mit Lektüren ist die beste Hilfe.

Was hilft Ihnen gegen triste Gedanken in diesen Tagen?

Arbeit an den neuen Büchern. Die Nähe in der Familie. Laufen gehen. Mitschreiben.

Haben Sie einen besonderen Buch- oder sonstigen Tipp für uns Stubenhocker?

Wer mit etwas Abstand auf die Sache schauen will, dem empfehle ich dringend Laura Spinneys augenöffnendes Buch über die Situation vor hundert Jahren: "1918 - Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte". Es ist ein Buch nicht nur über die Gegenwart einer Pandemie, sondern auch über die enormen Folgen auf sämtliche Lebensbereiche. Ansonsten Thomas Girsts "Alle Zeit der Welt" - ein Buch über lauter Dinge, die noch viel länger dauern als eine Quarantäne.

© SZ vom 06.04.2020

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