Zum Tag der Deutschen EinheitIst der Demokratie noch zu helfen?

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„Könnt ihr noch?“ fragt der Avatar der Band  Deichkind  und mit ihm die gleichnamige Ausstellung über Kunst und Demokratie in Schloss Herrenchiemsee.
„Könnt ihr noch?“ fragt der Avatar der Band Deichkind und mit ihm die gleichnamige Ausstellung über Kunst und Demokratie in Schloss Herrenchiemsee. (Foto: Haydar Koyupinar/Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Wie ist es um unsere Demokratie bestellt? Hat die Kunst noch die Kraft, sie zu verteidigen? Ein paar Überlegungen aus Anlass des Tags der Deutschen Einheit – und was eine Ausstellung in Schloss Herrenchiemsee damit zu tun hat.

Von Evelyn Vogel

„Wie es um die Freiheit einer Gesellschaft bestellt ist, das lässt sich auch daran messen, wie frei die Künste in ihr sind.“ Wolfgang Thierse, ehemaliger Bundestagspräsident, von dem diese Worte stammen, muss es wissen. Als Mitarbeiter des Staatsministeriums für Kultur in der damaligen DDR musste er in den 1970er-Jahren am eigenen Leib erleben, was es bedeutet, wenn man für die Freiheit der Kunst, in dem Fall die Redefreiheit eines Künstlers eintritt. Weil er sich weigerte, eine Erklärung zu unterzeichnen, mit der er die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann befürworten sollte, wurde er aus dem Amt entlassen.

Wer jetzt denkt „ach, die Siebziger“ oder „ja klar, in der DDR“, scheint nicht mitzubekommen, wie es im Moment um die Freiheit der Künste und damit auch der Gesellschaft bestellt ist. Weltweit sind sie bedroht durch Extremismus, Terrorismus, Krieg und Populismus. In Ländern wie Russland, die von Autokraten wie Putin regiert werden, wo auch Künstler, die ihre Stimme gegen das Regime erheben, zu Lagerhaft verurteilt werden. Wie es dieser Tage den Mitgliedern des Künstlerinnen-Kollektivs Pussy Riot widerfuhr.

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Aber auch in alten Demokratien wie den USA, wo deren gewählter Präsident Trump Allmachtsfantasien auslebt und missliebige Kritiker wie den Late-Night-Talker Jimmy Kimmel mundtot zu machen versucht. Auch wenn Kimmel nach vielen Protesten wieder auf Sendung ist, Trump nutzt viele Hebel, um in die Kunst- und Medienfreiheit einzugreifen und die Demokratie zu zerlegen.

Ein Balanceakt namens Demokratie

Auch in Deutschland erodieren die demokratischen Systeme. Fast alltäglich ist, dass Künstlerinnen und Künstler mit einem Boykott rechnen müssen, wenn sie für etwas einstehen, das nicht mit der Haltung von Menschen an den extremen Rändern (inzwischen von links wie von rechts) übereinstimmt. Immer häufiger kommt es vor, dass Kulturinitiatoren mit einer ideologischen Schere im Kopf und in vorauseilendem Gehorsam über Ein- und Ausladungen von Künstlern entscheiden, weil sie mit Störungen oder Kampagnen gegen die Künstler oder sich selbst rechnen. Oder dass Politiker Druck machen, weil sie den Verlust von Wählerstimmen und Schlimmeres befürchten. Die Ausladung des jüdischen Publizisten Michel Friedman jüngst im mecklenburgischen Klütz ist da nur ein Puzzleteilchen von vielen.

Mit einer „Rose für direkte Demokratie“ hat Joseph Beuys 1973 deutlich gemacht, wie wichtig es ist, die Demokratie nicht als etwas Selbstverständliches hinzunehmen, sondern sich dafür einzusetzen. Das Werk eröffnet die Ausstellung „Könnt ihr noch? – Kunst & Demokratie in Schloss Herrenchiemsee“.
Mit einer „Rose für direkte Demokratie“ hat Joseph Beuys 1973 deutlich gemacht, wie wichtig es ist, die Demokratie nicht als etwas Selbstverständliches hinzunehmen, sondern sich dafür einzusetzen. Das Werk eröffnet die Ausstellung „Könnt ihr noch? – Kunst & Demokratie in Schloss Herrenchiemsee“. (Foto: Haydar Koyupinar/BStGS/VG Bild-Kunst, Bonn 2025)

Die mehr und mehr um sich greifende Cancel-Culture verändert die Kultur in zunehmendem Maße. Und wenn die Kultur und die Künste Gradmesser sind für die Freiheit der Gesellschaft, dann auch für die Demokratie. Denn wie steht es denn um unser Verhältnis zur Demokratie? Wie motiviert sind wir, sie zu verteidigen? Wie erschöpft sind wir als demokratische Gesellschaft? Das sollten wir uns fragen, wenn wir an diesem Freitag zum 35. Mal den Tag der Deutschen Einheit feiern.

Das fragt auch, wenngleich auf andere Weise, eine Ausstellung in Schloss Herrenchiemsee. Diese ist aber viel mehr als nur eine tolle Ausstellung an einem besonderen Ort. Der Nord-Flügel des Schlosses wurde nie ganz fertig und strahlt mit seinem unverputzt-rohen Klinkerbau einen ganz besonderen Charme aus. Oliver Kase von den Staatsgemäldesammlungen, der zusammen mit Verena Hein die Ausstellung kuratiert hat, nannte die Räumlichkeiten „das schönste Pop-up-Museum der Welt“. In diesem Jahr wurde Herrenchiemsee zusammen mit anderen Königsschlössern in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen.

Bei Sheila Hicks hängt die Demokratie am wollenen Faden, ist verwirrt und verknotet. Im Vordergrund eines ihrer typischen Werke „Saffron Sentinel“ von 2017, hinten „Reflections on Versailles“ von 1973.
Bei Sheila Hicks hängt die Demokratie am wollenen Faden, ist verwirrt und verknotet. Im Vordergrund eines ihrer typischen Werke „Saffron Sentinel“ von 2017, hinten „Reflections on Versailles“ von 1973. (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2025; BStGS, Haydar Koyupinar)

Anders als die Prachträume des Schlosses ist dieser Nord-Flügel normalerweise nicht zugänglich. Die „Königsklasse“, so der Titel der Ausstellung, mithin eine der wenigen Gelegenheiten hineinzukommen. Das Konzept, zeitgenössische Kunst an einem Ort zu zeigen, an dem König Ludwig II. nach dem Vorbild von Versailles eine seiner royalen Fantasien verwirklichte, hatte vor der Pandemie vier Ausgaben erlebt und war von dieser rüde unterbrochen worden.

Die Wiederaufnahme kam beim Publikum nun so gut an, dass die Staatsgemäldesammlungen sich just dieser Tage entschlossen haben, die Ausstellung in leicht veränderte Form im kommenden Jahr noch einmal zu zeigen.

Und noch ein Umstand macht Herrenchiemsee zum idealen Ort für eine Ausstellung über unser Verständnis von und unser Verhältnis zur Demokratie: Hier fand im Sommer 1948 der Konvent statt, dessen Verfassungsentwurf zur Grundlage des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland wurde. Aber natürlich wurde die Ausstellung keine Materialsammlung zur Staatsbürgerkunde mit Vitrinen voller Dokumente und Ähnlichem.

Im Gegenteil. Ein Raum ist sogar ganz und gar der Teilhabe gewidmet: das Kinderforum van de Loo, das dem Austausch, der Intuition, der Solidarität und dem Mitmachen gewidmet ist. Denn auch Kreativität und Spiel ist ein Aspekt, unter dem die etwa 50 Werke hier präsentiert werden.

Eine Gesellschaft auf Online-Speed

„Die Werke entstanden in ihrem historischen Kontext und sind damit auch Beobachtungen oder Kommentare gesellschaftlicher Phänomene ihrer Entstehungszeit“, fasst Kuratorin Verena Hein, das Verhältnis von Demokratie und Kunst zusammen. Künstlerinnen und Künstler „sind in diesem Sinne Zeitzeugen“, so Hein, die früher Kuratorin der Villa Stuck war und inzwischen Sammlungsleiterin an den Staatsgemäldesammlungen ist.

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Von ihr stammt auch die Idee zum Ausstellungstitel, der zurückgeht auf einen Song der Band Deichkind. Die Hamburger Hip-Hop- und Electropunk-Formation beschreibt darin eine Gesellschaft auf Online-Speed, die nur noch von einem Schlagwort zum nächsten hechelt und höchstens stellenweise ins Stottern gerät. Zeit zum Nachdenken? Zeit zum Fragen? Fehlanzeige. Aber: „Wer nicht fragt, bleibt eingeloggt“, ist das Fazit von Deichkind.

Also ist es gut, wenn Künstlerinnen und Künstler Werke schaffen, die die Welt und unsere Ansichten darüber hinterfragen. Denn schon immer hatten sie ein zwiespältiges Verhältnis zur Macht. Aber diese Zweifel münden selten in destruktiven Aktionen – höchstens in selbstzerstörerischen.

Nicht die Augen vor der Wirklichkeit verschließen: Max Beckmanns „Mann im Dunkel“ von 1934 in der Ausstellung „Könnt ihr noch?“ in Schloss Herrenchiemsee.
Nicht die Augen vor der Wirklichkeit verschließen: Max Beckmanns „Mann im Dunkel“ von 1934 in der Ausstellung „Könnt ihr noch?“ in Schloss Herrenchiemsee. (Foto: Haydar Koyupinar/Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Und so hangelt sich die Ausstellung von den Zeichen der Demokratie in der deutschen Nachkriegskunst à la Beuys über traumatisierte Schwergewichte wie Pablo Picasso, Max Beckmann, Anselm Kiefer, Jörg Immendorff, Francis Bacon und vielen anderen bis zu den „Balancierenden Türmen“ von Inge Mahn, die das perfekte Symbol für diesen Balanceakt namens Demokratie darstellen. Letztlich hängt alles am seidenen, in einem eindrucksvoll gestalteten Raum von Sheila Hicks wollenen Faden, der verknotet und verwirrt ist. Demokratie – Können wir noch? Hoffentlich.

Könnt ihr noch? – Kunst & Demokratie, Königsklasse auf Schloss Herrenchiemsee, bis 12. Oktober

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