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Ausstellungen und Gesprächsabend zu Anselm Kiefer:Künstler der großen Mythen

Anselm Kiefer. Opus Magnum I 12. Juli 2020 - 6. Juni 2021 I Franz Marc Museum, Kochel

Die Frau hat keinen Körper: Anselm Kiefers "Opus Magnum - Daphne" (2016) im Franz Marc Museum in Kochel.

(Foto: collecto.art/Anselm Kiefer, VG Bildkunst, Bonn 2021)

Anselm Kiefer ist ein Superstar. Jetzt widmet man ihm zwei Ausstellungen in Kochel und Mannheim und einen Abend im Münchner Literaturhaus.

Von Susanne Hermanski

Eva gebar Kain und Abel, so steht's in der Bibel. Doch wie war das mit Lilith, Adams erster Frau? Töchter lässt Anselm Kiefer aus ihrem Rockschoß regnen, keinen einzigen Sohn. Kiefers Lilith ist ganz Kleid. Ihre Kinder sind wie sie, kopflos, handlos, die Ärmchen der Gewänder weit ausgebreitet. Ganz aus zerknautschtem Blei schweben sie, aufgehängt an zarten Drähten, in einer mannshohen Vitrine. Auf deren Boden: Lehm. Aus der Hand des Künstlers steht auf dem Glas die Überschrift "Liliths Töchter". Wem Lilith, die Frau vor Eva, etwas sagt, der freut sich über die Anspielungen - auf Bibel, Talmud, Goethes Faust und auf den Feminismus der Siebzigerjahre, der sie zur Göttin erhob. Wem Lilith nicht vertraut ist, dem schenkt Kiefer die Neugierde, mehr über dieses sagenhafte Wesen zu erfahren.

Anselm Kiefer, seit Jahren in den Top Ten der lebenden Künstler, deren Werke am höchsten gehandelt werden, ist der Dichter unter ihnen, der Erzähler unter den Malern. Oft wird auf seine Verbindung zu Ingeborg Bachmann und Paul Celan verwiesen. Kiefers Arbeiten sind Gegenstand gewordene Metaphern. Sie zu entschlüsseln - politisch, persönlich, geschichtskritisch, bedeutet Mühe, aber auch Gewinn. Ähnlich wie die Plackerei mit einem Hölderlin-Gedicht. Doch ist Anselm Kiefer, der Anfang März 76 Jahre alt wurde, auch zeitgemäß? Oder nur berühmt?

Mit 15 Autoren schreibt die Schau die Beziehung zwischen Kiefer und der Literatur fort

In diesen Tagen, da die Kunst in den Museen die meiste Zeit weggesperrt wird - klar, sie ist ja ansteckend - gibt es zwei große Kiefer-Ausstellungen, mit denen sich in dieser Sache Beweis führen ließe. Die eine zeigt in der Kunsthalle Mannheim aus der Sammlung Grothe Arbeiten von monumentaler Größe und großer Bedeutung für Kiefers Schaffen - wie etwa "Die Volkszählung" (bis 22. August, aktuell nur als Online-Parcours auf der Homepage). Die andere im Franz-Marc-Museum in Kochel am See, dort schwebt auch seine "Lilith". Diese, mit dem Titel "Anselm Kiefer - Opus Magnum", setzt auf den Diskurs rund um den Künstler. Sie wird flankiert von einer Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing (25. bis 27. Mai) und einem Diskussionsabend im Literaturhaus München (19. April).

Das Franz-Marc-Museum zeigt nicht nur Kiefers Arbeiten: 23 Vitrinen und sechs großformatige Fotografien, die Anselm Kiefer selbst 2016 unter dem Titel "Opus Magnum" zusammengefasst hat. Die Ausstellung schreibt zudem die Beziehung zwischen Kiefer und dem Schatz der Überlieferung fort, mit 15 namhaften Autorinnen und Autoren unserer Tage, Sibylle Lewitscharoff, Marion Poschmann, Christoph Ransmayr, Said und Ferdinand von Schirach sind unter ihnen. Sie waren eingeladen, zu Arbeiten Kiefers kurze, assoziative Texte zu verfassen. Zitate daraus sind in der Ausstellung an den Wänden zu lesen. Im Katalog, der als Buch gut für sich steht, sind sie komplett zu finden (bei Schirmer/Mosel).

Gert Heidenreich schrieb ein Gedicht auf "Thor". Vom hammerschwingenden germanischen Gott lässt Kiefer nur einen Kapuzenmantel übrig, besudelt von oben bis unten mit Malerfarben. Unter dem Mantel ruht Thors Hammer Mjöllnir, platziert auf einem Haufen Schutt und Trümmer. Einmal geworfen, kehrt er stets in die Hand seines Gottes zurück. "Wieder schmückt das schwarzgewandete Pack sich mit Thor, Odin und Freya; wieder stehlen sie Runen und fühlen sich nordisch. Wehrt Euch, Götter und Riesen und schreckliche Schlangen und Wölfe! Wer sich erdreistet, den Hammer Mjöllnir zu werfen, wird von ihm getroffen." Heidenreichs Chorgesang spricht also aus, was Kiefer Zeit seines Schaffens in vielen Anspielungen auf Deutschlands unerledigte NS-Vergangenheit mit anderen Mitteln gestaltet hat.

Und dieses weibliche Wesen - gezeigt in der Kunsthalle Mannheim - hat keinen Kopf: "Frauen der Antike" (2006).

(Foto: Wienand Verlag /Anselm Kiefer, VG Bildkunst, Bonn 2021)

Dichter auf Kiefer reagieren zu lassen, mag naheliegend sein, erfordert offenbar aber auch Mut. "Man gibt als Kunsthistoriker damit ja die Deutungshoheit aus der Hand", sagt Cathrin Klingsöhr-Leroy, die Kuratorin der Ausstellung und zugleich Direktorin des Franz-Marc-Museums.

Wer das Haus am Rande des oberbayerischen Städtchens Kochel am See kennt, der weiß, dort sind Ausstellungsmacher wie Künstler die härteste Konkurrenz gewohnt: durch die übermächtige Natur selbst. Gegründet wurde das privat finanzierte Museum, um die Frage nach der Bedeutung der oberbayerischen Voralpenlandschaft als Inspirationsquelle für die Künstler des Blauen Reiters zu beantworten. Nun hängt das Museum wie ein Adlerhorst hoch über dem Kochelsee, Neubau nebst historischer Villa. Vor den Fenstern: Idylle und Bergdrama bis zur Besinnungslosigkeit.

Das Bild da draußen zeigt derzeit frisches Grün, das aus den Ästen der Bäume knallt. Im Inneren dagegen, hinter den Scheiben der Vitrinen, der Kontrast, Kiefers rascheltrockener Mohn. Den bildet der Künstler aus Wachs und Metall nach; wirken seine Kapseln auch noch so lebensecht. Gleiches gilt für die Sonnenblumen, die an ihren dörren Hälsen für immer die Köpfe hängen lassen, bei dem Werk "Für Ingeborg Bachmann - Das Sonnenschiff".

Bronfen: "Sein Blick bleibt immer der des männlichen Künstlers."

Wie Kiefer mit dem Werk Bachmanns umgeht, wird eines der Themen des Abends im Münchner Literaturhaus sein (im Stream zu verfolgen). Sein Titel: "Von Daphne bis Lilith. Weibliche Gestalten im Werk Anselm Kiefers". Nora Bossong und Klaus Reichert, beide haben für das "Opus Magnum"-Projekt geschrieben, werden dabei sein. Und die Literaturwissenschaftlerin und Gender-Forscherin Elisabeth Bronfen. Sie ist zuständig für die besonders neuralgischen Punkte. "Kiefer spricht davon, wie stark die Frauen im Mythos sind", sagt Bronfen. "Aber Kiefer eignet sich starke mythologische Frauenfiguren eben auch an. Sein Blick bleibt immer der des männlichen Künstlers."

Wie zeitgemäß und visionär Kiefer dabei vorgeht, will Bronfen trotzdem betonen. Etwa im Fall seiner "Daphne", die in der Ausstellung wie eine Schwester der Lilith steht, halb Strauch, halb zartes weißes Gewand der Unschuld. Auch dieser Figur liegt ein Gedicht zugrunde. Ovid besingt das Schicksal der Nymphe in seinen Metamorphosen. Daphne entzieht sich darin der Schändung durch den Gott Apoll indem sie sich verwandelt - in einen wunderschönen Lorbeerbaum.

Kiefers Verdienst und unverminderte Aktualität liege in seinem Kampf gegen das Verschweigen und Vergessen, erklärt Elisabeth Bronfen. Dennoch hätten seine starken Frauen eine Spiegelfunktion. "Kiefer projiziert seine Vorstellungen von Stärke und Bodenständigkeit auf sie. Er lagert auf die Frauen etwas aus, was er positiv bewertet." Und am Ende sei das eben auch Arbeit an seinem eigenen Kiefer-Mythos. So gesehen, ist es womöglich gar nicht Lilith, die der Betrachter hier bestaunt, sondern, schwebend in seiner eigenen, gläsernen Vitrine und gehalten von zarten Fäden, der Künstler selbst.

Anselm Kiefer - Opus Magnum, Franz Marc Museum Kochel bis 6. Juni (mit Voranmeldung zu besuchen). Der Gesprächsabend "Von Daphne bis Lilith" findet am 19. April, 20 Uhr statt: www.literaturhaus-muenchen.de

© SZ
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