Gentrifizierung Luxussanierung in Isarvorstadt: "Sie zerstören hier ein Biotop"

Die Express Brass Band säumt das Treppengeländer beim Hoffest im Rückgebäude in der Thalkirchner Straße 80.

(Foto: Robert Haas)
  • In der Isarvorstadt soll das so genannte Künstlerhaus luxussaniert werden.
  • Einige der derzeitigen Bewohner und Nutzer der Ateliers haben bereits ihre Kündigungen bekommen. Eine Rückkehr wird sich wohl niemand leisten können.
  • Mit einem großen Fest machten die Bewohner nun auf ihr Dilemma aufmerksam.
Von Birgit Lotze, Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt

Franka Potente, die Protagonistin des Films "Lola rennt", hat auch schon in dem Haus an der Thalkirchner Straße 80 gewohnt. Doch sie ist freiwillig ausgezogen. Das kann man von den jetzigen Mietern nur bedingt sagen. Mit einem großen - und voraussichtlich letzten - Fest machten die Bewohner nun auf ihr Dilemma aufmerksam: Das Haus wird gentrifiziert.

Der neue Eigentümer, die Immobilienfirma KL Bau Grünwald, will renovieren, aufstocken, Wohnungsschnitte ändern, Aufzüge einbauen. Für die Mieter, viele davon Künstler, ist da kein Platz mehr. Während der Bauphase wird es wohl ungemütlich. "Und nach der Sanierung werde ich mir das nicht mehr leisten können", sagt Tilmann Schaich, einer der Mieter von insgesamt 21 Parteien.

Wohnen in München Die nächste Luxussanierung in der Isarvorstadt
Gentrifizierung

Die nächste Luxussanierung in der Isarvorstadt

Wo einst Schauspielerin Franka Potente lebte, werden die Bewohner nun "entmietet". Das Haus in der Thalkirchner Straße ist in Teilen denkmalgeschützt.   Von Birgit Lotze

Mehr als 200 Gäste zelebrierten am Wochenende den Abschied. Die Express Brass Band gab ein Spontankonzert, sechs DJs, darunter Schlachthofbronx, Florian Keller und Jonathan Fischer, außerdem ein Chor, der die Geschichte des Hauses erzählte - und das alles im Treppenhaus des Rückgebäudes. Auch frühere Hausbewohner waren da. Die Edition Karbit im Keller hatte ein letztes Mal geöffnet. Wer leicht zu kündigen war, ist schon weg oder auf dem Sprung: Ateliers und die Gewerbebetriebe sind davon betroffen. Wer einen Untermietvertrag hatte, ist bereits ausgezogen.

Keiner der Mieter berichtet von Wasserschäden, einstürzenden Wänden oder verstopften Leitungen, wie man es von Entmietern oft hört. Die Immobilien KL Bau Grünwald hat angekündigt, "einvernehmlich" vorzugehen. Ob die Investoren, wie sie sagen, fair mit den Mietern umgehen, weiß dennoch so richtig niemand im Haus. Die Unsicherheit sei groß, sagt Tilmann Schlaich. Manche haben seit Monaten nichts von den neuen Eigentümern gehört, auf andere sollen sie gezielt zugehen.

"Griseldis (Name geändert) ist rausgekauft worden", heißt es im Treppenhaus. Gestern habe sie das Haus verlassen. Stoff zum Spekulieren, warum ausgerechnet Griseldis? Dann ist da auch Roland aus dem Vorderhaus, der vorübergehend in ihre ehemalige Wohnung ziehen soll. Sie fingen wohl im Vorderhaus an, mutmaßen sie im Haus. Und dann eröffnet ein Zettel im Briefkasten neuen Raum für Interpretationen: Wer Kram auf dem Dachboden gelagert habe, müsse ihn bis Ende des Monats entfernen. Dann soll wohl jetzt schon der Dachboden ausgebaut werden?

Die Treffpunkte werden schon jetzt weniger

"Sie zerstören hier ein Biotop", heißt es in einer Gesprächsrunde im Treppenhaus - dabei sind eine Schauspielerin, der Immobilienmakler, die Kuratorin, die Zeichnerin, die ihr Atelier verloren hat und nicht auch noch ihre Wohnung abtreten will. Die Runde steht um das gemeinsame Waschbecken, das auf jeder Etage an der Wand hängt - ein Relikt aus der Zeit, als man sich auf dem Stockwerk ein Klo teilte.

So enge gemeinsame Nutzungen gibt es im Haus zwar nicht mehr. Man hat sich kleine Rückzugsorte geschaffen: Jede Wohnung ist individuell gestaltet, die Mieter haben verputzt, die Böden abgeschliffen, einige haben Holzöfen eingebaut. Doch die Hausbewohner treffen sich oft und gerne: mal zum Abendessen im kleinen Garten, beim Fotografen zum Aushelfen, weil das Model abgesagt hat, und dann, häufig, einfach zum Schwatz im Treppenhaus, im Rückgebäude unter dem Lichthof. Dort, zwischen die schmiedeeisernen Geländer, soll bald ein Aufzug gezwängt werden.

Die Treffpunkte werden weniger: Ein Fotograf musste bereits ausziehen, wie auch die anderen Gewerbler. Wohnen und Arbeiten in einem Haus, das macht ein Haus lebendig, sagt man an der Thalkirchner Straße 80. Und Feiern. Das Hoffest ist auch in der Nachbarschaft beliebt gewesen, Kunstinteressierte kamen zu den Ausstellungen der "Edition Karbit", bei denen Kunst zu erschwinglichen Preisen angeboten wurde. Die Edition Karbit hat die Kündigung als eine der ersten erhalten. Und dort, wo jetzt der kleine Garten ist, der Platz zum Abendessen, soll dann laut dem Plan des Investors ein Spielplatz hin.