bedeckt München
vgwortpixel

Kulturprojekt:Sendling bekommt ein Partyschiff - auf der Eisenbahnbrücke

Lange Jahre befuhr die "Utting" den Ammersee - nun hat die Bayerische Seenschifffahrt den Dampfer ausgemustert.

(Foto: Franz-Xaver Fuchs)
  • Münchner können bald nicht nur in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon, dem Bahnwärter Thiel, feiern, sondern auch in einem Schiff.
  • Die "MS Utting" ist ein ausrangierter Ausflugsdampfer vom Ammersee und wird auf eine Eisenbahnbrücke in Sendling gestellt.
  • In der Nacht zum 22. Februar zieht das Schiff mit einem enormen Aufwand nach München um.

Dass bald ein ausrangierter Ausflugsdampfer hoch über der Lagerhausstraße im Herzen Münchens ragt, klingt nach einem schlechten Scherz. Oder ganz nach Daniel Hahn, dem Besitzer und Programmmacher vom Wannda-Zirkus. Seit wenigen Wochen sucht er nach einem Standort für seine neue Kulturstätte, ein fast 70 Jahre altes Schiff, das früher auf dem Ammersee im Einsatz war. Jetzt gibt der Münchner bekannt, dass die MS Utting am 22. Februar in seinem Heimatviertel Sendling stranden wird - auf einer stillgelegten Eisenbahnbrücke.

Die Utting soll so etwas werden wie die Schwester der Kulturstätte Bahnwärter Thiel, der mit seinem bunten Programm viele Fans in der Stadt hat. Genau wie in dem Schienenbus aus den Fünfzigern soll es auch in dem Schiff Getränke und Kulturevents geben. Zehn mögliche Flächen hatten Hahn und der Rest vom Wannda-Verein einst für ihr neues Projekt in Aussicht. Doch konnten sie nicht schlicht danach entscheiden, welcher Ort am besten gelegen ist oder das coolste Flair ausstrahlt. Vielmehr musste das Team prüfen, ob der 37 Meter lange und 120 Tonnen schwere Dampfer überhaupt dorthin geschleppt werden kann. "Dafür ist die Speditionsfirma die Strecken mit einem Schwertransporter abgefahren", sagt Daniel Hahn.

stillgelegte, einspurige Eisenbahnbrücke über der Lagerhausstraße in Sendling

Die MS Utting soll vom 22. Februar an auf den stillgelegten Schienen dieser Brücke über der Lagerhausstraße stehen.

(Foto: Florian Peljak)

Umso mehr verwundert es, dass das tonnenschwere Schiff nun auf eine schmale, einspurige alte Eisenbahnbrücke inmitten von München zieht − auch der Wannda-Gründer selbst kann es noch kaum glauben. "Als wir uns auf die Suche nach einem Zuhause für die Utting machten, habe ich die Brücke nicht mal in Betracht gezogen, so utopisch erschien mir die Idee." Eher aus Jux hat Hahn, der seit Kindesalter eine Vorliebe für Eisenbahnen hegt, dem Statiker Thomas Beck von seiner Vision erzählt. Entgegen aller Erwartungen schätzte Beck das Vorhaben als realistisch ein. Seitdem war dieser Ort der absoluter Favorit.

Fristen im Nacken, folgten schlaflose Nächte für den 26 Jahre alten Hahn. Schließlich muss das Schiff in nur zwei Wochen aus dem Wasser sein, sonst drohen dem jungen Mann mehrere tausend Euro Vertragsstrafe. Dann nämlich lässt die Bayerische Seenschifffahrt das Nachfolgeschiff zu Wasser - und die Utting muss raus. Was ihm fehlte, war Zeit. Zeit für die statische Berechnung der Brücke, für die Planung des Transports, für die Beschaffung von Geld. "Ohne die Hilfe des Kommunalreferats, der Markthallen München und der Lokalbaukommission wäre die Umsetzung des Projekts nicht möglich", sagt Hahn. Finanziell und auch logistisch.

Denn für den Abbau und Transport des 120-Tonners benötigt Hahn nicht nur Taucher und Kräne, sondern auch zwei Spezialfahrzeuge, die das Oberdeck und den Rumpf des Schiffes in der Nacht zum 22. Februar gen München schleppen. Damit der Gigant dann auf den Schienen abgesetzt werden kann, müssen die gesamte Lagerhausstraße gesperrt, Laternen abgehängt und Ampeln umgelegt werden. "Sobald es hell ist, werden drei Kräne das Schiff hängend drehen, um es dann quer über die Straße auf die Brücke zu heben." Genau deshalb aber hätte Hahn die Sache noch vor wenigen Tagen doch fast abblasen müssen. "Zu teuer, nicht machbar" erschien ihm das Projekt. Dass es nun doch klappt, hat wiederum mit unvermittelter Hilfe zu tun: Die Kranfirma Schmidbauer hat sich kurzerhand bereit erklärt, den Hub des Schiffes aus eigenen Mitteln zu bezahlen.

In Sendling groß geworden, spielte Hahn schon lange mit dem Gedanken, die alte Brücke unweit der Großmarkthalle zu bespielen. Auch den Bahnwärter Thiel wollte der Veranstalter mal dort abstellen. "Doch ein Zugwaggon auf einer Eisenbahnbrücke, das erschien mir eher einfallslos." Dann halt nun doch lieber ein Dampfer vom Ammersee.

Musikszene "München kann mehr als scheiße sein"

Musikszene

"München kann mehr als scheiße sein"

Leidet die Münchner Popmusik am piefigen Image der Stadt? Das findet ein Teil der Kulturschaffenden - andere entgegnen: totaler Quatsch.   Von Michael Bremmer