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Kulturprojekt in Seeshaupt:Erfolgreich im Kunstanbau

Katharina Heider und Michael von Brentano haben das Projekt "Wurzelspitzen" initiiert.

(Foto: Kerstin Stelter)

In einer ehemaligen Großgärtnerei in Seeshaupt darf jetzt Kultur austreiben. Die Ausstellung "Wurzelspitzen" soll das ganze Jahr über wachsen. Sie ist Vorbote eines grundlegenden Wandels, der das gesamte Areal erfassen soll

Von Sabine Reithmaier

Noch ist es ruhig auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Demmel in Seeshaupt. Die Beete liegen brach, die Gewächshäuser sind leer. Nur ab und an huschen durch die stille Szenerie Menschen, die, zumindest auf den ersten Blick, ziemlich seltsame Dinge tun. Am Wohnhaus gleich nach der Einfahrt hat sich gerade Jonas Maria Ried niedergelassen. Der junge Allgäuer Künstler verpasst einem Stück Eichenholz den letzten Schliff. Über eine Ecke hat er es in die Wand eingefügt, so perfekt, dass der makellose "Schönheitsfleck" wie ein natürlicher Bestandteil der Mauer wirkt.

Weiter hinten zwischen den Beeten schneidet der Bildhauer Daniel Bräg mit einer Gartenschere Zweige zurecht. Er hat einen Mammutbaum zerlegt und die Einzelteile zu einem dicht geschichteten Quader gestapelt, eine fabelhafte Arbeit mit einer unglaublich intensiven Wirkung. Ganz in der Nähe ruhen Martin Schmidts Beete, die auch nicht unbedingt den klassischen Vorstellungen eines Gärtners entsprechen. Der Münchner Künstler hat Teile der betonierten Pflanzkästen bis auf den Grund ausgehoben, andere dafür zugeschüttet. Um die so entstandene Wellenbewegung der Erde durch eine einheitliche Oberfläche zu betonen, hat er Weizen gesät; im Herbst plant er Brot zu backen. Sein Kollege Christoph Scheuerecker hat sich an der "Quadratur des Kreises", so der Titel der zweiteiligen Skulptur, versucht und eines der Betonbecken völlig geleert; Erde und Kies hat er zu einem kraterähnlichen Berg aufgeschüttet. Das eine wäre ohne das andere nicht möglich.

All diese Arbeiten passen gut in das Konzept von Katharina Heider und Michael Brentano. "Wurzelspitzen" nennen die Architektin und der Bildhauer die Kunstausstellung, die hier gerade entsteht und das ganze Jahr über wachsen und sich weiterentwickeln soll. Den Namen versteht das Paar als Programm. Eine Wurzel wachse mit ihrer Spitze in die Erde, gebe der Pflanze Stabilität und ermögliche es ihr, nach oben zu wachsen, sagt Heider, die Eigentümerin des Geländes. Für sie ist die ehemalige Gärtnerei der Urgrund für die neue Pflanze, die hier wachsen soll: ein Gemeinschaftswohnprojekt für 120 Menschen. Bis es soweit ist, sollen künstlerische Interventionen helfen, den Genius loci in die neue Zeit zu retten.

Katharina Heider ist in der Gärtnerei aufgewachsen, ihr Herz hängt an dem Gelände. 100 Jahre hat ihre Familie hier gearbeitet, bevor sie das Areal an einen ehemaligen Mitarbeiter verpachtete. "Ich wäre die vierte Generation. Ausgerechnet ich muss das jetzt verändern." Der Satz klingt ein bisschen nach schlechtem Gewissen. Das habe sie anfangs tatsächlich geplagt, sagt Heider, die auch eine Gärtnereiausbildung genossen hat, bevor sie sich der Architektur zuwandte. "Ich hatte das Gefühl, eine Tradition zu beenden." Andrerseits: "Ich habe die einmalige Chance, das Grundstück als ganzes zu erhalten und einen Ort zu schaffen, an dem Menschen miteinander leben können." Ein großer Wandel gewiss, aber eine Transformation, mit der sie gut klarkommt.

Doch so einfach wandelt sich ein Betriebsgelände nicht in Bauland um. Die administrativen Hürden sind hoch. Heider plant seit 2011 mit drei weiteren Architekturbüros auf dem 12 000 Quadratmeter großen Grundstück Mietwohnungen in ganz unterschiedlicher Größe, geeignet für Singles, Paare, Familien und Senioren. Sie hätte das Areal auch parzellieren und einzelne Grundstücke verkaufen können. Aber dann wäre, in unmittelbarer Nähe zum Starnberger See, wieder ein Einfamilienhausgebiet entstanden. "Das will ich nicht", sagt sie und hofft, ihr "Herzensprojekt" bald realisieren zu können. Mit Unterstützung der Eltern übrigens, die von den Plänen der Tochter sehr angetan sind. Im Juli des vergangenen Jahres zog der Pächter aus. Als sich der Baubeginn verzögerte, begann Heider über eine Zwischennutzung nachzudenken. Erst hängte sie riesige Plakate auf, die die jahrzehntelange Arbeit der Menschen in der Großgärtnerei dokumentieren. Sieben eindrucksvolle historische Fotos aus dem Familien-Archiv wurden auf Planen gedruckt, mit Untertiteln versehen und an die Gebäude gehängt. Sie erinnern nicht nur an die frühere Belegschaft, sondern an lang vergangene Zeiten, als sich zu einer Baumpflanzung noch das halbe Dorf - allerdings nur die männliche Hälfte - einfand. Michael von Brentano schlug schließlich vor, das Kunstprojekt zu erweitern und die alte Verkaufshalle, das ehemalige Gehilfenhaus, die Gewächshäuser und das Freigelände für eine Ausstellung zu nutzen. Dazu lud er 30 Kollegen ein, meist Künstler, zu denen er einen persönlichen Bezug hat. "Alle haben sofort zugesagt, begeistert von den Möglichkeiten hier", sagt Brentano. Zumal hier auch coronagerechtes Arbeiten möglich ist.

Im Gewächshaus klebt gerade die Fotokünstlerin Susanne Kohler magentafarbene Farbfolien an die Glasscheiben, die den Raum in ein zart schimmerndes Licht tauchen. In den düsteren Arbeitsraum ganz hinten wird Herbert Nauderer einziehen, ob mit oder ohne Mausmann weiß Brentano noch nicht. Ein Gewächshaus weiter wird Brigitte Schwacke ihre zarten Gespinste entwickeln.

Noch sind längst nicht alle Künstler vor Ort, ihre Standorte stehen aber längst fest. Die meisten arbeiten situativ, setzen sich mit dem Vorgefundenen auseinander, nutzen vorhandene Strukturen und Materialien. "Hier kommt keiner mit einer fertigen Arbeit. Jeder installiert vor Ort", sagt Brentano. Bildhauer Josef Lang zum Beispiel wird ab und an einen Baumstamm bringen und vor Ort schnitzen. Ömer Faruk Kaplan, ein Wiener Künstler mit deutschen und türkischen Wurzeln, hat über einige Beete bereits ein Geflecht aus Bambus und Kunststoffbändern gespannt, eine ebenso fragile wie kraftvolle Installation.

Eigentlich sollte die Ausstellung schon am 1. Mai eröffnen, doch die Pandemie verhinderte das. Jetzt hoffen Heider und Brentano auf den 15. Mai. "Notfalls eröffnen wir online", sagt die Architektin. Im Moment weiß keiner, wie sich das auf ein Jahr angelegte Projekt entwickeln wird. Aber das sei ja eben das Spannende an einem wachsenden Projekt, sagt Brentano, "wir bleiben offen für die Ideen der Künstler ."

Er selbst arbeitet, wenn er nicht gerade Kollegen hilft, alte Stromleitungen entfernt oder Werkzeug sucht, in der alten Verkaufshalle und setzt sich mit einem riesigen Einbauschrank auseinander, den er zur Skulptur umgestaltet. "Vielleicht fange ich im Sommer an, den Verkaufstresen komplett abzubrechen", überlegt er. Nur die Front, in der Jonas Maria Ried schon einen Schönheitsfleck platziert hat, bleibt auf jeden Fall stehen.

Infos unter www.heidersbuero.de

© SZ vom 08.05.2021
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