Kulturpolitik:Spielball der hilflosen Behörden

Nach wie vor sind die Musikbühnen und Live-Clubs die Parias der Kulturöffnungspolitik

Von Oliver Hochkeppel

Von Chaplin stammt der Spruch, das Leben sei im Detail betrachtet eine Tragödie, aber in der Gesamtperspektive eine Komödie. Auf Corona bezogen ist es freilich eher umgekehrt. Denn seit Beginn der Krise ist es noch lange nicht dasselbe, wenn zwei das Gleiche machen. Konzerte zu Beispiel. Nach wie vor sind die Musikbühnen und Live-Clubs die Parias der Kulturöffnungspolitik. Als erste zu, als letzte wieder auf, das gilt auch nach eineinhalb Jahren, obwohl man vieles gelernt haben könnte. Dass sich im vergangenen Sommer bei ihnen nicht ein einziger Besucher in Bayern infiziert hat, ist nachweisbar. Dass es gefährlicher ist, bei Aldi einzukaufen oder mit der (vollen) U-Bahn zur Arbeit zu fahren als in einem Konzert mit Hygienekonzept zu sitzen, haben alle Aerosol-Untersuchungen gezeigt. Dass man inzwischen dank Tests, Impfung und vielen Genesenen nahezu risikofrei normal veranstalten könnte, wird gar nicht erst erwähnt.

Nein, unser Ministerpräsident schloss in seiner großen Öffnungspressekonferenz am Montag "Clubs" wider jede Logik explizit aus, und auch die seit diesem Tag gültige 13. Bayerische Infektionsschutzverordnung ist nach wie vor so schwammig formuliert, dass die Clubs zum Spielball der hilflosen kommunalen Behörden werden. Und zu den Verlierern einer Drei-Klassen-Kultur. Mit den öffentlich subventionierten "Konzerthäusern", die einigermaßen fein raus sind. Mit den "ähnlichen Einrichtungen", die als kulturelle Veranstaltungsstätten durchgehen. Wie die Unterfahrt, die jetzt mit einiger Verspätung als solche anerkannt wurde. Sie wird vom heutigen Freitag an nach dem im vergangenen Sommer bewährten Konzept wieder gut 30 Gäste zu ihren (nach wie vor auch gestreamten) Konzerten einlassen.

Und dann ist da die große Masse der Clubs, die rein rechtlich Gaststätten oder Vergnügungsstätten mit entsprechender Konzession sind. Für die Jazzbar Vogler, den Schlachthof oder den Rattlesnake Saloon etwa gilt Stand heute folgende Auskunft des Kreisverwaltungsreferats nach dessen Anfrage bei den Ministerien: "Die Landeshauptstadt München kann derzeit keine verbindliche Antwort geben, ob kulturelle Veranstaltungen nach §25 13. BayIfSMV in Gaststätten möglich sind. Ob sie entsprechende Veranstaltungen anbieten, müssen die betroffenen Gastwirt*innen daher aktuell in eigener Verantwortung entscheiden."

Es reicht aber nicht, den vielen bayerischen Clubs mit Überbrückungshilfen die reine Existenz zu sichern, sie jedoch ansonsten im Stich und im Risiko zu lassen. Man muss ihnen mindestens dieselbe Perspektive geben wie allen anderen. Nach Logik der Gefährdungslage, aber vor allem, weil sie eben nicht nur Wirtschaftsbetriebe sind, sondern wichtige Kulturträger. Und einer der letzten gesellschaftlichen Klebstoffe, die wir noch haben.

© SZ vom 12.06.2021
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