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Kulturpolitik:Pilotprojekt mit Folgen

In die Staatsoper dürfen 500 Zuschauer - aber was ist mit dem Gasteig und den anderen Sälen?

Von Egbert Tholl

Am Montag dieser Woche verkündete das Kunstministerium in Absprache mit der Staatskanzlei, dass im Rahmen eines "Pilotprojekts" für zunächst vier Wochen die Zuschauerkapazität der Bayerischen Staatsoper von 200 auf 500 Plätze erhöht werde. Dies gilt ausschließlich für das Münchner Nationaltheater.

Andreas Schessl, größter Konzertveranstalter Münchens, betrachtet die Regelung als "längst überfällig", schließlich sei ein Konzert derzeit der sicherste Ort im öffentlichen Raum. Gleichzeitig sieht er aber Gesprächsbedarf, schließlich erlaube der Staat bislang nur seinem eigenen Haus mehr Besucher. Vergangene Woche habe er einen Antrag auf 690 Plätze in der Philharmonie unter Wahrung des 1,5-Meter-Abstands eingereicht, die Antwort stehe noch aus. Schessl strebt bisher keine Klage, sondern Gespräche an. "Wenn keine Atmosphäre zustande kommt, kommen auch die Leute nicht." Außerdem habe die strikte Beschränkung der Zuschauerkapazitäten dazu geführt, dass potenzielle Besucher Angst hätten und man deutschlandweit verfügbare Kapazitäten gar nicht verkauft kriege. Unter den derzeit herrschenden Bedingungen werde er den Konzertbetrieb nicht aufnehmen.

Jens-Daniel Herzog, Intendant des Staatstheaters Nürnberg, sieht die Münchner Regelung als positives Signal. Wenn alles gut geht, gehe vielleicht dann auch in Nürnberg mehr. Man arbeite intensiv mit der Universität Erlangen zusammen bezüglich eines Hygienekonzepts für mehr als 200 Zuschauer. Josef E. Köpplinger, Intendant des Gärtnerplatztheaters, sehnt eine Lösung herbei, die bei Berücksichtigung aller Hygiene- und Abstandsregeln sich individuell an der Raumgröße orientiert und nicht starr eine Zahl vorgibt.

Ein offizielles Statement kommt von den Münchner Philharmonikern, gezeichnet vom Orchestervorstand, Valery Gergiev und Intendant Paul Müller: "Die Erhöhung der Besucherzahl auf 500 Personen für die Oper ist eine gute Nachricht und ein wichtiges wie richtiges Zeichen. Nicht nachvollziehbar ist für uns, warum dieser Pilotversuch allein auf die Oper beschränkt bleiben soll. Im Verhältnis zur Staatsoper verfügt die Philharmonie im Gasteig mit 2400 Plätzen sogar über ein höheres Raumvolumen, über ungleich mehr Foyerfläche, über eine Vielzahl von Eingängen zum Saal und über eine gleichermaßen leistungsfähige Belüftungstechnik. Der erforderliche Mindestabstand wird auch bei einer Kapazität von 500 Personen weit übertroffen. Die Salzburger Festspiele und die großen Konzerthäuser in Berlin, Köln und Hamburg haben die Erfahrung gemacht, dass das Publikum sehr verantwortungsvoll mit der aktuellen Situation umgeht. Wir sehen alle Voraussetzungen für eine Erhöhung der Besucherzahl auf 500 Personen erfüllt und werden beim Freistaat eine entsprechende Ausnahmeregelung analog zur Staatsoper beantragen."

Nikolaus Pont, Manager des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, sieht einen Schritt in die richtige Richtung und hofft, dass darauf bald weitere folgen werden.

© SZ vom 02.09.2020

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