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Kulturpolitik:Himmelhoch jauchzend

Solange das Virus umgeht, sind Freiluft-Veranstaltungen erste Wahl. Ausgerechnet dank Corona eröffnen sich draußen neue Plätze und Nischen für die Kultur. Die Behörden ermöglichen vieles, was vorher undenkbar war, bleiben aber wachsam

Von Michael Zirnstein

Der historische Moment, den er initiiert hatte und den er mit dem ersten Tanz der Scheffler nach der Pest verglich, wurde für Benjamin David zur behördlichen Zitterpartie. Während die Passanten am 8. Mai zum ersten Rock-Konzert seit der Corona-Pause auf der Kapuzinerstraße wippten, schrie der Organisator dieses als Versammlung getarnten Auftritts des Bluesmusikers Dr. Will Sicherheitshinweise in die Menge und diskutierte mit einem Polizisten. Der Beamte meinte es gut, nahm es aber ganz genau und ging mit David die dicke Genehmigungsmappe durch. So blieb bei aller Freude beim Gründer des "Kulturlieferdienstes" auch die Sorge, das Vorspielen könne ein Nachspiel haben.

Die Bedenken zerstreuten sich mit jeder weiteren Kulturlieferung. Elf Konzerte haben David und sein Partner Jürgen Reiter schon in alle Ecken der Stadt gebracht. Eine wegweisende Aktion, denn auch jetzt, da die Staatsregierung Kulturveranstaltungen in Maßen wieder erlaubt, können andere darauf aufbauen und sich viel abschauen. Eine Erkenntnis: Die Straßen sind tatsächlich nicht für den Autoverkehr allein geschaffen, viele Häuserschluchten sind tolle Flanierbühnen - so hatte es Stadtplaner Theodor Fischer vorgesehen, als sich die Bürger noch im Schritttempo durch München bewegten, findet David. Das Umleiten der Autos funktioniere prima, gerade an Samstagabenden könne man - auch nach Corona - ein Dutzend Straßenabschnitte zu Kulturplätzen umwidmen, regt David die Stadt an, Barcelona (auch Touristenstadt) habe dies längst umgesetzt.

In diesem virusgeplagten Ausnahmesommer werden gut belüftete, weite Outdoor-Spielstätten wichtiger denn je. Und - auch das eine Erkenntnis - die Behörden machen vieles möglich, was vor Corona undenkbar war. "Sowohl beim KVR, als auch bei Polizei und MVG, sogar im Ministerium haben wir Sympathie erfahren", sagt David, "da ist eine große Bereitschaft, in der Krise Gesetze proaktiv für die Kultur auszulegen." Ein "Arbeitskreis Hygiene" aus Kreisverwaltungs-, Gesundheits- und Kulturreferat wurde gegründet, auch um eingereichte Kulturkonzepte zu prüfen und die Veranstalter zu beraten. Das Veranstaltungsbüro des KVR kümmert sich dann mit dem Gesundheitsreferat um die Genehmigung. Derzeit gebe es vermehrt Anträge auf Freiluft-Veranstaltungen, genau: 15, heißt es im KVR, man habe zudem einige private "Fensterkonzerte" in Innenhöfen und vor Altenheimen abgesegnet. Kulturschaffende, die derzeit mit dem KVR zu tun haben, sind meist voll des Lobes. So auch Julia Schönfeld-Knor, Stadträtin der SPD, die als Leiterin des Pelkovenschlössls das Moosacher Fenstersingen und andere Live-Projekte durchgebracht hat. Aber nicht immer kann man beim KVR, wie man gerne möchte: "Insbesondere die kurze Geltungsdauer der Regelungen der jeweils gültigen Fassung der Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung erschwert den Genehmigungsprozess", heißt es dort, so sei eine längerfristige Planung nicht möglich.

Theresienwiese

Das Kreisverwaltungsreferat hat bei Kulturgenehmigungen den Hut auf.

(Foto: Michael Zirnstein)

David Süß von den Grünen hat Verständnis für die Verwaltung, der oft gesetzlich die Hände gebunden seien und die die Bevölkerung schützen müsse. "Deswegen müssen wir zeigen, wie's gehen kann." Damit meint Süß als Betreiber des Clubs Harry Klein sowohl die Kulturschaffenden, und er meint als neuer Stadtrat die Politik. Zusammen mit der SPD haben die Grünen den "Sommer in der Stadt" auf den Weg gebracht, Mini-Volksfeste in den Vierteln, deren Bühnen auch von Künstlern genutzt werden könnten - das Wirtschaftsreferat schaut gerade, wo und wie das möglich ist.

Der Olympiapark wird wohl einer dieser Orte sein. "Wir sind nicht im Dornröschenschlaf", sagt Parksprecherin Alice Kilger, "wir wollen das Leben zurückbringen in den Olympiapark und arbeiten mit Hochdruck an Ideen zur Umsetzung kleinerer und größer Veranstaltungen." So könnte das Theatron am Olympiasee, wo der täglich Tausende Gäste anlockende "Musiksommer" längst abgesagt werden musste, doch Schauplatz für Konzerte werden. Und gleich ums Eck hat Reinhard Strasser vorgemacht, was alles möglich wäre: Für sein "Kino am Olympiasee" hat er eine Ausnahmeregelung für 528 Besucher statt der gesetzlich eigentlich erlaubten 100 erhalten.

Ausgerechnet dank Corona tun sich Räume auf, die vorher für die Kultur dicht waren. Till Hofmann vom Lustspielhaus hat viele Orte angedacht und angefragt - wie das Amphitheater im Englischen Garten, den Max-Joseph-Platz, das Dantestadion - für seine neue Lkw-Bühne, den "Eulenspiegel Flying Circus". Die darf er nun im Innenhof des Deutschen Museums aufbauen. Von 1. Juli an kann man hier Kabarettisten wie Luise Kinseher, Alfred Dorfer und Helmut Schleich erleben. Und für seine rockigeren Clubs, die Milla und das Vereinsheim, hat er einen Freiluft-Ersatzort im Glockenbachviertel auf dem Platz vor dem Kubu der Caritas gefunden, wo bald Bands und Singer-Songwriter unplugged, Comedians und Slam-Poeten auftreten.

Kofelgschroa

Musiker wie Theresa Loibl und Maxi Pongratz lassen den Hut bei Spontanauftritten herumgehen.

(Foto: Kofelgschroa)

Begehrt wie umkämpft ist auch die heuer Oktoberfest-freie Theresienwiese. Ein Wettbewerb des "Science Fiction Festivals" hat schon Spinnereien wie ein Baby-Katzen-Streichelzelt oder ein Katapultfestival hervorgebracht. Bessere Chance scheint "Kultur im Quadrat" zu haben. Die Jugendkulturinstitutionen Köşk und Glockenbachwerkstatt wollen in den ersten drei Augustwochen Picknick-Decken vor einer Bühne für ein kulturelles Allerlei bei freiem Eintritt ausbreiten. Die Chancen stünden gut, sagt Andrea Hubert vom Köşk, die Bezirksausschüsse wäre dabei, jetzt hängt es am Stadtrat und dem Wirtschaftsreferat.

Zehra Spindler, sonst Expertin für Behördengänge und Zwischenlösungen wie im Nußbaumpark, mischt diesmal nicht mit. Sie denke gerade am wenigsten an Kultur, sondern eher daran, wie man Senioren helfen könne. Jetzt müssten die Künstler aktiv werden, sich Freiräume erobern, spontan bei den neuen Freischankflächen und an Straßenrändern spielen. So hat sie es begeistert von Maxi Pongratz und Theresa Loibl auf der Wittelsbacher Brücke erlebt. "Es kann ja auch mal direkt ohne uns Veranstalter gehen. Jetzt ist die Chance, die Strukturen neu zu denken", sagt sie.

Ihr langjähriger Mitbewerber um Isarstrandrechte, Benjamin David, hat mit dem Kulturlieferdienst so ein Format geschaffen. Eines, das sich sogar rechnet. Zwischen 240 und 1240 Euro (beim Zebra-Stelzentheater in Laim) landeten im analogen und virtuellen Spendentopf, wovon David, Reiter und der Tontechniker die eine Hälfte bekamen, die Künstler die andere. Mit seinem Lieblingsprojekt, dem "Kulturstrand" auf der Corneliusbrücke, wäre es heuer dagegen schwer, nicht auf die Nase zu fallen. Auch mit viel selber Schrauben müsste man erst mal 30 000 Euro in die Hand nehmen - bei weit weniger Gästen. David überlegt noch, ob er's riskiert. Den Kulturlieferdienst will er bis August laufen lassen. Denn wie neulich, als Anwohner der Lindwurmstraße zum Konzert von Donnerbalkan wie Könige aus ihren Balkonlogen winkten, das seien für ihn die schönsten Momente seit Langem gewesen. Einmal, da kam ein Polizist nach dem Konzert und warf einen Fünf-Euro-Schein in den Hut. "Da habe ich feuchte Augen bekommen."

© SZ vom 16.06.2020

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