bedeckt München 29°

Kulturpolitik:Bürokratie für die Kunst

Die Leiterin des Theater Kempten darf künftig mehr entscheiden

Theater machen ist immer sehr viel Arbeit. Verschiedene Gewerke müssen ineinandergreifen, verschiedene Interessen von Künstlerinnen und Künstlern irgendwie vereint werden. Dazu kommt noch die ganz eigene DNA jedes Theaters, die eng mit der Geschichte des Hauses und dem Ort verbunden ist, an dem es steht. Silvia Armbruster wusste das natürlich, als sie sich 2015 um den Posten der Künstlerischen Leiterin des Theaters Kempten bewarb. Was sie aber nicht wusste: Für das Theater in Kempten sind zwei verschiedene Betriebe zuständig. Eine gemeinnützigen GmbH, die alle künstlerischen Entscheidungen verantwortet, und die Kemptner Messe- und Veranstaltungsbetriebe, die für die Technik und das Theatergebäude zuständig sind. Sie war nur Chefin der künstlerischen GmbH. Bis jetzt.

Konkret hieß das jahrelang: Wann immer Silvia Armbruster einen Techniker beschäftigen wollte oder technische Ausrüstung brauchte - also ständig - musste sie diese von "Kemptner Messe- und Veranstaltungsbetriebe (KBV)" anmieten. Munter mussten also Verträge zwischen den beiden Betrieben hin und her geschickt werden, der bürokratische Aufwand war immens. Die Vorgängerin von Armbruster, Nikola Stadelmann, soll auch deshalb gegangen sein, weil ihr das zu mühsam wurde.

"Als ich herkam", sagt Armbruster, "war mein Eindruck, das Theater steht isoliert in der Stadt, meine Vorgänger haben stark an der Organisationsform gerüttelt, das Theater hatte einen querulierenden, viel Geld kostenden wenig Spaß machenden Ruf in Kempten." Statt aber in die offene Konfrontation zu gehen, ging Armrbuster einen eigenen Weg. Lang genug schon war sie im Geschäft, hatte viele Jahre als freie Regisseurin gearbeitet. "Als Gast an Theatern muss man das Auto immer fahren, egal, wie die Gangschaltung aussieht", sagt sie. Und entschied sich für die Methode: breit machen, den Kontakt zu den Menschen suchen, gutes Theater machen, dann geht schon was. Und es ging.

Normalerweise stehen Stadttheater zwar unter städtischer Verantwortung, aber das künstlerische und geschäftsführende Team kann natürlich in der Immobilie und mit den angestellten Mitarbeitern aus allen Gewerken arbeiten. Das Theater Kempten war lange ein Gastspielbetrieb, darin liegt auch eine Ursache der Doppelstruktur. Bei Gastspielen war es einfach, für drei Tage einen Techniker dazu zu mieten, am nächsten Tag war der Sportverein im Haus, am übernächsten die Feuerwehr. Seit der Wiedereröffnung des Theaters nach einer Renovierung 2007 ist der KBV Eigentümer des Hauses und auch für alle anderen städtischen Ereignisse zuständig, wie etwa die Allgäuer Festwoche, den Weihnachtsmarkt.

Silvia Armbruster machte mehr und mehr Eigenproduktionen, ungewöhnlich für ein Haus ohne eigenes Ensemble und nur mit städtischer, nicht aber freistaatlicher Förderung. Für die Saison 2020/2021 - so denn Corona das zulässt - sind drei Uraufführungen, vier weitere Premieren, 18 Wiederaufnahmen geplant. Die Auslastung lag vor Corona bei 88 Prozent. Eine gute Ausgangslage für Verhandlungen, fand Armbruster, denn der Zustand war so nicht mehr haltbar. Sie wollte mit der Stadt eine Lösung zu finden, die dem Theater mehr künstlerischen Freiraum lässt, andererseits aber realisierbar ist.

Im April dann, mitten in den Corona-Beschränkungen, konnte der Stadtrat eine solche Lösung durchsetzen: die Gründung eines weiteren städtischen "Eigenbetrieb Stadttheater", dessen Chefin Armbruster jetzt auch noch ist. Thomas Kiechle, Oberbürgermeister von Kempten, sagt: "Ich bin überzeugt, dass das ein großer Fortschritt ist. Es ist gut, wenn eine Person am Theater das Sagen hat." Auch er beschreibt das bürokratische Hin und Her der vergangenen Jahre als sehr mühsam, sei aber sehr angetan von Armbrusters Arbeit und ihren Ambitionen, mehr und mehr Eigenproduktionen zu machen. Von Januar 2021 an dann wird Silvia Armbruster als Chefin des "Eigenbetrieb Theaters" auch für alle Mietverträge des Hauses zuständig sein, auch für jene, die drain eine Veranstaltung abhalten wollen, ob Sportverein oder Schulen. Die zwei Geschäftsformen bleiben also erhalten, sie werden aber immerhin aus einer Hand gesteuert. Für Armbruster ist das definitiv eine Verbesserung: "Künftig kann ich meine Techniker selbst anmieten, so spare ich mir immerhin ein paar Wege", sagt sie.

© SZ vom 30.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite