Kulturpaten in MünchenDemenz erträglicher machen

Lesezeit: 3 Min.

Die an Demenz erkrankte Lynne Tudor (links) im Olympiapark mit ihrer Kulturpatin Dubravka Begovic.
Die an Demenz erkrankte Lynne Tudor (links) im Olympiapark mit ihrer Kulturpatin Dubravka Begovic. Christian Kern
  • Das Projekt „Kulturpaten und Gäste“ vermittelt seit 2024 in München ehrenamtliche Kulturpaten an Menschen mit Demenz und anderen Einschränkungen für gemeinsame Unternehmungen.
  • Die 57-jährige Dubravka Begovic begleitet die 83-jährige demenzkranke Lynne Tudor zu kulturellen Aktivitäten wie Oper, Museum oder Olympiapark-Besuchen.
  • Expertin Katharina Bürger vom LMU-Klinikum lobt das Projekt, da es Sekundärsymptome wie Ratlosigkeit und Depressivität bei Demenzpatienten lindern könne.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Für die Krankheit gibt es fast nie eine Heilung. Doch das Projekt „Kulturpaten und Gäste“ schafft es, manche Symptome zu lindern. Was dahintersteckt.

Von Christian Kern

SZ bei Google bevorzugen

Die Höhe des Brandenburger Tors übersteigt Lynne Tudor in wenigen Sekunden. 26 Meter, sagt eine Computerstimme aus den Lautsprechern. Die 83-Jährige fährt noch höher. Höher als das Kolosseum in Rom. Höher als der Schiefe Turm von Pisa. Erst auf 70 Metern stoppt der Skylift.

Hier oben, am höchsten Punkt der Panorama-Gondel im Olympiapark, hat man die schönste Aussicht über München. Und hier kann Dubravka Begovic ihr alles zeigen. Die Alpen, das BMW-Museum, die Allianz-Arena. Tudor lässt ihren Blick über die Stadt schweifen. „München“, sagt sie, „ist eine tolle Stadt.“

Sie wird das an diesem Tag öfter sagen.

Sie wird auch häufiger sagen, dass sie früher knapp außerhalb von Washington gewohnt hat. Oder dass sie die lilafarbenen Blumen im Olympiapark hübsch findet. Lynne Tudor befindet sich im Frühstadium einer Demenzerkrankung. Manche Geschichten erzählt sie wieder und wieder.

Inzwischen kommt in diesen Geschichten auch immer wieder Dubravka Begovic vor. Tudor berichtet von Mittagen im Café, Abenden in der Oper. „Wir sind gute Freunde“, sagt die US-Amerikanerin. Man kann davon ausgehen, dass es diese Freundschaft ohne ihre Krankheit nie gegeben hätte.

Etwas Zeit, etwas Zuneigung

Tudor und Begovic sind Teil eines Projekts. Es heißt „Kulturpaten und Gäste“, kommt ursprünglich aus Oberfranken, wird vom „Curatorium Altern gestalten“ betreut und läuft seit 2024 auch in München. Die Idee: Menschen mit Demenz und anderen Einschränkungen bekommen einen ehrenamtlichen Kulturpaten zur Seite gestellt. Jemanden, der mit ihnen ins Kino geht, Fußballspiele anschaut – oder eben den Olympiapark besucht.

Dafür haben sich Tudor und Begovic an diesem Tag entschieden. Es gibt eine geführte Tour, speziell für ältere Menschen. Und es gibt Elektromobile. Beides interessiert das Duo nicht wirklich. Sie spazieren einfach durch den Park, sinnieren über das Leben.

Tudor erzählt von drei Krebsdiagnosen, die sie erhalten hat. Vom rechten Arm, den sie wegen eines Nervenschadens nicht mehr richtig bewegen kann. Vom Ehemann, den sie vor einigen Jahren in ihrem alten Haus nach einem Unfall sterben gesehen hat. Natürlich könne sie jammern und klagen, sagt die 83-Jährige. Aber das wolle sie nicht. „Ich entscheide mich dafür, ein glückliches Leben zu führen.“ Begovic nickt.

Die 57-Jährige mag diese Gespräche über das Leben mit Tudor. Sie habe viel darüber gelernt, wie sie einmal altern will, erzählt sie. Das sei gar nicht ihre Intention gewesen. Eigentlich habe sie gedacht, sagt die Verwaltungsleiterin der Villa Stuck, dass nur sie etwas gibt. Etwas Zeit, etwas Zuneigung – an Menschen, die nicht mehr viel davon haben. „Es gibt so viele ältere Leute, die alleine sind.“ Eine Freundin erzählte ihr dann 2024 von dem Kulturpaten-Projekt.

Schulungen für potenzielle Paten

Ein paar Monate später saß Begovic auf einer Parkbank in Ramersdorf. Sie wusste nicht genau, was passieren würde. Aber sie war vorbereitet. Die 57-Jährige hatte einen Kurs besucht. Sechs Abende mit je drei Stunden Seminar. Sie hatte gelernt, daran zu denken, Essen und Trinken für ihre Kulturpartnerin einzupacken. Sich richtig zu verhalten für den Fall, dass diese wegläuft oder vergisst, wo sie sich befindet.

Das Kulturpaten-Projekt wird professionell begleitet. Im Raum München verantwortet Gabriele Kuhn von der Fachstelle für Demenz und Pflege die Schulungen. „Das Projekt hat sich gut entwickelt“, sagt sie. Auf ihrer Liste stehen inzwischen etwa 20 Tandems. Kuhn und ihr Team haben sie zusammengebracht.

Es ist ein wenig wie bei der Partnerbörse. Die geschulten Kulturpaten geben Interessen, Wohnort und das gewünschte Geschlecht an. Dann sucht die Fachstelle nach geeigneten Kandidaten. Begovic erhielt das Foto einer kleineren Frau mit grauen Haaren und erfuhr, dass diese vor ein paar Jahren zu ihrem Sohn nach Deutschland gezogen sei.

Auf der Ramersdorfer Parkbank lernte sie ihre Kulturpatin dann kennen: Lynne Tudor. Stundenlang hätten sie sich unterhalten, erzählt die 57-Jährige. Danach tauschten sie Nummern aus. Und Begovic schrieb, ob Tudor nicht mal in die Oper gehen wolle. Ob sie Lust auf eine Brauerei-Führung habe, ein Museum erkunden wolle. Begovic zeigt Tudor München, Tudors Sohn zahlt die Tickets. Das ist der Deal.

„Finde das Projekt super!“

Je länger man Expertin Katharina Bürger zuhört, desto mehr bekommt man das Gefühl, dass das ein guter Deal ist. Bürger ist Oberärztin am Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität. Sie kennt das Kulturpaten-Projekt. Sie sagt: „Ich finde das super.“ Bürger hat Demenz in all ihren Formen kennengelernt. Sie weiß, dass die Hilfsmittel begrenzt sind. „Die allermeisten Demenzerkrankungen sind unheilbar, Alzheimer gehört dazu.“ Auch die Kulturpaten können die Diagnose nicht ändern. Aber sie können sie erträglicher machen.

Bürger redet von den Sekundärsymptomen, der Ratlosigkeit, der inneren Verzweiflung, der Depressivität, die Demenzpatienten oft verspürten. Hier könnten die Kulturpaten helfen. „Viele Patienten haben ein großes Bedürfnis nach Teilhabe“, sagt die Ärztin. Da sei der psychologische Effekt solcher Projekte, „sehr, sehr wichtig“.

Das gilt nicht nur bei Demenz. Ende des Jahres soll es die nächsten Kulturpaten-Schulungen geben, berichtet Gabriele Kuhn von der Fachstelle. Der Fokus liege dann auf Menschen mit Hörproblemen.

Es ist Nachmittag geworden im Olympiapark. Begovic und Tudor sprechen bereits über die nächsten Termine. Salzburg wäre schön, sagt Begovic. Das Schloss Nymphenburg auch. Und im Spätsommer steht ja Tudors 84. Geburtstag an. Gibt es ein Geschenk? Tudor winkt ab. Die gemeinsame Zeit, sagt sie, sei Geschenk genug.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Ex-Sportmoderator mit Alzheimer
:„Ich vermisse mich“

In seinem Buch erzählt Ex-Moderator Jo Failer, wie es ist, mit 51 die Diagnose Alzheimer zu bekommen. Bei seiner Lesung in München gibt er einzigartige Einblicke in sein Erleben der Krankheit.

SZ PlusVon Johanna Feckl

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: