Kinokarten, historische Romane, Material zum Schwedisch lernen. Fabian Simion wusste etwas mit seinen 200 Euro anzufangen. Simion wurde 2005 geboren und ist damit einer von etwa 750 000 Jugendlichen, die das volle Budget des Kulturpasses nutzen konnten. Der Kulturpass ist ein Projekt aus der letzten Legislaturperiode und wurde maßgeblich von der damaligen grünen Kulturstaatsministerin Claudia Roth vorangetrieben, aktuell sitzt sie als Abgeordnete für den Wahlkreis Augsburg im Bundestag.
Die Idee: Als Ausgleich für die stillen Jahre im Corona-Lockdown sollten Jugendliche zu ihrem 18. Geburtstag 200 Euro Kulturgeld vom Staat bekommen. Von Taylor-Swift-Karten über politische Sachbücher bis hin zu Musikinstrumenten konnten junge Menschen ihr Budget für eine breite Auswahl an Kulturangeboten in einer eigens entwickelten App ausgeben.
Fabian Simion nutzte dieses Angebot gerne. Er stammt aus dem Allgäu und machte zu der Zeit eine Ausbildung zum Lokführer. Heute sagt er: „Erst durch den Kulturpass habe ich mich damit auseinandergesetzt, was es für Kulturangebote gibt.“ Für ihn war der Pass eine Tür in eine Kulturwelt, die sonst nicht immer einladend auf junge Menschen wirkt.

Unglücklich nur, dass die Politik diese Tür nun wieder scheppernd zuschlägt. Schon für den Jahrgang 2006 wurde das individuelle Budget von 200 auf 100 Euro halbiert – der Jahrgang 2007 soll nun gar nichts mehr bekommen. Schon die Ampel-Regierung hatte die für den Pass eingeplanten Haushaltsmittel auf null gesenkt; der CDU-nahe Kulturstaatsminister Wolfram Weimer erklärte das Projekt nun trotz eines Rekordkulturetats für beendet.
Schon bevor die Entscheidung feststand, begann der Kampf um die Deutungshoheit: Für die einen war der Kulturpass der wichtigste Mechanismus, um junge Menschen an die Kultur heranzuführen. Eine Idee, die zwar an Kinderkrankheiten litt, aber mit etwas Zeit zu einem entscheidenden Instrument der Jugendförderung hätte werden können. Andere sahen in ihm nur eine teure Subvention für Kinos und Comic-Verlage, die vor allem die in Anspruch nahmen, bei denen zu Hause schon immer Goethe, Bachmann und Schirach im Regal standen.

Egal, auf welcher Seite man steht, ein paar Zahlen bleiben unbestritten: In beiden Jahrgängen hatten je etwa 750 000 Menschen Anspruch auf den Kulturpass. Vom Jahrgang 2005 nutzten ihn 38 Prozent, im Jahrgang darunter waren es gut zehn Prozent weniger. Wer seinen Pass aktiviert hatte, brauchte sein Budget dann auch zu gut 80 Prozent auf. Besonders profitiert haben urbane und dicht besiedelte Bundesländer, allen voran Nord-Rhein-Westfalen; seit 2023 sind so bundesweit fast 60 Millionen Euro in die Kulturbranche geflossen.
Damit beginnen auch die Probleme. Denn für die 60 Millionen Euro Förderung fielen knapp 30 Millionen Euro Kosten für IT-Infrastruktur an, und auch im nächsten Jahr wäre etwa jeder vierte Euro in die Technik geflossen. Diese – aus seiner Sicht – hohen Kosten sind eines der Argumente von Kulturstaatsminister Weimer für die Abschaffung des Passes.
Aber nicht alle sehen das als Problem. Sanne Kurz ist Landtagsabgeordnete der Grünen im Bayerischen Landtag und setzt sich für den Erhalt des Kulturpasses ein. Sie sagt: „Das ist, als ob ich eine Brücke baue, und sie nach zwei Jahren wieder abreiße. Natürlich amortisieren sich da die Kosten nicht.“ Laut Kurz hat die Bundesregierung zuerst mit viel Geld eine App programmiert, nur um sie wieder einzustampfen, bevor die Menschen von ihr profitieren konnten.

Nicht nur die Kosten machen dem Kulturpass zu schaffen – es gibt auch rechtliche Bedenken: Der Bundesrechnungshof monierte, dass die Finanzierung von Kulturangeboten Ländersache sei – kein Feld für ein bundesfinanziertes Projekt wie den Kulturpass. Staatsminister Weimer folgt der Argumentation des Rechnungshofs. Konsequent umgesetzt könnte diese Logik aber unerwartete Folgen haben: „Sollte Weimer der Argumentation des Bundesrechnungshofs folgen, könnte dies einen Dominoeffekt auslösen“, warnen Olaf Zimmermann und Gabriele Schulz vom Deutschen Kulturrat. Auch weitere Projekte wie die Finanzierung der bundesweiten Künstler- und Künstlerinnenförderung oder das Projekt „Jugend erinnert“ würden auf einmal in der Schwebe hängen.
Sanne Kurz meint hinter der Abschaffung des Kulturpasses andere Gründe zu erkennen: „Ich glaube, der Kulturpass wird deswegen gestrichen, weil wir eine Bundesregierung haben, die sehr wenig auf die Interessen junger Menschen achtet“, sagt sie und wirft Staatsminister Weimer vor, den Kulturpass abzuschaffen, weil junge Menschen zu viel für Comics und zu wenig für Opern ausgeben würden. „Es sollte nicht die Union entscheiden, was gute und was schlechte Kultur ist“, sagt die Grünen Politikerin.
Eine Sprecherin von Weimer bestreitet unterdessen, dass die Art der wahrgenommenen Kulturangebote Einfluss auf das Absetzen des Passes gehabt hätte. Feststeht: Nach zwei Jahren beendet Deutschland sein Experiment mit der breiten Kulturförderung für junge Menschen. Was bleibt, ist die Frage: Was konnte der Pass in dieser Zeit erreichen?
Wer sich in München nach den Erfahrungen mit dem Kulturpass umhört, wird schnell ernüchtert. Laut dem Haus von Wolfram Weimer profitierte der Buchhandel mit etwa 27 Millionen Euro Umsatz am stärksten von der Unterstützung. Die lokalen Münchner Buchhandlungen merkten davon aber wenig. Eine Buchhändlerin wiegelt am Telefon ab. Zum Kulturpass könne man wenig sagen, er sei ja kaum genutzt worden. Eine andere bedauert das Ende des Kulturpasses – selbst angenommen habe man ihn im Laden aber nicht. Das Bezahlsystem sei zu kompliziert gewesen.
Wer nachfragt, hört diesen Ton bei vielen Kultureinrichtungen: Man bedauere, dass der Pass abgeschafft wird – aber selbst profitiert? Das habe man nur im mikroskopischen Ausmaß. So erzählen es das Residenztheater: „Schade, dass der Pass beendet wird, aber hier hat die Kundschaft ihn kaum genutzt“. Und auch der Kartenverkäufer Münchenticket sagt: „Eine schöne Idee, aber in zwei Jahren Kulturpass wurde nur eine dreistellige Zahl an Buchungen über ihn getätigt.“ Das Haus der Kunst habe es nicht geschafft „ein eigenes Angebot zu finden, dass kompatibel gewesen wäre mit den Voraussetzungen unseres Buchungssystems und mit den Kapazitäten unseres Kassenpersonals.“
Selbst die Münchner Kinos, wo die Jugend angeblich in Massen ihr Geld verprasste, berichten nur von wenig Zulauf. Im City-Kino am Sendlinger Tor spricht der Geschäftsführer von einem kaum auffallenden Anteil an Kulturpassnutzern. Selbst die überregionale Kino-Kette Cinemaxx kam im vergangenen Jahr an 30 Standorten auf nur 15000 Kulturpass-Buchungen.
Die Suche nach den Gewinnern des Kulturpasses wirkt wie die Jagd nach dem Monster von Loch Ness: Die meisten haben schon davon gehört, die Idee klingt grundsätzlich sympathisch – aber selbst gesehen hat sie niemand.
Richtig überraschen kann das nicht. Dass zwei Jahrgänge, also 1,5 Millionen Menschen mit zusätzlichen 200, beziehungsweise 100 Euro pro Kopf auf der Kreditkarte wirtschaftlich nicht groß ins Gewicht fallen, ist absehbar. Allerdings wurde der Kulturpass nicht nur als Kultur-Subvention entworfen, sondern auch als ausgestreckte Hand einer zunehmend überalterten Gesellschaft an die Jugend. Statt in Geld sollte man seinen Erfolg deshalb womöglich darin messen, ob er langfristig Jugendliche für die Kultur gewinnen konnte.

Kultur in Bayern:Ein Tempel für Europa
Seit 25 Jahren verfolgt eine Gruppe von Enthusiasten um den Künstler Wilhelm Koch ein spektakuläres Projekt. Mitten in der Oberpfalz wollen sie der Demokratie und der europäischen Verständigung ein Denkmal setzen.
„Es geht nicht um 100 oder 200 Euro“, meint Fabian Simion, „es geht darum, dass junge Menschen endlich ernst genommen werden“. Er selbst fand seine Erfahrungen mit dem Pass so positiv, dass er zusammen mit anderen jungen Menschen die Initiative „Kulturpass bleibt“ gründete. Simion bringt bereits einige Aktivismus-Erfahrung mit; als Schülersprecher und als Teil des Jugendrats der Kindernothilfe. Die Initiative setzte eine Petition auf, die für eine Verlängerung des Passes wirbt und bis jetzt fast 50 000-mal unterzeichnet wurde. Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat sich bereits mit ihnen getroffen.
Und tatsächlich scheint der Kulturpass junge Menschen an die Kultur herangeführt zu haben. Für langfristige Ergebnisse ist es noch zu früh, aber eine Befragung des Staatsministeriums zeigt, dass fast 60 Prozent der Nutzer durch den Kulturpass Veranstaltungen besuchten, die sie sonst nicht besucht hätten. Dazu gab fast jeder Zweite an, durch den Pass neue kulturelle Interessen entdeckt zu haben.
Wie genau jeder und jede Einzelne den Pass genutzt hat, ist unterschiedlich. Manche haben nie von seiner Existenz erfahren oder die Anmeldung verschlafen. Ein Jugendlicher erzählt, dass er sein Geld für verschiedene Rock-Konzerte ausgegeben hat, ein anderer, dass er sich in erster Linie Bücher für sein Jura-Studium zulegte. Nicht jede Pass-Nutzung war damit im Sinne seiner Erfindung, aber vielleicht ist das der Preis, wenn man Jugendlichen freie Entscheidungen zugesteht.
Ein Aspekt, der beim Kulturpass vielleicht ebenso wichtig war wie das Budget, ist das psychologische Signal. Der Pass war eine Anerkennung für all das, worauf junge Menschen während Corona verzichten mussten. Ein kleines Stück Zuckerbrot für eine sonst Krisen-umpeitschte Generation.
„Das tut schon weh, zu sehen, wie wir einfach beiseitegeschoben werden, nachdem wir als Generation der Gesellschaft so viel gegeben haben“, sagt auch Simion. Kulturstaatsminister Weimer hat versprochen, für den Kulturpass andere Angebote für junge Menschen zu schaffen. Eine Sprecherin teilt auf Anfrage mit, man prüfe, welche „weitergehenden Angebote möglich und besonders wirksam sind“. Fabian Simion hat darauf nur wenig Hoffnung. „Ich habe generell nicht mehr das Gefühl, dass sich die Bundesregierung um junge Menschen schert“, sagt er lakonisch. Seine Generation hat bereits viel Vertrauen verloren – und jetzt auch den Kulturpass.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Textes wurde Fabian Simion als Aktivist bezeichnet, der auch in Lützerath aktiv war. Nach seiner Aussage war er nur privat vor Ort.

