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Kulturpädagogik:Selbstbewusst aus der Krise

Impro macht Schule zu Gast in der Mittelschule in Riem.Es wird ein Kriminalstück eingeübt und gefilmt. Foto:Catherina Hess

(Foto: Catherina Hess)

Der Verein "Impro macht Schule" reagiert mit Filmprojekten auf die Pandemie - und ist derzeit an 18 Mittelschulen aktiv

Von Barbara Hordych

Ein "Zombie" wankt in der Mitte eines Kreises, den 22 Schüler der Klasse 7 der Hauptschule an der Lehrer-Wirth-Straße bilden. Mit ausgestreckten Armen steuert Milan auf einen Klassenkameraden zu. "Justin", ruft der schnell, bevor er berührt wird, also dreht der Zombie ab und nimmt den aufgerufenen Spieler ins Visier. "Denkt daran, wer ,äh' sagt, bevor er einen anderen Namen nennt, der hat verloren", ruft Kathrin Perone in Erinnerung. Einige Zeit später ist es ihre Kollegin Sophie Hechler, die es erwischt. "Äh - Aurela", ruft sie zwar, bevor der Zombie sie erreicht, trotzdem ist es zu spät. Sie hat das Füllwort benutzt, und jetzt heißt es für sie: "ab in die Mitte".

An diesem Morgen haben Sophie Hechler und Kathrin Perone, zwei Trainerinnen von "Impro macht Schule", den Unterricht in der Klasse von Simon Beck übernommen. Es ist der zweite Tag des neuen Filmprojekts "Krimi Riem". Den Plot haben sie tags zuvor gemeinsam entwickelt, Hechler hat ihn in Szenen unterteilt, aufgeschrieben und den Text nun mitgebracht.

Hinten an der Tafel sind noch vom gestrigen Tag verschiedene Film-Bereiche aufgelistet: Schauspieler, klar, aber daneben gibt es auch es noch die Experten für Sound, Special Effects, Maske, Regie und Drehorte. "Film ist Teamarbeit", erklärt Hechler. Deshalb sollen die Zuständigen für "Sound", "Maske" und "Special Effects" bei der Probe auch nicht einfach nur zugucken, sondern sich genau notieren, was in jeder Szene gebraucht wird. "Das können wir uns doch im Kopf behalten", beschwert sich ein Junge. "Nein, das reicht nicht. Was wir brauchen, muss aufgeschrieben werden, damit wir Tina eine Liste der Dinge geben können, die sie uns für den Dreh besorgen muss", entgegnet Hechler. Bei Tina handelt es sich um Christina Schmiedel, die künstlerische Leiterin von "Impro macht Schule". Der gemeinnützige Verein wurde vor acht Jahren auf Initiative des Münchner Wirtschaftsanwalts Jürgen Peters gegründet, gemeinsam mit dem Theaterpädagogen Roland Trescher. Inzwischen bieten 13 Trainerinnen und Trainer, alle ausgebildete Schauspieler, an 18 Mittelschulen in München und Umgebung die Improvisationsangebote an.

Aber nun kann mit der Probe begonnen werden. Hechler skizziert noch einmal, was in der ersten Szene passieren soll: Der unsympathische Chef einer Bäckerei übergibt seinem jungen Verkäufer die Schürze und verlässt den Laden. Der Verkäufer wird Opfer eines Überfalls, ein Michael-Jackson-Double ersticht ihn - aufgrund einer Verwechslung, wie sich herausstellt. Denn eigentlich hatte er wohl den Chef im Sinn. "Wenn wir den Verkäufer mit dem Messer abstechen, wird das dann ein Film, den Zuschauer unter 18 gar nicht sehen dürfen?", fragt ein Schüler. "Wir kombinieren die Geschichte mit vielen Comedy-Elementen, das wird schon nicht der Fall sein", beruhigt ihn Perone.

Christina Schmiedel, die künstlerische Leiterin des ehrenamtlichen Vereins „Impro macht Schule“, mit den Kursleiterinnen Kathrin Perone und Sophie Hechler (v.r.).

(Foto: Catherina Hess)

"Wie soll ich wissen, was ich machen soll?", fragt Leon, als er sich für die Rolle des Chefs der imaginären Backstube positioniert hat. "Das ist Impro! Ihr kennt doch die Geschichte", ermuntert ihn Perone. Und ergreift die Gelegenheit, an eine wichtige Regel zu erinnern. "Wie beim Impro-Theater!", sagt sie: "Lass deinen Partner gut aussehen!" Nickende Köpfe rundum. Perone war schon im vergangenen Jahr in der Klasse, im Zuge eines Impro-Projekts mit dem benachbarten Förderzentrum. "Das gilt auch für das Publikum: Keine abfälligen Bemerkungen über die, die so mutig sind, zu spielen", ergänzt sie.

Doch diese Ermahnung ist gar nicht nötig. Sobald Leon als Chef die Szene eröffnet, hat er sein Publikum gepackt. "Du gehst heute fünf Minuten später!", verkündet er seinem Verkäufer. Als der schüchtern einwendet, dass er dann seinen Zug verpasst, schnauzt ihn der Chef an: "Für diese blöde Bemerkung gehst du jetzt zehn Minuten später!" Die Zuschauer lachen und applaudieren. Leon hat die Situation rasch begriffen und spontan gemeistert - und damit eines der wichtigsten Ziele von "Impro macht Schule" umgesetzt. Jetzt ist Toby an der Reihe, hat seinen großen Auftritt als Michael Jackson, tänzelt mit einem gekonnten "Moonwalk" in die Backstube. Summend nähert er sich dem Verkäufer. "Was wollen Sie ...?" - weiter kommt er nicht. Toby "sticht" zu, der Verkäufer sackt auf dem Boden zusammen. "Ups, der Falsche", konstatiert das Jackson-Double unbekümmert und tänzelt hinaus. Großer Applaus. Der Verkäufer ist tot, wie kurz darauf die "Spusi" sowie die Kommissarin Aurela und ihr Kollege feststellen. Aurela muss ein zweites Mal ansetzen, bevor ihre Stimme hinter der Maske laut genug zu vernehmen ist - doch dann klappt es ausgezeichnet.

"Kindern einen Raum zur Entfaltung zu bieten" sei eines der Ziele von "Impro macht Schule", sagt Schmiedel in der Pause. Sie hat Einblick in viele Schulen, macht aber immer dieselbe Erfahrung: Die Mädchen äußerten sich oft nur innerhalb ihrer fest gefügten Mädchenclique. "Kommen sie aber alleine in eine neue Situation, agieren sie viel schüchterner als die Jungs." Deshalb fand sie es ganz toll, dass Aurela sich für die Rolle der toughen Kommissarin gemeldet hat, sagt Schmiedel. In eine neue Rolle hineinzuschlüpfen und sie vor anderen zu präsentieren, schule das Selbstbewusstsein, so die Impro-Expertin.

Wie hat sie die Kinder und Teenager beim Schulstart nach den langen Ferien erlebt? Zunächst "ungewohnt scheu und viel verhaltener als sonst", überlegt Schmiedel. Doch das hätte sich glücklicherweise bald wieder gelegt. Und speziell mit dem neuen Film-Projekt sei man in Corona-Zeiten gut gewappnet. "Wenn alles gut geht, können wir ihn bei der Abschlusspräsentation live vor vielen Zuschauern zeigen. Wenn es schlecht läuft, gibt es eben eine Zoom-Premiere.

© SZ vom 17.10.2020

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