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Kultur in der Krise:Stimmen aus der Sperrzone

Coronavirus - München

Die Absperrgitter vor dem Nationaltheater auf dem Max-Josephs-Platz stehen dort als Sinnbild für traurige Zeiten. Auch das Kulturleben unterliegt dem Lockdown.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

So reagieren Bayerns Kulturschaffende auf die Verkündung des erneuten Lockdowns der Theater, Konzerthäuser, Museen und aller übrigen Veranstaltungsräume. Viele vermissen dadurch Orte der Debatte, aber auch schlicht für den Broterwerb

Am Donnerstag hat Ministerpräsident Markus Söder präzisiert, welche kulturellen Einrichtungen in Bayern vom Lockdown betroffen sind. In der Liste der von der Schließung betroffenen Institutionen aus dem "Freizeitbereich" werden nun auch die Museen genannt, die bis dato noch hofften, ausgenommen und als Bildungsstätten kategorisiert zu seien. Nun stehen sie in der Liste nicht nur nach Theatern, Opern, Konzerthäusern, Kinos, Freizeitparks, sondern auch nach Spielhallen, Spielbanken, Wettannahmestellen, Prostitutionsstätten, Schwimm- und Spaßbädern, Saunen, Thermen, Fitnessstudios, Wellnesseinrichtungen. Aber vor den Zoos.

Dietmar Lupfer, Muffatwerk: Leider erkennt man kein Konzept und keine nachhaltige Strategie hinter dem Lockdown. Einkaufszentren bleiben auf und Gottesdienste sind erlaubt, aber der Besuch von Kunst und Kultur wird verboten, obwohl gerade hier viel in Hygienekonzepte investiert wurde und keine nennenswerten Infizierungen bekannt sind. U-Bahn-Streiks werden zugelassen, obwohl dadurch die Menschen in Nahverkehrszüge eingepfercht werden und sich zwangsweise infizieren. Konkret mussten wir gerade ein Gastspiel eines kanadischen Tanzensembles für nächste Woche stornieren. Das ganze Bühnenbild ist jetzt in München ohne Gruppe gestrandet. Besondere Gefahren erfordern besondere auch harte Maßnahmen, aber wo ist die Strategie in der Krise?

Max Uthoff, frisch gebackener Bayerischer Kabarettpreisträger: Ich stecke gerade mitten im US-Wahlkampf, für unsere nächste "Anstalt"-Sendung. Die ist bis Samstag, also gerade noch vor dem Lockdown abgedreht. Ich frage mich ja, warum der Virus es in einem gut gefüllten Zug nicht schafft, aber in einer halb leeren Wirtschaft, ein seltsamer Virus. Der macht, was er will, und alle zwei Monate was Neues - daher kommt diese Verunsicherung, die alle wahnsinnig macht, und dann wird halt so wie jetzt reagiert, weil man es offensichtlich nicht besser weiß. Bereiche wie die Gastronomie oder die Kultur komplett herunterzufahren, ist Ausdruck der Missachtung dessen, was da gemacht wird. Und mit diesen Entscheidungen verlierst du immer mehr Leute, das merkt man ja jetzt an den Reaktionen. Monatelang gab es in der Presse keine kritischen Stimmen außer vielleicht Heribert Prantl, der immer bat, das Ganze doch bitte einmal auf eine rechtliche Grundlage zu stellen. Und jetzt bricht es an allen Ecken und Enden heraus. Das nimmt die Leute nicht mehr mit.

Anton Biebl, Münchner Kulturreferent zum Kulturausschuss: Wie sollen wir mit den neuen Verlautbarungen nach dem Treffen der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten umgehen? Wir rangieren darin als Kultur unter Freizeiteinrichtungen, es wird negiert, dass wir zum gesellschaftlichen Zusammenleben und zur Bildung beitragen. Ich habe noch zahlreiche Fragen, es ist wieder vieles ungeklärt wie im März: Was bedeutet die Schließung der Theater für den Probenbetrieb? Und wie geht es dort weiter im Dezember, starten wir mit 0, 50 oder 200 Zuschauern - wir haben keine Planungssicherheit. Wir haben keine Wiedereröffnungsperspektive - so können wir nicht jetzt für eine Veranstaltung am 1. Januar 500 Karten verkaufen. Und was ist mit den Streamingkonzerten - dürfen sich die Musiker dafür treffen? Natürlich arbeiten wir parallel an Antworten, ich hatte gestern eine Videokonferenz mit den Intendanten der städtischen und staatlichen Theater aber auch mit der freien Szene. Wir haben alle unsere Fragen an die Ministerien geschickt. Ich finde das alles sehr schade, aber wir können die Bedrohung auch nicht kleinreden. Wir müssen pragmatisch umgehen damit."

Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing: "Kunst, Kultur und (Erwachsenen-)Bildung sind die Hefe im Teig einer Gesellschaft. Gerade jetzt wird ihr Potenzial besonders benötigt, Menschen zu stärken und ihre Widerstandsfähigkeit gegen Krisen zu mobilisieren. Der erneute Lockdown schränkt diese überlebensnotwendige Funktion massiv ein - mit gefährlichen Folgen."

Matthias Ambrosius, Konstantin Sellheim, Beate Springorum und Christian Beuke, Orchestervorstand und Direktion der Münchner Philharmoniker: "Nach der Entscheidung von Mittwoch beschreiben drei Worte unsere momentane Verfassung: Zorn, Verzweiflung und Frust. Niemand stellt in Frage, dass die Pandemie unter Kontrolle gebracht werden muss. Aus genau diesem Grund leisten wir seit Monaten unseren Beitrag. Für diese Bemühungen werden wir nun mit einem vorübergehenden Berufsverbot belohnt. Ob dieser harte Einschnitt tatsächlich rechtmäßig ist, wagen wir leise zu bezweifeln. Verstörend ist zudem das Verständnis der politischen Entscheidungsträger, Kunst und Kultur wahlweise als ,Freizeitgestaltung' oder ,Unterhaltungsveranstaltung' aufzufassen. Nach seiner Verfassung versteht sich der Freistaat Bayern in Artikel 3 als Rechts-, Kultur- und Sozialstaat. Wenn er das wirklich ernst meint, würden wir uns zukünftig weniger symbolische Entscheidungen wünschen. Die Zusage auf finanzielle Unterstützung gerade der freien Künstlerszene immerhin ist ein Hoffnungsschimmer, wenn sie denn schnell ankommt."

Andreas Beck, Intendant des Residenztheaters/Bayerisches Staatsschauspiel: "Ich bin traurig, und wütend. Traurig, dass der Spielbetrieb nun trotz allen Bemühens und allen Kämpfens eingestellt werden muss und hoffe, dass der Rückgang der Infektionszahlen diese Maßnahmen in den kommenden Wochen rechtfertigt. Und ich hoffe, dass wir dann im Dezember wieder spielen werden. Theater ist nicht nur Freizeitgestaltung, wie es in diesem Maßnahmenkatalog heißt, es ist, und nicht nur für die Theatermachenden, es ist für so viele Menschen ein Grundbedürfnis. Kunst ist nicht systemrelevant, soll sie auch gar nicht sein, aber sie macht den Menschen aus. Und man kann das Theater, das Proben und Spielen, das Schaffen und Erfinden, nicht aus- und anknipsen und glauben, es leidet dabei keinen Schaden. Kunst lebt von vom Austausch, vom Dialog, von der Reflektion und vom Enthusiasmus aller. Ärgerlich ist, wenn jetzt Kolleg*innen meinen, anmerken zu müssen, man sei hier zu brav, zu ängstlich oder vorsichtig gewesen. Aha? Wir haben seit März, nicht nur gegen eine so nie dagewesene Pandemie, sondern um jede Probe gekämpft, im wahrsten Sinne bis die Polizei kam. Alle Theater haben seit Frühjahr ungeheure Kraft und Energie gezeigt, sind trotz Virus und den vielen Ängsten kreativ und im Stadtleben präsent gewesen, darum sind Kopfnoten für Mut oder Relevanz taktlos."

Nikolaus Bachler, Intendant Bayerische Staatsoper: "'Bayern ist ein Kulturstaat', so steht es in der Bayerischen Verfassung. Die Kultur, die Kunst, die Musik sind ein Staatsprinzip, und das ist auch gut so. Gerade in so schwierigen Zeiten sehnen sich viele Menschen geradezu nach Konzerten und Aufführungen. Ich bin überzeugt, dass wir Kunstschaffenden dazu beitragen können, die psychischen Auswirkungen der Pandemie zu bekämpfen! Deshalb kann ich schon jetzt versichern, dass das Ensemble der Bayerischen Staatsoper auch im kommenden Monat nicht müde werden wird, Kunst zu schaffen. Wir starten am Samstag mit dem Live-Stream der Neuinszenierung von Die Vögel."

Tanja Graf, Leiterin des Münchner Literaturhauses: "Das Literaturhaus lebt von der Begegnung, vom Austausch, es ist der Treffpunkt für Kulturbegeisterte in der Stadt. Und zwar nicht nur bei Live-Lesungen und in der Ausstellung, sondern auch in der Brasserie OskarMaria, die ebenfalls wieder komplett zusperren muss. Dabei brauchen wir die Kunst und kluge Menschen, die sie uns nahe bringen, gerade in diesen Zeiten besonders. Das Literaturhaus als geschlossene Festung - kein schöner Gedanke! Wie bitter es ist, die vielen großartigen Autorinnen und Autoren wieder auszuladen! Es leuchtet ein, dass unter Kontaktreduktion auch Kulturveranstaltungen fallen müssen. Klar, für unser Publikum gehören Kulturveranstaltungen zu "Freizeit und Unterhaltung" - aber nicht für die Kulturschaffenden selbst. Die leben davon, aufzutreten."

Thomas E. Bauer, Intendant Konzerthaus Blaibach: "Allein im Konzerthaus Blaibach stehen im November 31 Konzerte auf der Agenda. Es gehört zu meinen betrüblichsten Aufgaben, jetzt allen Künstlern die Stornierung dieser Engagements mitteilen zu müssen. Um die Non-Profit-Veranstalter, die durch die vielfältigen Fördermaßnahmen, gerade im Freistaat, gestützt werden, mache ich mir die geringsten Sorgen. Mein Plädoyer ist seit längerer Zeit, dass die betreffenden Begünstigten beginnen müssen, die Fördergelder in konkrete Künstlerhonorare umzumünzen. In Blaibach sehen wir in dieser katastrophalen Situation eine Chance zur Bewährung. Am liebsten möchte ich noch im November etwas Spektakuläres auf den Weg bringen, das Beschäftigungsmöglichkeiten für freischaffende Künstler eröffnet, wenn auch ohne Publikum.

Patrick Oginski, Vorstand im Verband der Münchner Kulturveranstalter (VdMK): "Ich komme gerade aus der Mitgliederversammlung. Wir sind natürlich konsterniert, aber ich habe keine Rebellion gespürt. Jeder ist sich bewusst, dass die Lage jetzt gefährlicher ist als im Sommer und dass wir unseren Beitrag leisten müssen. Das Allerschlimmste ist die Entwöhnung des Publikums, es wird schwer, die Leute zurückzugewinnen, je länger der Lockdown dauert. Deswegen brauchen wir Perspektiven, dass es im Dezember wieder losgehen kann, und hoffen auf das nächste Jahr. Keiner will von Almosen leben. Die angekündigte Umsatzerstattung von 75 Prozent beäuge ich ohnehin skeptisch, viele hatten im Bezugsmonat, November 2019, den stärksten Jahresumsatz, ich bin gespannt, ob das Geld kommt."

Carola Kupfer, Präsidentin des Bayerischen Landesverbands der Kultur- und Kreativwirtschaft (BLVKK): "Dieser ,Lockdown light' ist für niemanden schön. Was diesmal anders werden soll, ist die bundesweite Unterstützung betroffener Unternehmen und - ein wichtiges Detail - der vielen Solo-Selbstständigen. Wenn der ,fiktive Unternehmerlohn' und die versprochenen Hilfen von bis zu 75 Prozent Umsatz des Vorjahresmonats kommen, ist das zumindest im Moment ein wichtiges Signal. Wir haben das bereits im April beim Ministerium in München nach dem Vorbild Baden-Württemberg eingefordert - Fehlanzeige. Bedauerlich, denn wären diese Unterstützungsmaßnahmen früher gekommen, wäre die Kultur- und Kreativwirtschaft heute besser aufgestellt. Die vielen bereits zerstörten oder stark angeschlagenen Existenzen in unserer Branche rettet das wohl nicht mehr."

Christiane Raabe, Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek München:

"Die galoppierenden Infektionszahlen erfordern dringendes gesellschaftliches Handeln. Mir erschließt sich aber nicht, warum ausgerechnet die mit strengen Hygienekonzepten vergleichsweise sicheren Konzertsäle, Kinos und Theater geschlossen werden, während man sich in der Fußgängerzone, in U-Bahnen, Bussen und Geschäften weiter dicht an dicht aneinander vorbeischiebt. Wenn ein Lockdown die Kurve abschwächen und Weihnachten retten soll, dann ein richtiger. Das Schließen der Konzertsäle wird das dynamische Infektionsgeschehen nach meiner Überzeugung nicht stoppen."

Michael Then, Vorstandsvorsitzender des Landesverbands Bayern des Deutschen Börsenvereins des Buchhandels:

"Dass Buchhandlungen, die über funktionierende Hygienekonzepte verfügen, offen bleiben, ist unbedingt sicher zu stellen. Sie sind die "geistigen Tankstellen", liefern Wissen, bieten Nachhilfe und sorgen für Unterhaltung. Das Erleben von AutorInnen und IllustratorInnen ist wieder nur digital möglich. Gut, dass wir die Münchner Bücherschau, die am 12. November beginnt, hybrid geplant und angelegt haben. So bleibt das Stöbern für neue Entdeckungen und das Erleben von Autoren, wenngleich live vieles schöner wäre."

Anke Buettner, Leiterin des Münchner Literaturarchivs Monacensia: "Die Monacensia lebt davon, dass hier geforscht, geschrieben, veranstaltet und sich getroffen wird. Corona liegt wie Blei auf unserem Haus. Wir versuchen nach wie vor, so viel wie möglich mit den Münchner Autoren und Autorinnen zu arbeiten, zum Beispiel Programm in hybrides Programm, Veranstaltungen in Textaufträge umzuwandeln. Gleichzeitig konzentrieren wir uns noch stärker als sonst auf die Bestandsarbeit im Literaturarchiv und in der München-Bibliothek. Das literarische Gedächtnis der Stadt - sozusagen unser Fundament und unsere Daseinsberechtigung - erweist sich gerade als großes Glück."

Matthias Helwig, Breitwand-Kino-Chef: "Kulturschaffende wollen vermitteln, anbieten und damit unterhalten. Die etwas despektierliche Wortwahl für die ,Unterhaltungsindustrie' schmerzt umso mehr. Nun wird die Bevölkerung abends wieder in Räume gedrängt, in denen es keine Schutzkonzepte gibt und dazu den Medien und der wahren Unterhaltungsindustrie ausgesetzt, alleine, mit sich, ohne Austausch nach dem kulturellen Ereignis. Schade! Jetzt wurden die gleichen Orte wie beim ersten Lockdown geschlossen. Ohne Rücksicht auf Hygienekonzepte, die eingehalten wurden. Ohne Nachdenken, ob die Maßnahmen vielleicht schon in den letzten Tagen auf die Falschen ausgerichtet waren. Es geht hier nicht nur ums Geld, sondern darum, dass wir gerade jetzt öffentliche Kultur brauchen."

Andrea Gronemeyer, Intendantin der Schauburg: "Grundsätzlich bin ich auf der Seite derer, die sagen, man muss alles tun, um die Pandemie zu bekämpfen. Aber jetzt frage ich mich doch, ob es etwas bringt, die Theater, die Oper und die Konzertsäle zu schließen? Es ist doch jetzt eine ganz andere Situation als im März, als alle noch keine Hygienekonzepte hatten. Bei uns wie in den anderen Theatern auch wird so auf Abstand geachtet, dass ich finde, dass die Schließungen in keinem Verhältnis stehen zu dem Schaden, den sie auf lange Sicht anrichten. Wo sollen denn unsere Kinder und Jugendlichen hin? Wo gibt es geschützte Räume für Sozialkontakte? Auch unsere Workshop-Labs in den Herbstferien waren voll ausgebucht. Kinder hätten dort Theater spielen können, natürlich ohne sich zu umarmen. Wenn diese und andere Betreuungsangebote wegfallen, sind die Kinder in den privaten Räumen eingeschlossen. Ich kann auch das Argument der nicht mehr nachvollziehbaren Ansteckungsketten nicht verstehen: vielleicht weiß ich nach zehn Tagen nicht mehr, in welcher U-Bahn ich gefahren oder in welcher Kneipe ich gesessen bin. Aber ich weiß doch noch, für welchen Abend ich eine Theaterkarte gebucht habe."

Thomas Pekny, Intendant der Komödie im Bayerischen Hof: "Was mich wirklich interessieren würde, ist die wissenschaftliche Begründung dafür, warum jetzt die Theater- und Konzertsäle geschlossen werden. Das wird uns nie wirklich gesagt. Ich würde sogar sagen, es gibt keinen sichereren Ort in München. Wenn Sie erleben, wie diszipliniert sich das Publikum an die Regeln hält, wie vernünftig die Zuschauer auf die Umstände und Einschränkungen reagieren, die so ein Theaterbesuch mit sich bringt. Als nur noch 50 Zuschauer im Saal erlaubt waren, also zehn Mal weniger als sonst, haben wir eine Emotionalität zwischen Publikum und Schauspielern erlebt, die umwerfend ist. Deshalb haben wir weitergespielt. Die Zusage der Regierung, 75 Prozent der Einnahmen zu erstatten, die wir im November des Vorjahres hatten, hilft uns sehr. Das gibt uns den Mut, überhaupt weiterzumachen."

Werner Winkler, Chef der Kabarettbühne Drehleier: Das ständige Hin und Her und der damit verbundene Mehraufwand ist ein echtes Ärgernis. Wir haben uns den Arsch aufgerissen, ein Hygienekonzept erstellt, Desinfektionsspender gekauft, Kreisverkehr für die Toiletten eingerichtet. Und dann darfst du mal vor 80 Leuten spielen, dann wieder vor 50, dann gar nicht mehr. Da musst du natürlich ständig umdisponieren und mit allen Leuten wieder mailen und telefonieren. Dabei habe weder ich noch die Kollegen, mit denen ich Kontakt habe, je von einer Corona-Infektion an unseren Häusern gehört. Doch die Leute haben Angst, es wird ihnen ja auch richtig Angst gemacht, etwa in der Art: "Wollen Sie, dass ihre älteren Bekannten an Corona sterben?". Deshalb ist die Frage, ob sie so schnell überhaupt wieder kommen. Und wie geht's im Dezember weiter? Wieder vor 50, wieder nur bis 21 Uhr, was für uns kaum machbar ist. Gut, wenn ich 75 Prozent des Vorjahresumsatz bekäme, wie es der Wirtschaftsminister für "Betriebe" verspricht. . . Ich glaube nur nicht daran. Die Politik hat von den Problemen unserer Branche einfach überhaupt keine Vorstellung."

Peter Weil, Geschäftsführer des Münchner Gop-Variete-Theater: "Wir haben bereits am 26. Oktober entschieden, unser Haus zu schließen. Die Beschränkung auf 50 Besucher zusammen genommen mit der Auflage, um 21 Uhr zu schließen, war in der Koppelung einfach zu viel. Diese bayerische Regelung traf uns doppelt, da wir nicht nur eine Show bieten, sondern auch ein Gastronomie-Betrieb sind."

Nikolaus Pont (Orchestermanager Symphonieorchester des BR): "Die neuerliche Schließung der Konzertsäle und Theater ist eine gesellschaftliche Tragödie. Es steht zu befürchten, dass sie als Signal verstanden wird, dass unser Leben zur Not auch ohne kulturelle Einrichtungen möglich ist, dass sie Luxus sind statt zur notwendigen Infrastruktur eines funktionierenden Miteinanders zu gehören. Auf letzteres, daran appellieren unsere Politikerinnen und Politiker völlig zurecht, kommt es jetzt ja ganz besonders an. Für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist es unendlich traurig, in den nächsten Wochen nicht vor Live-Publikum spielen zu können. Gleichzeitig hoffen wir sehr, dass es uns erlaubt sein wird, in Herkulessaal und Gasteig zu arbeiten, um möglichst vielen Menschen in dieser dunklen Zeit wenigstens über Radio, Internet und Fernsehen tolle musikalische Erlebnisse zu ermöglichen. Unsere große Sorge gilt in dieser Situation aber vor allem freien Berufsmusikerinnen und -musikern aller Genres."

Bernhard Maaz, Generaldirektor Bayerische Staatsgemäldesammlungen: "In Folge einer Gesamtstrategie müssen auch die Museen schließen. Kultur ist sozial relevant. Wir bedauern die Schließung deshalb zutiefst, zumal wir mit "Au Rendez-vous des Amis" und der monumentalen Installation von Anish Kapoor in der Pinakothek der Moderne sowie mit der Ausstellung der Künstlerin Lucy Mc Kenzie im Museum Brandhorst aktuell neben den Alten Meistern ein enormes Potenzial an kulturellen Dialogmöglichkeiten für die Gäste unserer Häuser haben."

Matthias Mühling, Direktor Lenbachhaus und Kunstbau: "Die Entscheidung, Museen erneut zu schließen, nehmen wir enttäuscht und traurig zur Kenntnis. Für viele Menschen bedeutet die Schließung von Museen einen Verlust an Lebensqualität. Kultureinrichtungen sind Orte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, nicht nur der Unterhaltung und Freizeit, hier wird Demokratie gelebt und gestaltet. Als Museum sind wir auch eine Einrichtung, welche mit vielen externen Firmen und Dienstleistern verzahnt ist; die Landeshauptstadt München hat Flächen in unserem Haus an einen Buchladen und ein Restaurant verpachtet, hinzu kommen viele Partner, von der Elektriker-Firma über Grafikbüros bis zu externen Kunstvermittlerinnen, mit denen wir zusammen einen lebendigen Museumsbetrieb gestalten. Dahinter stehen Menschen, die nicht einfach ab- und wieder einbestellt werden können, als würde man einen Wasserhahn zu- und wieder aufdrehen."

Roger Diederen, Leiter Kunsthalle München: "Kunst ist wichtig, aber Gesundheit geht vor. Muglers Traumwelt geht daher leider vier Wochen in den Dornröschenschlaf. Wir freuen uns aber jetzt schon darauf, unsere Besucherinnen und Besucher ab Dezember wieder zu begrüßen und sind sehr froh, dass wir die Ausstellung "Thierry Mugler: Couturissime" bis 28. Februar 2021 verlängern konnten. In der Zwischenzeit bieten wir Einblicke in die Ausstellung über die sozialen Netzwerke und auch unser Mugler-Shop im Erdgeschoss mit Zugang von den Fünf Höfen bleibt weiterhin geöffnet.

Katrin Habenschaden, Bürgermeisterin, im Kulturausschuss: "Dass die Staatsregierung mit der Beteiligung an unseren Gesprächsrunden Entgegenkommen zeigt, ist schön, aber es bringt uns auf kommunaler Ebene nicht weiter. Wir brauchen Handreichungen und Ausdifferenzierungen. Uns sind alle Möglichkeiten genommen, reagieren und agieren zu können. Ich kann alle Handelnden verstehen, dass deren Unmut groß ist."

Michael Buhrs, Direktor Museum Villa Stuck: "Wir sollten es als positives und durchaus wichtiges Signal sehen, dass sich, nach der Einführung der Hygienekonzepte in den unterschiedlichen Kultureinrichtungen im Frühjahr, das Publikum in unseren Häusern sicher gefühlt hat. Wir konnten im Museum Villa Stuck unser Ausstellungsprogramm unter den neuen Bedingungen nahezu unverändert umsetzen und gemeinsam mit dem Villa Stuck Verein ein tolles Programm für Mitglieder und Gäste im Künstlergarten durchführen. Parallel dazu haben wir unter dem Hashtag #STUCKATHOME ein reichhaltiges digitales Programm rund um die Sammlungen und die Wechselausstellungen ins Leben rufen können. Die Politik muss angesichts der steigenden Zahlen reagieren. Die Einstimmigkeit der Beschlüsse zeigt ja auch, dass man gemeinsam gewillt ist, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Wir müssen und werden die Maßnahmen selbstverständlich akzeptieren. Jeder, auch die Kultur, muss in dieser Situation neuerlich seinen Beitrag leisten. Das Team der Villa Stuck hat alles dazu getan und wird es auch weiterhin tun, gemeinsam mit den am Programm beteiligten Künstlerinnen und Künstlern und unseren Partnern. Ich erlebe hier ein großes Maß an Solidarität untereinander, vor allem auch zwischen den Münchner Institutionen.

Simone Schulte-Aladag, Tanzbüro München: "Ich vermisse eine Differenzierung der Maßnahmen in dieser Diskussion. Die Kulturschaffenden, allen voran die Theater und die selbständigen Künstlerinnen und Künstler, sowie die Tanzschulen haben sich in den vergangenen Wochen und Monaten verantwortungsvoll um Konzepte gekümmert und sich solidarisch gezeigt. Es ist nicht nachvollziehbar, wieso die Kultur hier jetzt trotz der nicht nachweisbaren Ansteckungen wieder ausgeklammert wird. Ein weiterer Lockdown gefährdet die Infrastruktur der Kultur und die Lebensgrundlage der Kunstschaffenden. Hinzu kommt, dass die Einschränkungen ohne Kulturangebote für viele Menschen noch schwieriger zu ertragen sind. Warum werden die gesammelten Stimmen der Kultur nicht ernst genommen?"

Michael Tasche, Intendant Münchner Theater für Kinder: "Mir war vollkommen klar, dass es zu den steigenden Infektionszahlen kommen musste, die Kälte ist der Ursprung des Ganzen, die Leute gehen eben rein, deshalb müssen sie gar keine Feierbiester sein. Aber ob in dieser Situation die Schließung der Theater hilft, bezweifle ich. Ich bin aber optimistisch für die Zukunft, wir nutzen die nächsten Wochen für Proben, und ich hoffe sehr, dass es im Dezember weitergehen kann. Natürlich beruhigt es mich zu wissen, dass die Regierung die finanziellen Einbußen zu 75 Prozent ausgleichen will; was das Beantragen der Gelder betrifft, vertraue ich wie im März auf unseren Geschäftsführer, der auch Anwalt für Insolvenzrecht ist. Den wirklichen Stress haben momentan unsere Kassendamen, die die Karten stornieren und Geld zurückgeben müssen."

Frank Matthias Kammel, Generaldirektor Bayerisches Nationalmuseum: "Zweifellos ist die erneute Schließung des Museums ein dramatischer Einschnitt. Trotzdem werden wir alles unternehmen, um die laufenden Projekte weiterzuführen. Unser Team arbeitet hochmotiviert am Aufbau der Ausstellung "Kunst & Kapitalverbrechen" weiter. Wir erwarten eine Wiederöffnung im Dezember mit Zuversicht.

© SZ vom 30.10.2020 / Protokolle: arga, aw, blö, by, CLU, her, lyn, OHO, srh, zir

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