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Kultur in der Krise:Die Stunde Null

Hat das letzte Stündlein der Kultur geschlagen? Gabi Blum, Ivi Vukelic, Lily Felixberge und Anna Konjetzki (v.li.) erörtern im Rathaus Auswege.

(Foto: Catherina Hess)

Die Fraktion von Die Linke und Die Partei lädt im Rathaus zu einer Diskussionsrunde unter dem Motto "Das Ende der Kultur?" - die Bestandsaufnahme fällt düster aus

Von Michael Zirnstein

Wer sich jüngst an einem der Gratis-Konzerte von "Sommer in der Stadt" ergötzt hat, mit denen München etwas für seine Bürger und vor allem für die Kreativbranche tun will, und nun denkt: "Ach, schön, jetzt geht's ja auch der Kultur langsam wieder gut", der würde nach der Diskussionsrunde im Rathaus seine Ansicht schnell ändern. Unter dem Motto "Das Ende der Kultur?" hatte die Fraktion von Die Linke und Die Partei Münchner Kulturmenschen und Stadtratskollegen in den großen Sitzungssaal geladen, um die Situation der Szene nach einem halben Jahr Pandemie zu erörtern und eventuell zu verbessern.

"Die Wucht mit der Corona in die Gesellschaft hineinhaut, ist in der Kultur besonders heftig. Es geht nichts vorwärts", sagte Gastgeber Thomas Lechner (Die Linke), der selbst lange als Veranstalter und DJ aktiv gewesen ist. Er sei pessimistisch und gehe davon aus, dass die Kultur noch zwei Jahre lang mit den derzeitigen Rahmenbedingungen, sprich: Beschränkungen, zu tun habe.

Diese Unabsehbarkeit und Langfristigkeit stürzt gerade alle anwesenden Kreativkräfte in Existenzängste, gerade jetzt, da - falls sie überhaupt ausgezahlt wurden - die ersten Sofort- und Künstlerhilfen des Freistaats und die Bundes-Spielstättenförderung auslaufen. Der Choreografin Anna Konjetzki, die auch für das Netzwerk Freie Szene sprach, geht es wie vielen: Workshops und Aufführungen abgesagt, etwa ein Gastaufenthalt in Mexiko im November; aber auch was verschoben werden könne, wie ein Tanzprojekt für die Kammerspiele mit drei afrikanischen Tänzerinnen, verursacht Mehrkosten, Terminballungen und dadurch Überarbeitung, und in welchen der immer knapper werdenden Räume sie dann 2021 proben oder aufführen solle, wisse sie auch nicht.

Von diesem "Rattenschwanz" sprach auch Lily Felixberger vom Import-Export, wo sie derzeit drinnen vor 20 Gästen Konzerte veranstalten dürften - was die Kosten nicht einspielt. Immerhin hätten sie bei der Stadt erwirkt, für die Sommermonate den Vorplatz bespielen zu dürfen, "aber im Winter rasen wir auf ein großes finanzielles Loch zu". Deswegen fordert sie Überbrückungshilfe in der kalten Jahreszeit und eine Zusage von Kommunal- und Kulturreferat, auch kommendes Jahr Open-Air-Kultur machen zu dürfen.

Der Raum für die Kultur ist der Knackpunkt. Schon vor der Pandemie, aber die habe das Problem verschärft, der Kostendruck im teuren München treibe viele aus der Stadt, sagte Matthias Hirth, Autor und Wirt der Favoritbar, die normalerweise auch sechs Tage die Woche Musik- und Diskussionskultur bietet, auf unabsehbare Zeit aber geschlossen ist. Ein Film-Projekt der Kammerspiele habe seine Bar zuletzt beherbergt, berichtet er - daran sehe man, wie wichtig es für die Stadt sei, nicht nur die Flaggschiffe, sondern auch solche kleinen Kulturorte zu erhalten.

Gerade in der Wirtschaftskrise sah Thomas Lechner in der Raumfrage eine Chance: 30 Prozent der Betriebe könnten Pleite gehen, vom Kaufhof bis zum kleinen Geschäft. Dies eröffne Möglichkeiten für kulturelle Zwischennutzungen, die man interfraktionell vorantreiben solle. Und was soll die Stadt noch tun, um die Corona-Wucht zu lindern? Elvira Bittner, eine der offizielle Gästeführerinnen, wünschte sich, das die Stadt für die Vermittlung der ohnehin raren Touren die Gebühr nicht nur stunde, sondern erlässt. Die freischaffende Künstlerin Gabi Blum verlangte nun nach mehr fortlaufender Basisförderung statt projektbezogener Gelder - wo Projekte abgesagt werden, würden Arbeitsstipendien mehr Sicherheit geben.

Ivi Vukelic, Gitarrist und Konzertveranstalter vom Club2, sah gar die Zeit für einen Schlussstrich gekommen. Seine Lieblingsbar, die Favorit, ist dicht, sein "Ausgehmuskel" erschlafft. Sein "Veranstaltermuskel" ebenso, auch wenn die Stadt diesen mit "Sommer in der Stadt" etwas trieze, wobei er die ganze Gratis-Kultur für eine Entwertung halte. Und bei dem, was notdürftig stattfinde, fehle ihm das Sinnliche. "Unter den Umständen möchte ich gar nicht arbeiten. Rien ne va plus", sagte er mit gesenktem Blick: "Ich glaube nicht daran, dass ich in mein altes Leben zurückkehren werde. Darum denke ich lieber was Neues." Seiner Idee, in dieser "Stunde Null" die Kulturpolitik der Stadt umzukrempeln zur einer basisfreundlicheren, stimmten die meisten anderen zu.

© SZ vom 08.08.2020

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