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Kultladen "Zweitausendeins" schließt:Der Letzte macht das Licht aus

Ausverkauf: Der CD- und Bücherladen Zweitausendeins in der Türkenstraße schließt kommende Woche endgültig.

Eine Ära geht zu Ende: Nach 38 Jahren schließt der Kultladen "Zweitausendeins" auch in München. Einige Filialen in anderen Städten sind bereits dicht. Anspruchsvolle Bücher und Musik zu moderaten Preisen, mit diesem Konzept hatten die unkonventionellen Macher lange Erfolg, doch jetzt rechnet sich das Konzept nicht mehr.

Von Franziska Gerlach

Vorbei, endgültig. Es ist eine Ära, die in diesen Tagen in der Türkenstraße zu Ende geht - zumindest für alle, die den Kultladen "Zweitausendeins" geliebt haben.

Gerüchte über ein mögliches Aus hat es schon lange gegeben, nun schließt das kleine Geschäft mit dem besonderen Sortiment tatsächlich: Am Montag, 23. September, hat seine Fangemeinde nach 38 Jahren ein letztes Mal die Gelegenheit, in der CD-Auswahl abseits des Handelsüblichen, in der verlagseigenen DVD-Edition oder den Bildbänden, Biografien und Gedichtsammlungen zu stöbern.

Der 1969 gegründete Verlag, der auf seiner Homepage damit kokettiert, "das rätselhafteste Unternehmen des Landes" zu sein, macht derzeit eine Filiale nach der anderen dicht: Im Februar gab Zweitausendeins das Geschäft in Freiburg auf, Ende Juni folgten Köln, Stuttgart und eine der Hamburger Filialen.

Bis in die Neunzigerjahre hinein bescherte jene Idee, die dem Gründungsmythos zufolge zwei Frankfurter Studenten bei billigem Chianti und Tütensuppe hatten, den Zweitausendeins-Filialen gute Umsätze: anspruchsvolle Bücher und Musik zu moderaten Preisen anzubieten. "Doch bei steigenden Betriebskosten mit sinkenden Umsätzen waren die Läden zuletzt nicht mehr finanzierbar", so eine Sprecherin von Zweitausendeins.

Noch im April vergangenen Jahres hatte das Unternehmen verkündet, für alle 14 Filialen in Deutschland Franchisenehmer suchen zu wollen. Um präziser auf lokale Marktbedingungen einzugehen, sollten statt der Zentrale in Leipzig ein ortsansässiges Management die Geschicke der Filialen lenken. Doch der Plan ging nicht auf. Lediglich für Frankfurt konnte ein neuer Geschäftspartner gefunden werden. Über München heißt es indes: "Wir bedauern es sehr, die Filiale schließen zu müssen."

Weil der Laden nach Ansicht der Unternehmensleitung nicht mehr rentabel war, leiten nun an einem regnerischen Nachmittag zwei Mitarbeiter ihren Ausverkauf. Mit gefasster Miene tun sie das, was sie hier über zwei Jahrzehnte getan haben: Sie tippen Beträge ein, prüfen den Warenbestand und klären über Preisvorteile auf.

Claudia Badji, die die Filiale mit reichlich Herzblut geführt hat, lässt den Blick durch jenen Laden streifen, in dem sie schon als Mädchen gearbeitet hat. Jetzt muss sie zusehen, wie Schnäppchenjäger die stark reduzierten Restposten durchforsten. Ihr Kollege, den die Kunden als stets gut gelaunten, kompetenten Berater kennen, plänkelt mit einer Dame, als ob rein gar nichts wäre und er in der kommenden Woche selbstverständlich wieder hinter dem leicht erhöhten Verkaufstresen anzutreffen sei.

Über firmeninterne Vorgänge, die zur Schließung geführt haben, darf er freilich nichts sagen. Doch es genügt ein Mindestmaß an Menschenkenntnis, um hinter seiner geschäftsmäßigen Fröhlichkeit die Tragweite der Kündigung zu erfassen: Er ist bereits 58 Jahre alt und zählt somit nicht zu jener Altersgruppe, um die sich Arbeitgeber für gewöhnlich reißen. Vor diesem Hintergrund wirkt die Botschaft des an der Kasse angebrachten Plakates fast zynisch: "Wir lassen Sie nicht allein", steht da - auch wenn die Worte dem Kunden gelten, dem man das Sortiment künftig in einer größeren Filiale präsentieren will: dem Internet.

"Die billigsten CDs der Stadt"

Ob der 74-jährige Stammkunde, der seit 15 Jahren jede Woche bei Zweitausendeins vorbeischaut, auf Online-Shopping umsteigen wird, ist fraglich. Wie viele hat er von der bevorstehenden Schließung nichts gewusst. Dass es die Filiale in der Türkenstraße bald nicht mehr geben wird, findet der gebürtige Spanier in jedem Fall "sehr, sehr schade". Er gibt sogar zu, ein wenig sentimental zu sein. Über die Jahre hinweg habe sich, wenn auch kein freundschaftlicher, so doch ein immerhin guter Kontakt zum Personal ergeben.

Auch Hans-Peter Wintermayr trifft die Nachricht von der Schließung völlig unvorbereitet. Eher zufällig schaut er an diesem Tag im Laden vorbei - nicht wissend, dass es vermutlich das letzte Mal sein wird. Bereits als Student hat sich der heute 51-Jährige regelmäßig in der Türkenstraße mit Musik eingedeckt, "weil es hier die billigsten CDs der Stadt gab". Dass Zweitausendeins in den vergangenen Jahren angeblich preislich angezogen hat, wie so mancher Kunde bemängelt haben soll, kann Wintermayr hingegen nicht bestätigen. Bis heute schätzt er die "qualitative Auswahl des Sortiments". In dieser Hinsicht, davon ist er überzeugt, gibt es in München keine Alternative.

© SZ vom 19.09.2013/segi/lala
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