Künstlertreff Wiedergeburt aus der Erinnerung

Die "Traumstadt Schwabing" ist in der Schauburg auferstanden: Christian Ude hat den literarischen Schöpfer Peter Paul Althaus als Bürgermeister abgelöst. Er will die Tradition des lockeren Künstlertreffs mit Leben füllen

Von Thomas Anlauf

Eine Traumstadt wird, so darf vermutet werden, von Träumern bewohnt. Ein ganz Großer unter den Träumern war der Kaffeehausliterat Peter Paul Althaus, der ganz real in Schwabing daheim war, bis er sich 1965 auf "Seelenwandertouren begab", wie seine noch lebenden Seelenverwandten poetisch Althaus' Tod beschreiben. PPA, wie er sich selbst nannte, war der literarische Schöpfer der "Traumstadt Schwabing", die just in seinem Todesjahr ein Stück weit Realität werden sollte: In einem Bürgerhaus an der Kaulbachstraße 75 lud der Dichter am 12. April 1965 zur ersten Traumstadt-Versammlung ein.

Nostalgisch: Harfenistin Gudrun Haag spielt beim "Treffpunkt Traumstadt".

(Foto: Stephan Rumpf)

Es sollte ein poetisch-verspielter Gegenentwurf zur Wirklichkeit werden, mit ihm als Bürgermeister, mit Ehren-Oberlaternenanzündern und sonstigen wichtigen Ämtern, die zu einer veritablen Traumstadt gehören. 1977, gut ein Jahrzehnt später, war die poetische Utopie fast schon wieder Geschichte, doch nun scheint die Traumstadt Schwabing wieder aufzuleben.

Vor einigen Monaten lud Christian Ude Künstler und Kreative in seinen Schwabinger Partykeller ein, um die Traumstadt erneut auszurufen. Schon 1965 war der langjährige Münchner Oberbürgermeister bei der allerersten Traumstadtsitzung dabei, damals allerdings als 17-Jähriger an der Seite seines Vaters Karl und noch als "Nachwuchs ohne Posten". Genau 50 Jahre später ist Ude gewählter und amtierender Traumstadt-Bürgermeister, und in dieser Funktion ernannte er die "Schauburg" am Elisabethplatz am vergangenen Donnerstagabend zum "Treffpunkt Traumstadt". "Schwabinger Traditionspflege war gelegentlich in Gefahr, die Asche weiterzureichen, statt die Glut am Leben zu halten", sagte Ude. Er wünschte sich deshalb, dass sich der künstlerische Abend, der immer wieder an den Traumstadt-Initiator Althaus erinnerte, "als Wiedergeburtsstunde erweisen sollte".

Schon vor 50 Jahren war Christian Ude (oben, re. mit Vater Karl Ude, Mitte) ein Traumstädter.

(Foto: Archiv Oswald Malura)

Die Künstler auf der Schauburg-Bühne zumindest taten alles dafür, einen Hauch des alten Schwabing wieder spürbar zu machen. Jenny Evans besang ihren einstigen Jazzclub, das "Jenny's Place" an der Belgradstraße, Anatol Regnier seinen Großvater Frank Wedekind; Lucca Züchner und Thorsten Krohn vom Schauburg-Ensemble rezitierten Schwabinger Lyrik und Maria Peschek gab die Marietta di Monaco. Wären allerdings nicht die jungen Tänzerinnen des Jugendtreffs Biederstein gewesen oder der 30-jährige Poetry-Slammer Pierre Jarawan, der erst im Sommer ein Literaturstipendium der Stadt erhalten hat, der Abend wäre doch sehr im Gestern verhaftet geblieben. So aber durfte die Leiterin des "Seerosenkreises", Brigitta Rambeck, im "rituell totgesagten Stadtviertel" Schwabing an "eine Tradition anknüpfen": Die Tradition eines lockeren Künstlertreffs, der keinen bestimmten Ort braucht, sondern auch nur eine Idee sein darf, wie Ude sagte. Schauburg-Intendant George Todt, der den Traumstädtern am Donnerstag für eine Nacht kurzfristig eine Heimat gab, will dabei jedoch nicht ausschließen, dass sein Haus auch künftig dem wiederbelebten Schwabinger Künstlerkreis für Veranstaltungen offen steht.

Udes Frage ans Publikum am Ende des Abends war deshalb eigentlich schon rhetorischer Art, aber dennoch "ernst gemeint: Soll es solche Abende öfter geben?" Der Traumstadt-Bürgermeister erhielt als Antwort begeisterte Ja-Rufe und Applaus. "Die Traumstadt lebt", sagte Ude später lächelnd, sie sei einfach eine Idee der Lebensfreude und Heiterkeit, "auch durch die Generationen". Getanzt hat der oberste Schwabinger Traumtänzer im Schauburg-Foyer dann allerdings doch lieber zu Schlagern wie "Let's twist again". Der Song ist vier Jahre älter als die Traumstadt Schwabing. Aber immer noch unvergessen.