Süddeutsche Zeitung

Gruppenausstellung:Säuferlegenden und die Schönheit des Alltags

Lesezeit: 3 min

Eine wunderbare Schau voll heiterer Melancholie: Vier Münchner Künstler verzaubern mit "Bild und Ton" das Künstlerhaus Marktoberdorf.

Von Franz Kotteder, Marktoberdorf

Das Stüberl und seine Bedeutung für die Kunstproduktion ist ein bisher viel zu wenig beachtetes Phänomen. Dabei ist seine Rolle gar nicht zu unterschätzen. Es ist also höchste Zeit geworden, dass dieses Phänomen einmal ausführlich beleuchtet wird. Vier Münchner Künstler haben sich dieser Aufgabe nun im Künstlerhaus Marktoberdorf gewidmet - oder genauer gesagt: In der Stiftervilla daneben, denn im eigentlichen, deutlich größeren Ausstellungshaus werden noch ganz andere Fragen verhandelt.

Florian Süssmayr, Martin Fengel und Martin Wöhrl sind in der Kunstszene bereits klangvolle Namen. Die drei haben schon zu Beginn der Corona-Pandemie einen weiteren, mit ihnen befreundeten Künstler, den Keramikbildhauer Zsolt Zrinyi ans Licht der Öffentlichkeit geholt - zumindest war das die Absicht. Denn das Licht sah so aus, dass alle vier gemeinsam im ehemaligen Showroom des Lichtdesigners Ingo Maurer in der Münchner Kaiserstraße ausstellten. Dummerweise just im Corona-Lockdown. "Da durften dann nur vier oder fünf Leute rein", erzählt Florian Süssmayr, "wenn's 30 bis 40 am Tag waren, war das viel". Eine Besucherin war aber Maya Heckelmann, die Kuratorin des Marktoberdorfer Künstlerhauses, und sie dachte sich gleich: "Diese vier würden doch hervorragend ins Künstlerhaus passen."

Das war unzweifelhaft richtig gedacht, wie man nun in Marktoberdorf in ihrer Ausstellung "Bild und Ton" sehen kann. Mit großer Lust und Spielfreude haben sich die vier der drei großen Räume und des Altbaus daneben angenommen und spielen sich dabei die Bälle zu. Besonders deutlich merkt man das im Altbau. Die Villa, die dem kinderlosen Stifterehepaar Geiger gehörte und die an die Gemeinde Marktoberdorf überging "zur Nutzung für kulturelle Zwecke", ist gerade umfassend und über ein Jahr lang renoviert worden. Die vier Künstler aber sahen in ihr sofort das Potenzial zur Wirtsstube, genauer: zur Boazn und zum Stüberl. Und für diese niedrigste und am wenigsten angesehene gastronomische Instanz haben sie nun eine Hommage auf zwei Stockwerken gestaltet. Wobei es ihnen zupass kam, dass zumindest bei Zweien dieser Nichtort immer mal wieder eine Rolle spielte in ihrem Schaffen.

Die Schau weist allerlei kunsthistorische Bezüge auf

Der Maler Florian Süssmayr etwa hat in seinem Werk immer wieder Bezug genommen auf Klowandkritzeleien, Bierdeckelverzierungen, Wirtshausaufsteller, ranzige Gardinen, Gaststättenstühle und andere einschlägige Accessoires. Einige sehr schöne Arbeiten aus dieser Werkgruppe ("Brückenstüberl Ganghoferstraße, 2019") sind nun im Altbau zu sehen. Am eindrucksvollsten sicher die Stirnwand im Erdgeschoss: Auf 9,30 mal 2,40 Meter hat Süssmayr da die Holzvertäfelung einer Boazn abgemalt, ergänzt durch eine Getränkekarte ("Schnäpse und Liköre") sowie einen Blick auf einen Scherbenhaufen, betitelt mit "Golden Pudel Club St. Pauli, 2018". Martin Wöhrl, Bildhauer und "der Minimal Art sehr verbunden", hat ebenfalls einschlägige Werke beigesteuert. Sehr schön das aus einer Resopaltür gefertigte, mannshohe Bierglas ("Halbe") oder der knallblaue Stahlkanister mit der geschwungenen Aufschrift "Barolo". Wöhrl sagt: "Da ist wirklich Barolo drin. Hab' ich bei Garibaldi extra dafür geholt, die haben mich fast für verrückt erklärt."

Auch die Arbeiten des Fotokünstlers Martin Fengel haben im Altbau einen Bezug zur Gaststättenthematik, wenngleich auch ästhetisch ferner. Und Zsolt Zrinyis farbig glasierte Keramikskulpturen, meist figürliche Klopse zwischen Comic und Monster mit sehr sprechenden Namen wie "Sinatra", "Wolfi" oder "Rüülps" passen gut dazu. Präsentiert werden sie hier auf übereinander gelegten Wirtshausstühlen. Im Hauptgebäude des Künstlerhauses sind es unter anderem Barhocker und ergeben gleich noch eine zusätzliche Skulptur, die an das berühmte Readymade "Flaschentrockner" von Marcel Duchamp erinnern.

Die Schau arbeitet mit allerlei kunsthistorischen Bezügen

Überhaupt arbeitet die Schau im Haupthaus mit allerlei kunsthistorischen Bezügen. Martin Wöhrls "Gloriole" aus Schnittabfällen einer Schreinerei erinnert tatsächlich an derartige Bauteile einer Barockkirche, Süssmayrs Abstraktionen der "Apokalyptischen Reiter" von Dürer oder die Buchillustration von de Sades "Justine" zeigen seinen ganz eigenen Zugang zu Holzschnitt und Druckgraphik sowie ihre fast schon stupend perfekte Umsetzung in Malerei. Fengel wiederum zeigt seine Stärke bei der Wahl grausam-komischer Bildmotive. Und Zrinyis skurrile Tonfiguren, ikonische Abbilder menschlicher Schwächen und Irrungen, fügen sich da prächtig ins Gesamtbild ein.

Es ist eine wunderbare Schau voll heiterer Melancholie geworden, die die Banalität, aber auch die Schönheit des Alltags feiert. Wenn man so will, könnte man sagen: Sie zeigt, dass auch eine gestrandete Existenz noch große Würde ausstrahlen kann, man muss einfach nur mal richtig hinschauen. Wenn das nicht Aufgabe der Kunst ist, was dann?

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