bedeckt München

SZ-Serie: Gassigedanken:Muse auf vier Pfoten

Anton Brandl mit seiner Hündin Friedl am Alten Flughafen Riem.

(Foto: Yoav Kedem)

Die Runde mit dem Hund ist für viele Kreative eine inspirierende Freiheit im Lockdown. Der Fotograf Anton Brandl lässt sich bei der Suche nach Motiven von seinem Australian Shepherd Friedl begleiten.

Von Karl Forster

Der Himmel war wolkenverhangen. Ungewohnt verlassen wirkt der Parkplatz des Benediktinerklosters Schäftlarn gegenüber der Barockkirche, einem jener Schmuckstücke Bayerns, das man gerne auswärtigen Besuchern zeigt, um ein bisschen anzugeben. Anton Brandl hievt die Metallkoffer mit der Kamera und den schweren Lampen aus dem Heck seiner 350 PS starken Audi Quattro und sagt leise, aber bestimmt: "Friedl, du bleibst!" Friedl, die zwölf Jahre alte Aussie-Hündin, kennt das, rollt sich in dem Metallgitterkäfig zusammen und tut so, als ob sie schliefe.

Anton Brandl soll, so der Auftrag, das Innere der Kirche für eine Festschrift fotografieren, eine knifflige Aufgabe, weil durch die gewaltigen, hochformatigen Fenster Helligkeit eintritt, die mit der Verschattung des Raums arg kontrastiert. Aber er ist sichtlich zufrieden, das Licht, meint er, sei gerade "absolut super", nicht trotz, sondern gerade wegen der Trübnis am Himmel. Nur dreimal drückt Anton Brandl auf den Auslöser. Dreimal Blitzlicht. Dreimal das typische Klacken des Verschlusses. "Mission accomplished." Ein paar Tage später wird der Auftraggeber der Festschrift bei Anton Brandl anrufen: "Sagenhaft, so hab ich diese Kirche noch nie gesehen."

Eine Muse namens "Friedlhund", wie das Herrchen gerne zu seiner Australian-Shepherd-Dame sagt.

(Foto: Yoav Kedem)

Szenenwechsel: Ein letztes Mal steigt Brandl am Tag vor der Vernissage die Stufen im Inneren des Kunstbunkers Tumulka hoch. An seiner Seite Friedl, die Australian-Shepherd-Hündin. Es ist eng, bedrückend eng. Doch die 17 Bilder an den Wänden, 1,15 mal 1 Meter groß auf Aludiond aufgezogen, versprechen Weite, Größe, Kraft. Es sind Fotografien von gewaltigen Steinbrüchen im Altmühltal, die Anton Brandl mit der Großbildkamera aufgenommen hat und die hier korrespondieren mit Arbeiten des Bildhauers Christian Hinz; eine faszinierende Zwiesprache von Stein aus der Urzeit des Tethysmeeres mit zu Skulptur geformtem Stein von heute.

Was ist jetzt also Kunst? Die Klosterkirche von Schäftlarn ist, genauso wie die Wieskirche von Steingaden oder die freskenreiche romanische Kirche von Urschalling nahe Prien am Chiemsee, eines der meistfotografierten klerikalen Bauwerke Bayerns. Kunst in Vollendung. Und Brandls Arbeit? Die unglaubliche Schärfe auch der kleinsten Details. Die schier unfassbar gleichmäßige Ausleuchtung bis in die Ecken der Seitenaltäre. Die zeitlose Frömmigkeit, die dieses Bild ausstrahlt. Brandl sagt, das sei Handwerk, wenn man so will Kunsthandwerk. "Das ist eine Übung der Perfektion. Was für den Pianisten die Etüden des österreichischen Komponisten Carl Czerny sind, ist für mich ein Auftrag wie dieser." Mit dem kleinen Unterschied, dass Pianisten bei Czerny das Fluchen lernen, Brandl aber für eine solche Übung ein Salär einstreichen kann.

Hopfenstangen Anton Brandl

"Kunst entsteht im Kopf, wenn ich was für mich Einmaliges sehe", sagt Anton Brandl. Hier auf einer seiner Fotografien: Hopfenstangen.

(Foto: Anton Brandl)

"Kunst entsteht im Kopf, wenn ich was für mich Einmaliges sehe", sagt Anton Brandl. Wie zum Beispiel die Steinbrüche im Altmühltal. Er kannte sie schon von früher. Aber ihre Faszination spürte er erst, als er mit dem Drachen drüber geflogen war. Nach der Landung wusste er: Er hat nun die Aufgabe, dieses Faszinosum in Fotografie umzusetzen, dieses Einmalige mit der Kamera einzufangen. Das Besondere an der Kunstfotografie? Brandl ist da Pragmatiker: "Wir nehmen ja doch nur abgestrahltes Licht auf."

Seine Lieblingsmotive findet er beim Spazierengehen mit Friedl weitab vom Alltag der Großstadt. Da wären die Hopfengärten der Hallertau im Winter, wenn sich die am Kopf mit endlosen Drähten verbundenen Stangen zu einer Art winterlichem Appell reihen. Oder in Wäldern versteckte Reste früherer Zivilisationen. Sich im Horizont verlierende, durch die karge Landschaft mäandernde Bäche, oder eben gewaltige Steinbrüche im Altmühltal, die Brandl so fotografiert, dass sie wieder die Urgewalt des Tethysmeeres aus dem Mesozoikum ausstrahlen. Immer mit dabei: Friedl, seine vierbeinige Muse als Spurensucherin, die zwar "ab und an ins Bild läuft", aber vor allem und allerorten Fröhlichkeit verbreitet.

Unzertrennlich: Anton Brandl und Friedl zuhause in der Küche.

(Foto: Yoav Kedem)

Die Lust an der Fotografie erbte Anton Brandl, 1954 in Ingolstadt geboren, von seinem Vater. Der war, als Ingenieur bei Audi, derart technikaffin, dass er sich für sein Hobby, die Imkerei, eine Spiegelreflexkamera zulegte, um die Arbeit der Bienen und die Arbeit mit ihnen exakt zu dokumentieren. Anton Brandl lieh sich das kostbare Teil, fand Gefallen daran, dachte aber nicht im Entferntesten daran, damit später seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Eher dachte er schon an einen Hund, was aber in der Familie Brandl nicht funktionierte, weil hier Katzen das Sagen hatten. "Ich litt unter einem unerfüllten Hundewunsch", sagt Anton Brandl heute.

Durch eine fürs katholische Bayern nicht untypische Beschäftigung als Ministrant und Oberministrant in den Kirchen von Ingolstadt aber lernte er die oft großartige Innenarchitektur der Gotteshäuser kennen und schätzen, was sich später als sehr gewinnbringend herausstellen sollte. Doch zunächst verschrieb er sich dem Studium der Mathematik, vertrieb sich dank väterlicher Unterstützung die Zeit mit schnellen Runden auf der Audi-Teststrecke und schockiert auch heute noch gelegentlich Mitfahr-Neulinge durch eine ausgeprägte Lust am schnellen, aber kontrollierten Fahren, vornehmlich im Gebirge.

Noch aber war die Fotografie mehr Begleiterscheinung als Berufung. Anton Brandl, durch einen einschlägig erfahrenen Lehrer vom Besteigen diverser Bergriesen auf diversen Kontinenten infiziert, dokumentierte die Touren, in Afghanistan, in Südamerika, in Afrika, wo man bei dem Trip auf den Kilimandscharo schon sieht, dass diese Fotografien mehr sind als nur Erinnerungen. "Irgendwann während des Studium hat es dann geschnackelt, und ich hab gemerkt: Fotografie, das ist es, das will ich machen."

Sein "Kleinbildzeugs" hatte er verkauft. Nun, da es ernst werden sollte mit der Fotografie, kam eine Großbildkamera ins Haus. Und weil Glück nicht weit vom Können entfernt ist, gab es bald Aufträge, auch von BBDO, einer der größten Werbeagenturen weltweit. Es war viel Architektur dabei, bald schon kamen Jobs von der Industrie. Und weil Brandl viel als fotografischer Czerny geübt und gelernt hat, war man mit seinen sehr, sehr sauberen Arbeiten sehr, sehr zufrieden. Dass Anton Brandl dazu die Gabe besitzt, mit jedem Menschen, und sei er noch so verstockt, ins Reden zu kommen, verschaffte ihm einen Erfahrungsschatz, der das gewaltige Wissen aus tausenden Büchern trefflich ergänzt. Das alles führte, um die Geschichte zu kürzen, auch zu sehr sehr brauchbaren Lebensumständen. Und zu der Freiheit, sich zunehmend der fotokünstlerischen Ambition zuzuwenden.

"Erstens haben diese Hunde eine ähnliche Frisur wie ich, zweitens sind sie ausgesprochen gute Bergsteiger"

Anton Brandl hat also bald Zeit genug für Kunstbände und Ähnliches, für die Regensburger Sonntagsbibel oder für eine Ausstellung auf Tollwood zusammen mit dem Münchner Poeten Friedrich Ani zum Thema "Spuren - vom Suchen und Finden". Und er hat Zeit für die Freiheit des Fliegens, schon in den Siebzigerjahren mit dem Drachen im Altmühltal, später dann mit dem Gleitschirm überall, wo es halt gerade geht. Allerdings nicht freitags, da muss Anton Brandl den Kunststudenten der katholischen Universität Eichstätt - Ingolstadt Fotografieren beibringen. Friedl, Brandl sagt zu ihr gerne "Friedlhund", ist natürlich mit dabei. Wie auch bei den Exkursionen ins italienische Civitella, wo die Studenten unter anderem lernen sollen, erst dann auf den Auslöser zu drücken, wenn wirklich alles stimmt, um dem berühmten Fotografengrundsatz zu genügen: to catch the moment. Und Friedl, gesegnet mit den Genen des Hirtenhundes, passt auf, dass sich die Studenten hier nicht verlaufen.

Was nun zuerst da war, die Kunst oder der Hund, ist schwer zu sagen, das Künstlerische wuchs und wuchs im Laufe des Lebens von Anton Brandl, den eigentlich alle Brandldone nennen. Und auf einmal war da eine acht Wochen alte Australian-Shepherd-Hündin. Warum die? "Erstens haben diese Hunde eine ähnliche Frisur wie ich, zweitens sind sie ausgesprochen gute Bergsteiger." Und drittens, könnte man hinzufügen, haben sie ein ähnlich lebensfrohes und gelassenes Gemüt wie das Herrchen.

© SZ vom 20.02.2021/blö/amm/van
Zur SZ-Startseite
Rosalie Wanka, Cecilia Loffredo

SZ PlusTanztheater
:Gerettet vom Tango

Zwei klassisch ausgebildete Tänzerinnen merken: Für das Leben als Ballerina wollen sie ihren Körper nicht schinden. Stattdessen beginnen sie, Tango zu tanzen. Über die Entdeckung einer wilden, liebevollen Welt.

Von Rita Argauer

Lesen Sie mehr zum Thema