bedeckt München 24°

Kritik:Freundschaftsdienst

Das BRSO meldet sich live zurück. Ganz behutsam

Von Michael Stallknecht

Erst vor einer guten Woche wusste das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dass es zum Konzert mit dem Dirigenten Jakob Hrůša - vorgesehen für die Radioübertragung - doch Publikum würde empfangen dürfen. Statt allerdings wie die Staatsoper für die "Walküre" am vergangenen Donnerstag rasch den Vorverkauf anzuschmeißen, setzte man lieber auf eine schöne Geste: Man lud den Verein der Freunde des Orchesters ein, um für die finanzielle und ideelle Unterstützung während des Lockdown zu danken.

Dem Auftritt vor etwa zweihundert frisch auf eventuelle Viren getesteten Gästen in der Philharmonie gibt das noch den Charakter einer Generalprobe, was vielleicht auch die etwas zurückhaltende Emotionalität erklärt. Bei Antonín Dvořáks "Biblischen Liedern" kommt die Altistin Gerhild Romberger ohne dramatische Ausbrüche aus und deutet die Psalmvertonungen gänzlich verinnerlicht aus dem tschechischen Text. Dabei lotet sie ein breites Spektrum von Pianofarben aus und liebkost melodische Wendungen geradezu mit ihrer bestechenden Legatokultur. Nur tritt bei diesem Zugang auch die Schlichtheit mancher melodischen Erfindung hervor, wirkt der Zyklus als ganzer etwas einförmig.

Im Gegensatz zum Staatsorchester in der Oper spielen die BR-Symphoniker noch mit Abständen an Einzelpulten. Bei Dvořák sorgt das für feinpastellene Farben, bei Johannes Brahms' "Erster Symphonie" im Anschluss für eine vergleichsweise kleine Streicherbesetzung. Jakob Hrůša nutzt den schlanken Klang für eine Deutung aus dem Geiste Mendelssohns: Leicht und straff kommt dieser Brahms daher, genau strukturiert, in der Dynamik fein ziseliert und sinnfällig bewegt in den einzelnen Phrasen. Die herrlichen Oboensoli von Ramón Ortega Quero und der übrigen Holzbläser bekommen so gebührenden Raum, dem Gesamtklang freilich fehlt es mindestens in der dritten Parkettreihe doch an Wärme und atmosphärischer Dichte. Anfang Juni wollen auch die BR-Symphoniker wieder vor größerem Publikum spielen, der Vorverkauf für die Konzerte mit Andris Nelsons beginnt an diesem Dienstag.

© SZ vom 17.05.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB