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Kritik:Eigenwilliges Fest

"Nehmen Sie die Untersuchungspille!" im Tams

Von Sabine Leucht

Ein Mann geht zum Arzt mit einer eigentlich harmlosen Frage. Und am Ende einer langen Reihe zunehmend wolkigerer Diagnosen ist er so weich gekocht, dass er willig den Mund aufsperrt und die bittere Medizin schluckt, die ihn in einen toten Gegenstand verwandelt. Dieser kleinen Szene aus der Feder des russischen Dichters Daniil Charms, in der auf der Bühne des Tams der herrliche Stoizismus Zoltan Slobodas mit der halbironischen Ängstlichkeit Javier Kormanns zusammenprallt, hat der Abend seinen Titel zu verdanken. "Nehmen Sie die Untersuchungspille!" ist eine Produktion des Theater Apropos unter der Regie von Burchard Dabinnus, der die inklusive Truppe aus Psychiatriepatienten und Therapeuten seit 2019 leitet.

Ursprünglich schon im April für das Geburtstagsprogramm des Tams vorgesehen, zu dem das Apropos seit mehr als dreißig Jahren gehört, machte sie jetzt gut gelaunten 22 Zuschauern Lust auf die neue, auch in der Haimhauserstraße 13a seltsam andere Saison. Denn was die sechs Schauspielprofis im Nebenberuf um einen vierteiligen Paravent herum auf die Bretter bringen, ist tamsisch von A bis Z: das scheinbar ziellose Stromern durch das Werk eines Autors, der politische Kritik in groteske Poesie und Dada-Dialoge kleidet. Die Selbstverständlichkeit, mit der die sechs auf Kommando rote Papierfähnchen zücken oder ein riesiges Ohr vom Bühnenportal hängt - und nicht zuletzt ihre Spielweise, die mit einem finsteren Blick, einem forschen Aufstampfen oder ein paar roten Edding-Strichen auf Zeitungspapier eigentlich Undarstellbares plastisch macht: lila Wind, schreiende Igel oder Hasen, die Tinte trinken. Auch allerlei Hüte und eine tolle Marilyn-Monroe-Nummer fügen sich in Dabinnus' charmantem Charms-Pointillismus, der inhaltlich wie formal das Anderssein und das Unvollkommene feiert. Und der aus Syrien stammende Bratschist Shadi Hlal spielt Schostakowitsch dazu. Schön!

© SZ vom 16.09.2020

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